Trump bringt Erdogan im Sultan-Palast den Schmus – von Europa will er Geld und Grönland
«Alle wieder aussteigen!», ruft der türkische Polizist. Ist der US-Präsident in der Nähe, fährt hier gar nichts mehr. Auch nicht der Nato-Shuttlebus, der die Journalisten und Diplomaten eigentlich in die schwer bewachte Sicherheitszone bringen sollte. Also heisst es: Gepäck unter den Arm und den Hügel hinauf zum Beştepe-Präsidentenpalast zu Fuss in Angriff nehmen.
Es ist eine wahre Machtfestung, in der der diesjährige Nato-Gipfel in der türkischen Hauptstadt Ankara stattfindet. Flankiert von der «Volksmoschee» mit ihren vier Minaretten und der Nationalbibliothek thront der Palastkomplex. Kritiker sagen, Erdogan habe sich hier ein Privatdenkmal nach dem Vorbild der osmanischen Sultane bauen lassen. US-Präsident Donald Trump, selbst ein Liebhaber royalen Pomps, dürften die Marmorhallen und Goldmöbel in den über 1000 Zimmern jedenfalls gefallen.
«Merhaba asker!» – «Seid gegrüsst, Soldaten!», sagt Trump auf Türkisch zur Ehrenformation, die ihn mit Kanonenschüssen begrüsst. Drinnen gibt der US-Präsident im Beisein von Recep Tayyip Erdogan dann eine seiner improvisierten Kurzpressekonferenzen.
Vor genau solchen Momenten haben sich die Nato-Organisatoren besonders gefürchtet. Die Welt und mit ihr Russlands Machthaber Wladimir Putin schauen hin, wenn sich die mächtigste Verteidigungsallianz der Geschichte trifft.
Was sagt Trump? Gibt er heute den verlässlichen Partner? Oder sabotiert er die Allianz wieder einmal von innen, wenn er den angeblich parasitären Europäern die Leviten liest?
Die Zukunft der Nato hängt an Trumps Tagesform
Etwas früher am Tag, rund 15 Minuten Fahrzeit entfernt. In einem mit Nato-Flaggen geschmückten und ebenso hermetisch abgeriegelten Konferenzzentrum trifft sich alles, was im Verteidigungs- und Rüstungsuniversum Rang und Namen hat. Auf dem Programm steht ein Reigen neuer Beschaffungsprojekte: deutsche U-Boote für Kanada, Airbus-Transportflugzeuge und fliegende Frühwarnsysteme für die Nato, Triton-Langstreckendrohnen aus den USA. Insgesamt beziffert Rutte die Neuanschaffungen auf 50 Milliarden – ein grosser Deal.
Die multimediale Show zielt auf Donald Trump. Sie soll ihm zeigen: Europas neue Verteidigungsmilliarden werden zu militärischer Kraft – genauso, wie er es verlangt.
Flaschenhals Industrie – auch nach vier Jahren Krieg
Aber mit neuen Verträgen allein ist es nicht gemacht. Das Problem ist der Flaschenhals in der Industrie: Sie kann nicht so schnell produzieren, wie die Aufträge reinflattern. Während Russland längst auf Kriegswirtschaft umgestellt hat, gilt in den Nato-Staaten weiter das marktwirtschaftliche Prinzip. Und Verteidigungsunternehmen sind träge. Der Aufbau neuer Produktionslinien braucht Zeit, wenn er nicht von oben befohlen wird. Das gilt für die Europäer wie auch für die USA.
Treffen tut dies die Ukrainer. Am Montag, pünktlich zum Auftakt des Nato-Gipfels, überzog Russland die Hauptstadt Kiew zum zweiten Mal innert fünf Tagen mit einer massiven Luftattacke. Und dieses Mal konnte von den über 30 ballistischen Raketen keine einzige abgeschossen werden. Mindestens 18 Menschen kamen ums Leben.
Der Grund ist der Engpass bei Patriot-Abfangraketen. Selenski nennt es vor seiner Abreise an den Gipfel eine «Absurdität», dass noch immer zu wenige davon produziert werden. Die Ukraine hätte Kapazitäten, doch die USA geben die Lizenzen nicht frei.
Ukrainische Drohnen sind heissbegehrt
Dass sie das machen werden, glaubt Iryna Terekh nicht mehr. Sie hat Ahnung vom Raketengeschäft: Die 34-Jährige ist Gründerin und CEO der ukrainischen Rüstungsfirma «Fire Point», die unter anderem den selbst entwickelten Marschflugkörper «Flamingo» herstellt. «Sehr stressig» sei ihr Tag, sagt sie zwischen einem Happen Poulet und einer Spinat-Teigtasche. Viele europäische Länder würden sich für ihre Drohnen FP-1 und FP-2 interessieren.
Kein Wunder: Auf dem Gefechtsfeld erzielen diese Bestresultate. Am Montag, dem Tag der russischen Attacke auf Kiew, flogen die Fire Point-Drohnen einen Angriff auf die 3000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernte, in Westsibirien gelegene Ölraffinerie in Omsk. Es war die letzte russische Ölanlage, die die Ukraine noch nicht ins Visier genommen hatte – und eine erneute technologische Meisterleistung.
Derzeit tüftelt Fire Point zusammen mit europäischen Partnern an einer eigenen Patriot-Alternative. Die Rakete dazu sei bereits fertig. Sie hoffe, dass die Ukraine damit im kommenden Jahr den ersten Abschuss einer russischen Lenkwaffe vermelden könne, sagt Terekh.
Dafür müssten die Europäer aber in die Gänge kommen. Die bürokratischen Hindernisse seien ein Albtraum. Genau deshalb mahnt auch ihr Präsident Selenski in seiner Ansprache, endlich «die nötige Entschlossenheit» an den Tag zu legen, damit ein europäisches Abfangsystem entwickelt werde. Dieses müsse «erschwinglich sein und in Massen produziert werden», so Selenski.
Zurück zu Donald Trump im Sultan-Palast. Während er dem türkischen Staatschef den Schmus bringt und ihn als seinen engen Freund bauchpinselt, äussert er sich zu den europäischen Alliierten weniger schmeichelhaft. Es ist das, wovor diese sich gefürchtet haben. Neben seinem Frust über die angebliche unterlassene Hilfeleistung beim Iran-Krieg, der sich auf Italiens Premierministerin Giorgia Meloni und den Briten Keir Starmer konzentriert, erneuert er auch seinen Wunsch, sich die Arktisinsel Grönland einzuverleiben.
Damit ist das Ambiente gesetzt. Für die Nato bleibt zu hoffen, dass sich Trumps Laune beim Galadinner im Palast im Beisein der 32 Staats- und Regierungschefs samt Ehefrauen und -männern merklich bessert. Und vielleicht kann ihn auch der sanfte Gesang des Muezzins aus der Moschee nebenan noch etwas milde stimmen. (schweizheute.ch)
