«Wir sind der Abschaum»: Dieser neuen Partei in Italien ist gar Meloni nicht rechts genug
Giorgia Meloni hat die italienische Rechte wieder gross gemacht. Seit bald vier Jahren regiert die 49-Jährige mit ihrer Koalition, es ist die stabilste Regierung der letzten Jahre. Der politische Kurs der Chefin der als postfaschistisch klassifizierten Partei Fratelli d'Italia sollte eigentlich dem Wunsch der meisten rechten Wählerinnen und Wählern entsprechen – wirtschaftsnationalistisch, konservativ und nationalistisch. Und doch deutet sich seit einigen Monaten an, dass Meloni für einige nicht radikal genug ist.
So entsteht in Italien gerade eine Partei, welche Wählerinnen und Wähler rechts der Meloni-Koalition abholen will. Am Wochenende trafen sich die Mitglieder des sogenannten «Futuro Nazionale» («Nationale Zukunft») zu ihrem ersten Parteitag. Eine Partei, die sich selbst als die einzig «wahre Rechte» im Land sieht. Italien sei ein «Pulverfass, das jederzeit explodieren kann», heisst es im Manifest. Als Lösung wird immer wieder das neue Schlagwort Rechtsextremer auf der ganzen Welt verwendet: Remigration. Also die Ausschaffung von Migranten in deren Herkunftsland.
Ein Aufstieg im Shitstorm
Gegründet wurde die Partei von Roberto Vannacci, 67 Jahre alt, ehemaliger Generalmajor der italienischen Armee. Er legte in den letzten Jahren einen steilen und gleichzeitig äusserst ungewohnten politischen Aufstieg hin. Der Norditaliener war während seiner Zeit kaum jemandem ein Begriff, bis er 2023 mit der Veröffentlichung eines Buches landesweit Kontroversen auslöste. «Il mondo al contrario» («Die Welt auf dem Kopf») löste mit seinen teils rassistischen und homophoben Äusserungen einen derartigen Shitstorm aus, dass selbst Meloni ein Disziplinarverfahren gegen ihn forderte.
Das Buch sorgte für das Ende von Vannaccis Militärkarriere. Ende 2023 eröffnete der Chef des Generalstabes der italienischen Armee ein Verfahren gegen ihn, wenige Monate später wurde er suspendiert. Gleichzeitig öffnete ihm der Aufschrei rund um sein Buch die Türen in die Politik: Der Name Vannacci war in aller Munde, weshalb ihn Matteo Salvini, Chef der Lega und Regierungspartner von Meloni, in seine Partei aufnehmen wollte. Er sei der «perfekte Kandidat» für die Europawahlen 2024, sagte Salvini. Kurz darauf wurde Vannacci tatsächlich gewählt, im Mai 2025 wurde er zum Vizeparteisekretär der Lega.
Im Februar dieses Jahres kam es schliesslich zum Bruch zwischen Vannacci und Salvini. Gleichzeitig gab der Ex-General die Gründung des «Futuro Nazionale» bekannt. Er wolle «weiterhin für das Vaterland kämpfen», aber neu «frei von Hindernissen und bequemen Kompromissen». Salvini liess verlauten, er sei «enttäuscht und verärgert» – wohl auch, weil Vannacci einige weitere Lega-Mitglieder in seine neue Partei mitnahm.
Buhlen um Rechtsaussen-Wähler
Die Strategie von Vannacci bei der Jagd nach Wählerinnen und Wählern ist klar: Er will vor allem die Personen ansprechen, welchen die regierende Koalition in Rom nicht rechts genug ist. Rechte Hardliner kritisieren Meloni etwa dafür, dass sie die Sanktionen gegen Russland unterstützt und zu wenig EU-skeptisch sei.
Auch am Wochenende war der rechtsextreme Rand der italienischen Wählerschaft wieder sichtbar: Etwa 4000 Personen zogen am Samstag durch Rom. Einige von ihnen trugen Banner mit Forderungen wie «Remigration» oder «Rückeroberung», andere hoben den rechten Arm zum faschistischen Gruss und riefen «Duce! Duce!» – der Gruss für den 1945 gestorbenen faschistischen Diktator Benito Mussolini.
Um solche Personen zu überzeugen, nennt Vannacci seine Partei regelmässig die «wahre Rechte» des Landes und stellt sich bewusst kompromisslos dar. «Wir sind der Abschaum, wir sind niemandes Kinder. Und wir sind extrem stolz darauf», sagte er am Parteitag am Wochenende. Zudem schwang er identitäre Parolen. «Wir sind nicht Afrikaner», sagte er. «Wir sind in der römischen und der christlichen Tradition verwurzelt.»
Auch Meloni äussert Kritik
Vannacci ist mittlerweile derart radikal, dass er selbst den rechten Politikern Italiens Kopfzerbrechen bereitet. So stellten sich Mitglieder der Partei zuletzt in der Abgeordnetenkammer gegen die Regierung. Nicht nur die Lega ist nach dessen Austritt deshalb schlecht auf den Ex-General zu sprechen. Auch Meloni selbst kritisierte diesen letzte Woche öffentlich. «Sechs Mal habt ihr schon gegen das Vertrauen in diese Regierung gestimmt», sagte Meloni einem bekannten Delegierten des «Futuro Nazionale». Sie warf ihm vor, dass die Partei dadurch nicht die «wahre Rechte» sei, sondern gar den Linken in die Karten spiele.
Mit dem Aufkommen des «Futuro Nazionale» steigt auch die Spannung vor den Parlamentswahlen in Italien, welche in gut anderthalb Jahren stattfinden. Obwohl die Partei noch ziemlich jung ist, wächst sie schnell – gemäss Vannacci hat sie schon fast 100'000 zahlende Mitglieder. Zudem würde sie heute schon zwischen vier und fünf Prozent der Stimmen holen.
Besonders brisant dürfte die Lage dann werden, wenn Vannacci vor allem Stimmen von anderen Rechtsparteien abzieht. Gegen eine Integration in die aktuelle Koalition hat sich der Ex-General regelmässig ausgesprochen, auch umgekehrt scheint die Lust an einer Zusammenarbeit gering. Und sollten Vannaccis Pläne zu einer Spaltung der Rechten führen, würde der «Futuro Nazionale» kaum profitieren, sondern vor allem die Linken.
