Er stellt Deutschlands Rechtsextreme bloss – und erntet Morddrohungen
Der Webvideoproduzent Marcant fühlt sich von der öffentlichen Überhöhung seiner Person in seiner Rolle fehlinterpretiert. Im jüngsten Gespräch auf seinem YouTube-Kanal berichtet er, online gelegentlich als «neue Anne Frank» oder «neue Sophie Scholl» bezeichnet zu werden. Solche Vergleiche mit Opfern der Nationalsozialisten weist er zurück: «Das bin ich nicht, das kann ich auch nicht sein.»
Er ist 23 Jahre alt und gebürtiger Frankfurter. Online nennt er sich Marcant, ein Wortspiel aus seinem Vornamen Marc und «markant». Unter diesem Namen ist er in gut einem Jahr zu einer der bekanntesten politischen Stimmen gegen Rechts im Netz geworden.
Seine Methode ist simpel und umstritten: Er redet mit Rechtsextremen – und fragt so lange nach, bis sie sich in Widersprüche verwickeln.
Marcant fährt auf rechtsextreme Demos, AfD-Feste und Neonazi-Aufmärsche. Dort sucht er das Gespräch mit Menschen, deren Weltbild er bekämpft.
Im April wurde er dafür mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet, einer der renommiertesten Demokratie-Ehrungen des Landes.
Das Format wirkt. Immer wieder schreiben ihm junge Menschen, sie hätten sich durch seine Videos von rechtem Gedankengut abgewandt. Für ihn gebe es kaum einen grösseren Sinn im Leben.
Doch mit seinen Videos macht sich Marcant Feinde.
Leben im Verborgenen
Er tritt nur unter seinem Künstlernamen auf, seinen vollen Namen hält er aus Sicherheitsgründen geheim. Auch seinen Wohnort verrät er nicht. An seiner Tür steht kein Name. Wo er lebt, wissen nur die engsten Vertrauten. Alte Fotos aus Schul- und Basketballzeiten hat er aus dem Netz löschen lassen.
Die Drohungen sind konkret. Auf einer Demo in Bautzen riet ihm die Polizei, zu gehen, weil sie ihn nicht länger schützen könne. An einem Bahnhof kündigte ihm ein Mann an, ihn zu verprügeln. Menschen schrieben ihm, sie versuchten, ihn aufzuspüren, sagte er dem «Tagesspiegel». Morddrohungen bekomme er täglich. Er rechne damit, dass ihn früher oder später jemand angreife.
Traum: Einfach Basketball spielen
Aufgewachsen ist Marcant in Hessen. Die Schulzeit am Gymnasium sei hart gewesen, von Mobbing geprägt, schilderte er «Zeit Campus». Geblieben ist die Lehre, immer stark wirken zu müssen. Lange wollte er Basketball-Profi werden. Ein Bänderriss habe den Traum beendet. Mit rund 2,09 Metern ist er schwer zu übersehen.
«Mein grösster Traum ist es, wieder Basketball zu spielen», sagt er in seinem YouTube-Video. «Ein bisschen Ligabetrieb, ein cooles Team mit normalen Leuten, einfach normal zocken.» Doch das gehe nicht mehr, zu viele würden ihn erkennen. «Es ist einfach nicht mehr möglich.»
Unumstritten ist Marcant nicht. Aus dem eigenen, linken Lager kommt der Vorwurf, man dürfe mit Rechten gar nicht reden. Nach einem Urlaub in Rio nannten ihn manche einen «Champagner-Linken». Von rechts schlägt ihm offener Hass entgegen.
Auch das rechte Onlinemedium «Nius» griff Marcant an, nachdem er die Theodor-Heuss-Medaille bekommen hatte. Es nannte die Auszeichnung steuerfinanziert und kritisierte, dass Marcant in seiner Dankesrede die Methoden der AfD mit denen von Adolf Hitler und Baldur von Schirach verglichen hatte.

