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Russland

Semyon Skrepetsky: Künstler malte Putin als Baby, 3 Tage später ermordet

Russischer Künstler malte Putin als Baby – drei Tage später ist er tot

Noch am vergangenen Freitag stand der russische Maler Semyon Skrepetsky vor der russischen Botschaft in Berlin und protestierte. Am Montag fand man seine Leiche in Polen. Warum ignoriert man am wichtigsten Kunst-Event Art Basel diesen Künstlermord?
18.06.2026, 04:3518.06.2026, 04:35
Julian Schütt
Julian Schütt
Der russische Exilkünstler protestierte am letzten Freitag vor der russischen Botschaft in Berlin.
Der russische Exilkünstler protestierte am letzten Freitag vor der russischen Botschaft in Berlin.getty

Am vergangenen Freitag marschierte der 44-jährige russische Exilkünstler Semyon Skrepetsky noch in Berlin vom Brandenburger Tor zur russischen Botschaft. Er hatte eine Pelzmütze aufgesetzt und sich viele Orden angehängt wie ein alter Sowjetgeneral. Zudem trug er ein Gemälde mit sich. Es zeigte Stalin mit einem Baby-Putin auf dem Schoss. Bei einem öffentlichen Abfalleimer entsorgte er demonstrativ eine russische Flagge.

Drei Tage später war Skrepetsky tot, erschossen von mehreren Kugeln. Sie waren aus nächster Nähe abgegeben worden. Eine davon traf ihn im Kopf. Das Attentat ereignete sich im Osten Polens, wo der Künstler und Aktivist mit seiner Familie wohnte. Die Ermittler gehen von einer Art Hinrichtung aus. Sie fand auf einem Parkplatz vor einem Wohnblock in Biala Podlaska statt, nahe der Grenze zu Belarus. Inzwischen sollen zwei Belarussen in Haft sein, wie der «Guardian» berichtet. Ob sie die Tatverdächtigen sind, ist derzeit aber noch unklar.

Der Künstler floh schon 2021 vor Putin

Semyon Skrepetsky hiess eigentlich Robert Kuzowkow und stammte aus Sibirien. Schon vor Putins Überfall auf die Ukraine flüchtete er 2021 aus Russland, aus Angst vor politischer Verfolgung. Neben dem russischen Despoten karikierte er auch den belarussischen Diktator Lukaschenko und den blutrünstigen Tschetschenen-Anführer Ramsan Kadyrow. Als Kontrastprogramm porträtierte er den ermordeten Oppositionsführer Alexej Nawalny und den ukrainischen Präsidenten Selenski.

Der russische Aktivist Semyon Skrepetsky entsorgt in Berlin eine russische Fahne im Abfalleimer.
Der russische Aktivist Semyon Skrepetsky entsorgt in Berlin eine russische Fahne im Abfalleimer.Bild: AP

Polen gilt als Drehkreuz für militärische und andere Transporte an die Ukraine. Deshalb tummeln sich russische Spione im Land, die Wissen über antirussische Aktionen aller Art sammeln. Putin lässt immer wieder oppositionelle Landsleute in ganz Europa verfolgen und liquidieren.  Emigrierte Widerständische aus dem Kulturbereich ignorierte sein Machtapparat aber bislang, sie waren ihm zu unbedeutend. Das scheint sich nun geändert zu haben.

In exilrussischen Kreisen, so der «Guardian», geht man davon aus, dass der Mord auf das Konto des tschetschenischen Putin-Getreuen Kadyrow geht. Skrepetsky veröffentlichte nur zwei Tage vor seinem Tod ein Gemälde, das Kadyrow und seinen Sohn als Schweine karikiert. Auch Kadyrow ist berüchtigt dafür, seine Kritiker über die Landesgrenzen hinaus aufspüren und ermorden zu lassen.

Verfolgt Putin auch Regimegegner in der Schweiz?

An diesem Attentat ist vieles erschreckend: Offenbar können Putins Schergen im EU-Raum und wohl auch in der Schweiz unbehelligt ihre Gegner verfolgen und gegebenenfalls zur Strecke bringen. Fast alle bedeutenden russischen Kulturleute leben inzwischen im Exil, weil sie das Regime ablehnen oder gar explizit bekämpfen. Wenn sie sich auch in Europa nicht mehr sicher fühlen können, ist das ein Armutszeugnis für die westlichen Demokratien und ihre Geheimdienste.

Noch etwas irritiert: Semyon Skrepetsky zeigte, wie sich mit einfachen, drastischen Aktionen auf der Strasse statt im Museum künstlerischer Widerstand leisten lässt. Seine Kunst erinnert an die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo: Er duldete keine Verbote und scheute keine Provokation. Oft trug er seine satirischen Gemälde als Aufdruck auf seinem T-Shirt. Er war kein Starkünstler. Ihm ging es nicht ums Geld oder Renommee, vielmehr darum, gegen Putins Despotie zu protestieren und die Leute auch im Westen aufzurütteln.

Dafür riskierte er sein Leben. Anfang dieser Woche verlor er es – ausgerechnet vor Beginn der Art Basel, der weltweit bedeutendsten Kunstmesse. Dort scheint die Ermordung eines vergleichsweise unbekannten russischen Künstlers, der kaum Geld in die Kassen der Galeristen spült, jedoch kaum Aufmerksamkeit zu erhalten. Und für die erlauchte Kunst-Bubble in Basel wäre selbst eine Gedenkminute für den ermordeten Semyon Skrepetsky reine Zeitverschwendung. Lieber feiert man sich selbst und hofft, bald wieder Gemälde an Putins Oligarchen verkaufen zu dürfen. (schweizheute.ch)

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