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Wie Hilferufe in den sozialen Medien Erdbebenopfern das Leben retten

A woman sits on the rubble as emergency rescue teams search for people under the remains of destroyed buildings in Nurdagi town on the outskirts of Osmaniye city southern Turkey, Tuesday, Feb. 7, 2023 ...
Bild: keystone

Wie Hilferufe in den sozialen Medien Erdbebenopfern das Leben retten

Nach den verheerenden Erdbeben in der Türkei und Syrien hallen immer noch Hilferufe von verschütteten Opfern aus den Trümmern – auch über soziale Medien. Manche von ihnen konnten gerettet werden, andere scheinen verstummt.
08.02.2023, 16:0108.02.2023, 17:03
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Die Rettungsaktionen in der Türkei und Syrien sind ein Wettlauf gegen die Zeit, die klirrende Kälte und weitere drohende Nachbeben.

Ein erstes Erdbeben der Stärke 7,7 hatte am frühen Montagmorgen Teile der Türkei und Syriens erschüttert. Das Epizentrum: Südostanatolien, in unmittelbarer Nähe der 2-Millionen-Stadt Gaziantep an der türkisch-syrischen Grenze. Ein zweites starkes Beben wurde nur Minuten später gemessen. Und kurz vor Mittag gab es nochmals ein Erdbeben der Stärke 7,5 in derselben Region. Seither schüttelten mehrere weitere Nachbeben die Region durch – auch am Mittwochmorgen bebte es wieder.

Die Erschütterungen haben ganze Strassenzüge einstürzen lassen. Zehntausende Menschen wurden schlafend in ihren Betten unter den herabstürzenden Gebäudeteilen begraben. Tausende sind tot. Doch einige hatten zum Zeitpunkt des Unglücks ihr Handy zur Hand, meldeten sich über unterschiedliche Kanäle und flehten um Hilfe.

«Freunde, wir stecken unter den Erdbebentrümmern fest»

Einer der wohl bekanntesten Verschütteten, der einen Videoaufruf startete, ist der türkische Streamer Firat Yayla alias CharmQuell.

Am frühen Dienstagmorgen postete der Türke ein Video in seiner Instagram-Story und erklärte panisch, dass er unter den Trümmern im Bezirk Antakya in der Provinz Hatay festsitze – zusammen mit seiner Mutter.

«Freunde, wir stecken unter den Erdbebentrümmern fest.»

Bevor er das Video mit dem Teilen seiner Wohnadresse beendete, rief er verzweifelt:

«Mutter! Geht es dir gut? Mutter! Sag mir, dass du dich versteckt hast. Bitte helft mir!»

Sein Aufruf hat sich gelohnt. Nur wenige Stunden nach dem ersten Video teilte er mit, dass er gerettet worden sei. Ein Update zu seiner Mutter hat der Gamer bisher nicht veröffentlicht.

«Meine Freunde haben mich gerettet»

Einen weiteren Hilferuf, der Wirkung zeigte, verbreitete Boran Kubat via WhatsApp. Der 20-jährige Student war zu Besuch bei Verwandten in der Stadt Malatya, als das Haus wegen der Erdbeben über ihm, seiner Mutter, seiner Grossmutter und zwei Onkeln zusammenstürzte.

«Jeder, der das sieht, möge bitte kommen und uns helfen.»

Stunden später wurden der junge Mann und seine Mutter aus einem Hohlraum in den Ruinen gezogen. Der Überlebende gab der türkischen Agentur Anadolu ein Interview:

«Ich dachte, wenn ich es in den sozialen Medien teile und alle meine Freunde es sehen, könnten alle kommen. (…) Der Vorsteher unseres Dorfes kam. Meine Freunde haben geholfen. Sie haben uns gerettet. Ich rief ‹hier, hier› und sie schlugen uns mit einem Vorschlaghammer frei. Sie fanden uns nach vier oder fünf Schlägen.»

Die anderen Familienmitglieder wurden vorerst nicht gefunden.

Eine weitere Geschichte mit positivem Ausgang kommt von Can Türker, einem Twitter-User. Er fleht am frühen Morgen kurz nach dem zweiten Erdbeben auf den sozialen Medien:

«Wir stecken im Liwan Hotel fest, wir haben ein Baby, die Treppe ist eingestürzt, wir stecken im 3. Stock fest. Alles bewegt sich noch. Bitte helft uns.»

Am Dienstag meldete er, dass ein Freund unter Einsatz seines Lebens die Familie gerettet habe, nachdem er den Post gesehen hatte.

Menschen werden noch lebend geborgen

Firat Yayla, Boran Kubat und Can Türker gehören zu den Glücklichen, die nach Aufrufen in den sozialen Medien gerettet wurden. Doch im Internet schwirren immer noch unzählige Nachrichten herum von Menschen, die seit ihrem Hilferuf keine Updates mehr geliefert haben. So etwa der junge Syrer, dessen Video seit gestern Abend durch die sozialen Medien geistert. Während er in die Kamera spricht, rieselt Staub auf ihn nieder – und plötzlich beginnt wieder alles zu wackeln.

«Hier sind noch mehrere Familien. Könnt ihr sie hören? (...) Möge Gott uns helfen.»

Sollten sie noch unter den Trümmern stecken, dann wird das Zeitfenster immer kleiner, sie lebend zu retten. Und auch für die Überlebenden sind die Umstände dramatisch: Temperaturen um den Gefrierpunkt machen ihnen zu schaffen, viele haben kein Dach mehr über dem Kopf.

epaselect epa10453979 Eight-year-old Yigit Cakmak (C) reacts after being rescued from the site of a collapsed building, some 52 hours after a major earthquake, in Hatay, Turkey, 08 February 2023. More ...
Der 8-jährige Yigit Cakmak wurde nach über 52 Stunden gerettet, 8. Februar 2023. Bild: keystone
A rescuer carries a baby girl after pulling her from the rubble caused by an earthquake that hit Syria and Turkey in the town of Jinderis, Syria, Tuesday, Feb. 7, 2023. Residents in the northwest Syri ...
Auch dieses Neugeborene hat es geschafft. Es hing bei seiner Rettung noch mit der Nabelschnur an seiner toten Mutter, 7. Februar 2023.Bild: keystone

Während in der Türkei internationale Hilfstrupps eintreffen, um die lokalen Kräfte bei dem Gewaltakt – Lebende und Leichen zu bergen – bestmöglich zu unterstützen, bleiben die Syrer aufgrund der internationalen Sektionen grossteils sich selbst überlassen. «Manchmal graben sie mit blossen Händen durch die Trümmer, weil die Geräte dafür verboten sind», hiess es in einer Mitteilung des Aussenministeriums in Damaskus.

Bei den Sanktionen gibt es zwar umfassende Ausnahmen für Lieferungen von Lebensmitteln und Medizin im Rahmen von humanitärer Hilfe. Doch Hilfsorganisationen stünden trotzdem immer wieder vor Problemen, denn sie riskierten Strafen bei der direkten oder indirekten Zusammenarbeit mit Unternehmen, die die Assad-Regierung unterstützen, so die Nachrichtenagentur sda. Das US-Aussenministerium betont währenddessen, dass die Sanktionen humanitäre Hilfe nicht ausschlössen.

Rescue teams evacuate a survivor from the rubble of a destroyed building in Kahramanmaras, southern Turkey, Tuesday, Feb. 7, 2023. A powerful earthquake hit southeast Turkey and Syria early Monday, to ...
Sie lebt noch. Diese Frau wurde nach über 52 Stunden aus den Ruinen eines Hotels in der Provinz Kahramanmaras gezogen. Sie wurde nach Istanbul in ein Spital gebracht, 7. Februar 2023.Bild: keystone
Turkish army commandos rescue K
Eine 10-Jährige wird am 8. Februar in Hatay gerettet.Bild: keystone

Trotz aller Widrigkeiten: Die Hoffnung bleibt bestehen, Überlebende zu finden. Noch am Mittwoch wurde eine Frau nach 52 Stunden lebend aus den Ruinen eines Hotels in der Provinz Kahramanmaras geborgen. Eine 10-Jährige wurde in Hatay von der Armee lebend aufgestöbert. Oder ein Bub von italienischen Helfern in der Stadt Antakya lebend aus den Ruinen eines ehemals fünfstöckigen Wohnhauses geborgen. Und auch Mohamed, ein syrisches Flüchtlingskind, wurde unter den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in der türkischen Stadt Hatay lokalisiert. Auf einem Video sieht man, wie die Helfer dem Kind Wasser aus dem Deckel einer Pet-Flasche anbieten, während sie es befreien.

Und auch die Schweizer Rettungsteams haben nach dem Erdbeben in der südtürkischen Stadt Hatay bisher vier Personen lebend aus den Trümmern geborgen. Das Team sei zuversichtlich, noch weitere Menschenleben retten zu können.

(yam)

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Dante&Lupus
08.02.2023 17:28registriert November 2022
Das sprengt sämtliches Vorstellungsvermögen,es tut mir unendlich leid für für die Betroffenen und es lässt mich spühren wie priviligiert ich hier in der Schweiz bin .

Dass Erdogan Twitter runter fährt,nachdem Personen gerade durch solche post gerettet werden konnten ,iritiert ,...
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