Leben mit dem Bombenterror: In Kiew machen die Menschen einfach weiter
Die Sirenen des Luftalarms heulen, und Passanten heben den Kopf, um den Himmel nach Drohnen abzusuchen. Man hört nur das Geräusch eines Düsentriebwerks. Es ist leiser als jene der ukrainischen Kampfjets, die manchmal über der Hauptstadt Jagd auf russische Drohnen machen.
Die Ukrainer auf den Trottoirs bleiben gefasst, sofern der Lärm der Triebwerke nicht näher kommt und zu erwarten ist, dass die Drohne in der näheren Umgebung einschlägt. Leider gibt es in Kiew – anders als in den meisten anderen Grossstädten – keine mobilen Betonbunker im öffentlichen Raum, in die man in solchen Momenten flüchten könnte.
Bisher hatte sich die städtischen Behörden auf Keller und die Stationen der U-Bahn verlassen. Doch normale Keller sind keine gehärteten Schutzräume, die auch für den möglichen Einsturz eines Gebäudes konzipiert wären. Und U-Bahn-Haltestellen sind vor allem in den von Russland bevorzugt angegriffenen Aussenvierteln dünn gesät.
Dort befinden sich – im Gegensatz zum Stadtzentrum – die meisten Industrieanlagen. Inzwischen hat die Drohne, die wir noch vor kurzem über unseren Köpfen gehört hatten, ihr Ziel gefunden und eine weit entfernte Tankstelle getroffen.
Die neuen russischen Drohnen – sie heissen Geran-4 und Geran-5 (Russisch für Geranium), fliegen dank ihrer Düsen wesentlich schneller als ihr propellergetriebener Vorgänger Geran-3, der wiederum eine Weiterentwicklung der iranischen Schahid war. Die höhere Geschwindigkeit, bis zu 600 Kilometer pro Stunde, ist vor allem ein Problem für die ukrainischen Abfangjäger-Drohnen, die ihr Ziel jeweils von hinten angreifen und die neuen Geran so nicht einholen können.
Ausserhalb der Reichweite von Maschinengewehren
Vielleicht noch schlimmer als die Geschwindigkeit ist aber die Tatsache, dass die neuen Fluggeräte auf schätzungsweise 3000 Metern Höhe fliegen. Damit bleiben sie ausserhalb der Reichweite jener schweren Maschinengewehre, mit denen die Ukrainer die Drohnen abzuschiessen versuchen.
Bevor es dunkel wird, postieren sich Pick-ups mit aufmontierten automatischen Rohrwaffen und Nachtsichtgeräten an Ausfallstrassen, bei Brücken und anderen Orten mit freiem Sichtfeld, um sich später eine meist erfolglose Abwehrschlacht mit den Angreifern zu liefern.
Dabei wird mit viel Aufwand und Munition nur sehr wenig erreicht. Ein ukrainischer Fachmann meint, dass man auf diese Art und Weise im Mittel etwa 35’000 Schuss verpulvert, um eine einzige Drohne vom Himmel zu holen.
Die einfachste und günstigste Art, mit den neuen Geran fertig zu werden, wären die alten Gepard-Panzer mit ihren radargesteuerten 35-Millimeter-Kanonen aus Zürich-Oerlikon. Doch davon besitzt die Ukraine viel zu wenige. Ausserdem hat man es in den letzten Jahren verpasst, die zahlreichen Flugabwehrkanonen aus der Sowjetzeit mit modernen Radargeräten nachzurüsten.
Wenn die ukrainischen Streitkräfte ein Problem sehen, suchen sie in der Regel eine Lösung in Form einer Drohne und nicht einer Kanone. Inzwischen gibt es zwar schon Jäger-Drohnen, welche die neuen Geran einholen können, aber diese Waffen befinden sich noch in der Testphase und werden noch nicht in ausreichender Stückzahl produziert.
Mancherorts hat man auch elf Meter Hohe Türme aus einer Stahlkonstruktion errichtet, auf denen ein mit optischen Zielgeräten und künstlicher Intelligenz gesteuertes drehbares Maschinengewehr installiert ist.
Diese Waffen haben eine wesentlich bessere Abschussquote, doch hängt der gute Wert auch davon ab, dass die Software vor jedem Angriff die Trefferwahrscheinlichkeit berechnet. Ist diese gering, blockiert der Computer den Abzug des Schützen, wie ein Szenenkenner erklärt, der lieber anonym bleiben möchte. In diesem Fall kann die Luftverteidigung nur tatenlos zusehen, wie sich die Geran ihrem Ziel nähert.
Kommt hinzu, dass – immer laut diesem Spezialisten – die Bediener eine schriftliche Sondererlaubnis der Armee benötigen, um den Turm bei einer Ladestörung oder zum Aufmunitionieren des Maschinengewehrs zu besteigen.
Anders als ihre Vorgänger können die neuen russischen Drohnen direkt von einem Piloten gesteuert werden. Damit erhöht sich die Zielgenauigkeit, und es lassen sich nun auch fahrende Ziele oder Brücken angreifen. Zwei der insgesamt acht Brücken, die in Kiew über den breiten Dnipro-Fluss gespannt sind, wurden bereits getroffen.
Allerdings hielten sich die Schäden in Grenzen, denn für solche massiven Ziele sind die Sprengköpfe der Drohnen viel zu klein. Manchmal müssen die Bewohner von Kiew zwar mit Verkehrseinschränkungen rechnen, aber die befürchtete Isolierung des West- vom Ostufer des Dnipro ist bis jetzt ausgeblieben.
Wenn der Luftalarm zu spät kommt
Durch die vermehrten Angriffe und die Zunahme der Luftalarme wird es für viele Firmen immer schwieriger, effizient zu arbeiten. Denn zumindest theoretisch müssten die Angestellten jeweils in die Schutzräume, bis der Alarm aufgehoben wird.
Ein Unternehmer, dessen Firma ein grösseres Areal besitzt, hat deshalb einen grossen Keller mit Arbeitstischen, Computern und Toiletten einrichten lassen. Wer es vorzieht, kann hier permanent unterirdisch arbeiten. Viele Angestellte lassen sich vom Sirenengeheul aber nicht beeindrucken, denn in den allermeisten Fällen passiert wenig bis nichts. Umgekehrt gibt es Einschläge von ballistischen Raketen, auf die der Luftalarm erst im Nachhinein erfolgt.
Der Unternehmer führt uns über das Firmengelände zu einer tiefen Grube. Wird das ein neuer Schutzraum? «Hier bauen wir ein Reservoir für 50’000 Liter Löschwasser», sagt der Mann. «Die grössten Schäden werden nicht durch Explosionen verursacht, sondern durch die nachfolgenden Brände.» Es sei entscheidend, sich schon frühzeitig auf das Schlimmste vorzubereiten. (schweizheute.ch)
- Verdacht gegen US-Regierung erhärtet sich: Starlink soll auf Druck gedrosselt worden sein
- Ukraine attackiert wieder russische Ölraffinerien
- USA plante Zölle gegen Russland – Trump legt sie jetzt auf Eis
- Putin trifft Coca-Cola und McDonald's – Trump schweigt
- Merz warnt mit Blick auf die Ukraine vor Verharmlosung Russlands
- USA plante Zölle gegen Russland – Trump legt sie jetzt auf Eis
- Putin-Freund Schröder: So umgeht der Altkanzler die Russland-Sanktionen
