Nach Bomben bei Macron-Besuch in Damaskus kommen Spekulationen um IS-Rückkehr auf
Zwei Detonationen erschütterten die syrische Hauptstadt, kurz nachdem Emmanuel Macron den Präsidentenpalast in Damaskus betreten hatte. Zuvor traf er im Four-Seasons-Hotel, das im Zentrum der syrischen Hauptstadt liegt, Vertreter der Zivilgesellschaft. Die Sprengsätze explodierten in unmittelbarer Nähe des 5-Sterne-Hotels.
Der Präsidentenpalast liegt dagegen einige Kilometer entfernt, auf einem Hügel im Westen der Stadt. Der Präsident, berichtete Macrons Büro, habe die Detonationen nicht einmal gehört und sei unversehrt. Nach Angaben des syrischen Innenministeriums wurden mindestens 18 Menschen verletzt, darunter vier Polizisten.
Ein Angriff auf al-Sharaas Autorität
Bereits am letzten Donnerstag waren bei einem Bombenanschlag auf ein Café in der Nähe des Justizpalastes zehn Menschen ums Leben gekommen. Zu keinem der beiden Anschläge liegen bisher Bekennerschreiben vor. Trotzdem lässt sich der eigentliche Urheber aus einem grösseren Muster erschliessen, das amerikanische Sicherheitsanalysten seit Monaten dokumentieren: der Islamische Staat (IS).
Wie der US-Sender NBC News und die auf Terrorismus spezialisierte Foundation for Defense of Democracies (FDD) unabhängig voneinander berichten, hat der IS seit Februar eine «neue Phase» seiner Operationen gegen die Regierung al-Sharaas ausgerufen. IS-Sprecher Abu Hudhayfah al-Ansari hatte diese Offensive in einer Erklärung angekündigt und dabei Syrien als einen Staat bezeichnet, der von «iranischer zu türkisch-amerikanischer Besatzung» übergegangen sei.
Al-Sharaa selbst bezeichnete er dabei als «Wächter» der internationalen Koalition, dessen Schicksal sich nicht von jenem Bashar al-Assads unterscheiden werde. Allein in den ersten Tagen nach dieser Ankündigung verzeichnete die FDD mindestens sechs Angriffe in ostsyrischen Provinzen mit mindestens acht getöteten syrischen Sicherheitskräften.
Dass der IS als organisatorische Kraft hinter der Anschlagsserie steht, wird auch durch aktuelle Analysen des Washington Institute for Near East Policy gestützt. Der Nahost-Experte Aaron Zelin verweist auf einen Autobombenanschlag vom 18. Mai auf einen Sicherheitsposten in Mayadin mit fünf Toten – dem ersten erfolgreichen IS-Angriff auf die neue Regierung seit dem Sturz Assads im Dezember 2024.
Bereits im Januar dieses Jahres sei ein IS-Anschlag auf den schiitischen Sayyeda-Zainab-Schrein bei Damaskus vereitelt worden, wozu die USA nach eigenen Angaben Geheimdienstinformationen beigetragen hätten. Ein aktueller UNO-Bericht, den die FDD zitiert, geht von schätzungsweise 3000 IS-Kämpfern aus. Diese hätten sich mittlerweile über das Land verteilt, wobei die Organisation bewusst einen Teil ihrer Operationen unbekannt lasse, um das tatsächliche Ausmass zu verschleiern.
Ein schwieriger Neuanfang
Die Anschlagsserie trifft den syrischen Staatspräsidenten in einem äusserst heiklen Moment. Erst im November hatte al-Sharaa versucht, sich mit dem Beitritt Syriens zur internationalen Anti-IS-Koalition als verlässlicher Partner Washingtons zu positionieren. Fast gleichzeitig begann ein amerikanischer Truppenabzug aus Syrien.
Macrons Besuch, bei dem Wirtschaftsabkommen zum Wiederaufbau des Landes unterzeichnet werden sollten, war Teil derselben Strategie: nämlich den ehemaligen Dschihadistenführer als international anerkannten Staatsmann zu etablieren. Genau diese Legitimität gerät durch die Anschläge unter Druck – nicht durch einen frontalen Angriff auf al-Sharaas Herrschaft, sondern durch die stille Botschaft, dass der IS noch immer in der Lage ist, das Sicherheitsversprechen der neuen Regierung in Damaskus zumindest punktuell zu widerlegen. (schweizheute.ch)
