Entsetzen nach gescheiterter Hinrichtung in den USA
Der Schock über die gescheiterte Hinrichtung der wegen Mordes verurteilten Christa Pike in den USA ist Augenzeugin Tori Gessner ins Gesicht geschrieben.
«Ich habe in Tennessee fünf Hinrichtungen miterlebt. Nichts an dem heutigen Tag war normal, typisch – überhaupt nichts», sagt die Reporterin des Lokalsenders WKRN in Nashville später vor laufenden Kameras.
Bei der ersten geplanten Hinrichtung einer Frau in Tennessee seit mehr als 200 Jahren war es zuvor zu Komplikationen gekommen. Gessner und andere Journalisten waren als Zeugen akkreditiert, einer Vollstreckung beizuwohnen, die von Rechtsexperten bereits jetzt als beispiellos beschrieben wird. Am Donnerstagmorgen (Ortszeit) befand sich Pike in einem Spital, wie der US-Sender NBC berichtet.
Um 19.26 Uhr (Ortszeit) des Vorabends seien die Jalousien zum Hinrichtungsraum für die Zeugen geöffnet worden. Man habe die auf einer Liege festgeschnallte Pike gesehen.
Die 50-Jährige habe im Laufe der Prozedur, während der Pike zwei Giftspritzen mit dem Wirkstoff Pentobarbital verabreicht wurden, mehrere vollständige Sätze gesprochen, angestrengt geatmet und geschnarcht, erinnern sich Augenzeugen später. «Mein Arm fühlt sich an, als würde er gleich aufplatzen. Eine Stelle pocht wirklich stark», soll Pike laut der Medienzeugin Gessner gesagt haben.
Während der Prozedur seien laut der Zeugen die Jalousien mehrmals geschlossen und geöffnet worden. Gefängnisbeamte hätten die Zeugen um 20.53 Uhr aus dem Raum entfernt, zu dem Zeitpunkt habe man Pike immer noch atmen hören.
«Dieses Ereignis ist das Schlimmste, das wir je gesehen haben, und unterscheidet sich von jeder anderen fehlgeschlagenen Hinrichtung in der modernen Ära», sagt Robin Maher, die geschäftsführende Direktorin der gemeinnützigen Organisation Death Penalty Information Center (DPI). «Es gibt keinen Präzedenzfall.»
Pike werde in einem nahegelegenen Spital behandelt, sagen ihre Anwälte später in einem Statement, aus dem mehrere US-Medien übereinstimmend zitieren. «Wir wurden nicht über ihren Zustand informiert,» heisst es weiter. Vonseiten des mehrköpfigen Rechtsteams kommt scharfe Kritik an dem Vorgehen der Behörden:
«Wir empfinden keine Freude darüber, Recht zu haben, aber die von Frau Pike vorgebrachten Bedenken haben sich als wahr erwiesen: schwieriger Zugang zu den Venen, geplatzte Venen, abgebautes Pentobarbital, keine verfügbare medizinische Notfallversorgung, wenn die Dinge zwangsläufig schiefgehen, und all das unter einem Protokoll, das weiterhin von Geheimhaltung umgeben ist,» heisst es in dem Statement.
Nicht die erste fehlgeschlagene Hinrichtung
Im Bundesstaat Tennessee ist es bereits die zweite fehlgeschlagene Hinrichtung in diesem Jahr. Im Mai musste in letzter Sekunde eine geplante Vollstreckung per Todesspritze gestoppt werden, weil das medizinische Personal keine Vene finden konnte.
Einer der Ärzte, der an der fehlgeschlagenen Hinrichtung im Mai beteiligt war, sollte auch an der Hinrichtung von Pike teilnehmen, berichtet der US-Sender NBC. Der Mediziner habe seit 13 Jahren keinen Zentralvenenkatheter mehr gelegt, berichtet der US-Radiosender NPR.
Von 2022 bis 2025 herrschte in Tennessee ein Hinrichtungsstopp, nachdem bekanntgeworden war, dass der US-Bundesstaat zwischen 2018 und 2022 wiederholt gegen die eigenen Vorgaben verstossen und die für tödliche Injektionen verwendeten Medikamente nicht ordnungsgemäss geprüft hatte, wie NBC berichtet.
Für 2026 geplante Hinrichtungen in Tennessee gestoppt
Der republikanische Gouverneur Bill Lee habe nach der gescheiterten Hinrichtung am späten Mittwoch entschieden, alle für den Rest des Jahres 2026 geplanten Hinrichtungen zu stoppen und eine «umfassende Überprüfung durch eine unabhängige dritte Partei» angeordnet, um genau festzustellen, was vorgefallen sei, berichten US-Medien übereinstimmend unter Berufung auf eine Stellungnahme des Gouverneurs.
«Die Vollstreckung eines rechtmässig verhängten Urteils gehört zu den wichtigsten Verantwortlichkeiten des Staates, und die Menschen in Tennessee erwarten, dass dies auf eine Weise geschieht, die nicht nur rechtmässig und verfassungsgemäss ist, sondern auch wirksam,» so Lee in der Stellungnahme.
Fehlgeschlagene Hinrichtungen in den USA kein Einzelfall
Neben der im Mai in Tennessee fehlgeschlagenen Hinrichtung kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Vollstreckungen, die entweder gescheitert oder qualvoll verlaufen sind. Oft scheitern Hinrichtungen daran, dass es dem Gesundheitspersonal nicht gelingt, die nötige Kanüle zu legen oder eine Vene zu finden, wie beispielsweise 2022 in Alabama oder 2024 in Idaho.
Die Giftspritze ist in den USA die häufigste Hinrichtungsmethode. Seit 2024 ist in mehreren Bundesstaaten auch eine Hinrichtung mit Stickstoff erlaubt, was in der Praxis zu einem qualvollen Todeskampf der Verurteilten führt.
Pike war 1996 für den Mord an einer damals 19-jährigen Bekannten zum Tode verurteilt worden. Sie selbst war zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt. 1995 hatten drei Teenager das Opfer in einem abgelegenen Gebiet nahe der University of Tennessee in Knoxville gefoltert und getötet. (cma/sda/dpa)
