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Die Türkei und Europa – welchen Weg geht Erdogan?

Turkey's President Tayyip Erdogan looks on ahead of a meeting at the EU Parliament in Brussels, Belgium October 5, 2015. Erdogan appeared to mock European Union overtures for help with its migrat ...
Bild: FRANCOIS LENOIR/REUTERS

Die Türkei und Europa – welchen Weg geht Erdogan?

Kritische Journalisten und Abgeordnete müssen ins Gefängnis, bald könnte in der Türkei wieder die Todesstrafe drohen. Präsident Erdogan sagt, ihm sei egal, ob Kritiker ihn einen «Diktator» schimpften: «Das geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.»
06.11.2016, 16:4706.11.2016, 17:23

Putschversuch und Ausnahmezustand, Massenfestnahmen und Suspendierungen: Angesichts der Entwicklungen in der Türkei hat wenig Beachtung gefunden, dass die Regierung auch noch die Zeitzone des Landes ändern liess. Seit Ende vergangenen Monats ticken die Uhren in Ankara dauerhaft wie die in Moskau oder Mekka. Dafür ist die Türkei Berlin und Brüssel jetzt zumindest im Winter zwei Stunden voraus.

Doch nicht nur auf der Uhr ist die Distanz gewachsen. Mit der Verhaftung von Journalisten und Abgeordneten hat das Vorgehen in der Türkei auch aus EU-Sicht eine neue Qualität erreicht.

Seit dem 21. Juli gilt der von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verhängte Ausnahmezustand, seitdem wächst die Sorge in der EU über den Beitrittskandidaten stetig an. Erdogan regiert mit Dekreten, die nicht nur sofort Gesetzeskraft haben, sondern die auch unanfechtbar sind: Die Verfassung erlaubt keine Klagen gegen die Erlasse.

Erdogan will nur aufs Volk hören

Man muss kein Jurist sein, um die EU-Tauglichkeit mancher Massnahme infrage zu stellen: Etwa jener, die Behörden ermächtigt, Reisepässe auch der Ehepartner von Verdächtigen einzuziehen, was an Sippenhaft erinnert. Der Europarat, dem die Türkei angehört, warnt: «Wenn der Ausnahmezustand zu exzessiv angewandt wird, riskiert die Türkei eine Flut von Fällen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.»

Wenig EU-tauglich ist auch die von Erdogan befeuerte Debatte über die Todesstrafe. Erdogan argumentiert, er greife nur Forderungen aus dem Volk auf. Niemand zweifelt aber daran, dass er solche Forderungen mit einem Handstreich zum Verstummen bringen könnte – wenn er wollte.

Erdogan spricht sich weiterhin für Todesstrafe aus

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Erdogan spricht sich weiterhin für Todesstrafe aus
Zu einer Grosskundgebung in Istanbul gegen den gescheiterten Militärputsch haben sich am 7. August hunderttausende Demonstranten versammelt.
quelle: epa/epa / sedat suna
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Stattdessen wischt er Bedenken über den EU-Beitrittsprozess zur Seite, der bei einer Wiedereinführung der Todesstrafe beendet wäre. «Wieso machen wir uns so abhängig von dort?», fragt Erdogan mit Blick auf Europa. «Nicht was der Westen sagt, zählt, sondern das, was mein Volk sagt.»

Am Sonntag macht er deutlich, dass ihn internationale Kritik nicht juckt: «Es kümmert mich überhaupt gar nicht, ob sie mich einen Diktator oder Ähnliches nennen», sagt er. «Das geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.»

Drohen mit Flüchtlingspakt

Der EU droht Erdogan zudem mit den Flüchtlingen – wieder einmal. Aussenminister Mevlüt Cavusoglu hat erst vor wenigen Tagen angekündigt, den Flüchtlingspakt vor Jahresende aufzukündigen, sollte die EU der Türkei nicht endlich Visumfreiheit gewähren.

Die Haltung Ankaras ist dabei in etwa so: Wir erfüllen eine zentrale Bedingung der EU für die Visumfreiheit nicht, obwohl wir dieser Bedingung ausdrücklich zugestimmt haben – auf Visumfreiheit bestehen wir aber trotzdem.

Konkret geht es um eine Reform der türkischen Anti-Terror-Gesetze. Ankara argumentiert, in der derzeitigen Lage könne der Anti-Terror-Kampf auf keinen Fall geschwächt werden. Tatsächlich ist die Terrorbedrohung in der Türkei so hoch, dass kürzlich alle Angehörigen von Diplomaten am US-Generalkonsulat in Istanbul nach Hause beordert wurden.

Um eine Schwächung des türkischen Anti-Terror-Kampfes geht es der EU aber gar nicht. Sie beharrt auf einer Reform, weil sie befürchtet, dass die Anti-Terror-Gesetze gegen Regierungskritiker missbraucht werden.

Woher diese Sorge rührt, liegt aus Sicht Brüssels auf der Hand. Die Verhaftungen der Journalisten der kritischen Zeitung «Cumhuriyet» vom Samstag, die der Abgeordneten der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP vom Tag zuvor: In all diesen und inzwischen Zehntausenden weiteren Fällen lautet der Vorwurf auf Terror-Unterstützung.

EU: «Rückfall»

Kaum verwunderlich also, dass der am kommenden Mittwoch erwartete EU-Fortschrittsbericht zu den Beitrittsverhandlungen wenig vorteilhaft ausfallen wird.

«Im Bereich der Meinungsfreiheit hat es im letzten Jahr einen schwerwiegenden Rückfall gegeben», zitieren «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» und «Spiegel Online» aus dem Entwurf. Rechtsbestimmungen über die nationale Sicherheit und zum Kampf gegen Terrorismus würden «selektiv und willkürlich» angewendet.

Inzwischen mehren sich die Zweifel, ob die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei unter Erdogan überhaupt weitergeführt werden sollten. Österreichs Bundeskanzler Christian Kern will sie ganz beenden, er kritisiert am Wochenende «inakzeptable Anschläge auf Demokratie und Pressefreiheit» in der Türkei. (viw/sda/dpa)

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