Putin ringt um Einfluss – jetzt infiltrieren seine Schergen Madagaskar
Es ist der 20. Dezember 2025. Rund vierzig russische Söldner sitzen in einem Flugzeug über dem Indischen Ozean. Ziel: der internationale Flughafen Ivato in Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Ihr Anführer, General Andrej Awerjanow, Offizier des russischen Militärgeheimdienstes GRU von Wladimir Putin, betritt das Rollfeld, gefolgt von seinen Männern.
Es ist nicht das erste afrikanische Land, in dem die Russen aktiv sind. Doch während in Mali die Kämpfe andauern, geht es Putins Männern in Madagaskar um politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Das zeigt der jüngste Bericht der NGO Inpact (ehemals All Eyes on Wagner), die sich auf Open-Source-Recherchen (Osint) zu russischen Aktivitäten in Afrika spezialisiert hat. Der Bericht entstand in Zusammenarbeit mit den Rechercheteams Svoboda und Systema von Radio Free Europe.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Der neue Machthaber
Im September 2025 erschüttert eine grosse Protestbewegung gegen die madagassische Regierung, getragen von einer neuen Generation junger Menschen, Antananarivo. Am 12. Oktober kommt es in der Hauptstadt zu einem Staatsstreich, der zur Flucht des amtierenden Präsidenten führt. Er wird durch Oberst Michael Randrianirina ersetzt, einen einflussreichen Offizier.
Für Putin ist dies eine Gelegenheit, seinen Einfluss in Afrika in der ehemaligen französischen Kolonie auszubauen, die 1960 unabhängig wurde. «Michael Randrianirina weigerte sich, auf die Menge zu schiessen, und stellte sich als Beschützer des Volkes dar», sagt Lou Osborn von Inpact.
Der russische Botschafter nimmt umgehend Kontakt mit dem Oberst auf, dem neuen starken Mann des Landes. Die Annäherung an Moskau folgt rasch: Wenige Wochen nach dem Staatsstreich gibt Michael Randrianirina dem russischen Nachrichtensender RT, der vom Kreml finanziert wird, sein erstes internationales Interview.
Awerjanow, ein Vertrauensmann Putins
Im Dezember landen die 40 russischen Agenten. Der Leiter der Mission, Andrej Awerjanow, geniesst das Vertrauen von Wladimir Putin. Er war an der Annexion der Krim beteiligt und steht in Verbindung mit der Vergiftung des russischen Spions Sergej Skripal mit Nowitschok in England im Jahr 2018.
Ihm wird zudem vorgeworfen, 2023 eine Rolle beim tödlichen Absturz des Jets von Jewgeni Prigoschin, dem damaligen Chef der rebellisch gewordenen Wagner-Gruppe, gespielt zu haben. Er setzt vor Ort Anton Papschew ein, einen jungen, wichtigen GRU-Offizier, der in Madagaskar die Führung übernehmen soll.
Die Männer von Awerjanow nehmen rasch Kontakt zu Politikern und Parteien auf, die ihnen zugeneigt sein könnten. Dazu gehört der Präsident der madagassischen Nationalversammlung, Siteny Randrianasoloniaiko, der sich in der Vergangenheit positiv über Russland geäussert hat. Er bewegt sich inzwischen mit russischen Leibwächtern.
Sie unterstützen zudem die Gründung einer neuen politischen Partei, der «Réveil patriotique de Madagascar uni» (RPMU), die offen prorussisch auftritt. Seit März hat sich auch der neue Premierminister Mamitiana Rajaonarison für engere Beziehungen zu Moskau ausgesprochen.
Im militärischen Bereich beginnen russische Ausbildner, madagassische Rekruten zu trainieren. Militärische Ausrüstung wird stationiert. Zunächst werden Sturmgewehre, Scharfschützengewehre und Drohnen geliefert, später auch Fahrzeuge wie Lastwagen und Helikopter.
screenshot: rt
Ein strategischer Hafen
Doch Moskau hat auch ein geopolitisches Schlüsselobjekt in der Region ins Visier genommen: den Hafen Diego-Suarez in der Stadt Antsiranana an der Nordspitze der Insel. Er ermöglicht die Kontrolle über den Mosambik-Kanal, das Meeresgebiet zwischen Madagaskar und dem afrikanischen Festland. Dieser strategische Seeweg verfügt zudem über bedeutende Offshore-Gasreserven. Laut Inpact wäre dies ein idealer «Hub» zwischen dem südlichen Afrika und dem Nahen Osten.
Im Mai wird am Internationalen Forum für Sicherheit in Moskau eine gemeinsame russisch-madagassische Wirtschaftszone beschlossen. Vorgesehen ist unter anderem, dass sich die russischen Energieunternehmen Gazprom und Rosneft dort ansiedeln. Der Deal wurde von Siteny Randrianasoloniaiko ausgehandelt und angekündigt.
Dies sorgt bei den bereits vor Ort tätigen westlichen Ölunternehmen wie den französischen Firmen Total und Rubis sowie dem britischen Unternehmen Vivo für Unmut. Es ist nicht der einzige Rückschlag für Frankreich: Der Hafen Diego-Suarez soll gemäss einem im Februar unterzeichneten Vertrag mit französischem Kapital modernisiert werden.
Weitere Wirtschaftsbereiche stehen ebenfalls im Fokus Moskaus. Dazu gehört die Chrommine Kraoma, die in der Vergangenheit bereits von der Wagner-Gruppe betrieben wurde. Auch der staatliche russische Atomkonzern Rosatom plant, in Madagaskar aktiv zu werden. Der Landwirtschaftssektor wurde ebenfalls kontaktiert.
Soft Power und Influencer
Die Männer von Putin setzen auch auf Soft Power. In Madagaskar wurde ein «Russisches Haus» eröffnet, zudem eine lokale Niederlassung von African Initiative, einem russischen Medium mit Schwerpunkt auf Afrika-Russland-Beziehungen. Rasch werden Kontakte zu nationalen Radio- und Fernsehsendern geknüpft, um Kooperationen aufzubauen.
African Initiative lädt zudem mehrere madagassische Influencer nach Moskau zu den Feierlichkeiten vom 9. Mai ein, dem Tag des Sieges über Nazideutschland und einem wichtigen militärischen Gedenktag. Diese Inhalte verfolgen laut Inpact ein Ziel: einen positiven Einfluss auf die madagassische Jugend auszuüben. Auch die russisch-orthodoxe Kirche nutzt die Gelegenheit für Missionierungsarbeit im Land.
Eine gut finanzierte Struktur
Eine Frage bleibt: die Finanzierung. Denn all diese Aktivitäten benötigen finanzielle Unterstützung. Diese kommt durch die Präsenz mehrerer einflussreicher russischer Banker. Dazu gehört der Geschäftsmann Alexander Zingman, der den afrikanischen Kontinent gut kennt.
Diese Banker gründen A7, eine Finanzorganisation, die als Infrastruktur für Moskaus Operationen dient. Sie arbeitet mit der russischen Bank Sberbank zusammen, die westlichen Sanktionen unterliegt.
