Faith, Family, Freedom und der liebe Gott: Bei Ken Paxton im Wahlkampf
«This is pivotal», sagt der Lange. «Das ist entscheidend». Den Republikanern in den USA steht das Wasser bis zum Hals, ihr Präsident ist so unpopulär wie nie, die Leute regen sich über die hohen Preise auf, über die unerschwinglichen Krankheitskosten und über den unnützen Krieg gegen Iran, der Benzin und Diesel verteuert. Der Lange setzt auf Donald Trump, der wie eine nervöse Fliege durch das Land schwirrt, von einer Rally mit den treuesten Anhängerschaften zum anderen: «Ich werde 72, und ich habe meiner Lebtag nie einen gesehen, der die Leute mit mehr Energie aufrüttelt.» Die Umfragen? «Ach was, Beto war in den Umfragen auch zweimal vorn, und er hat zweimal verloren. Schau doch, wer die Umfragen finanziert, und wer sie in Auftrag gibt».
Beto – das war Beto O'Rourke, die letzte grosse demokratische Hoffnung in Texas. Sein Nachfolger ist James Talarico, Lehrer, angehender Pfarrer und Kandidat für den US-Senat. Er führt in den Umfragen und hat mehr Geld in der Kasse. Der Senatswahlkampf in Texas ist der teuerste der US-Geschichte.
Wir stehen in Rockwall/Texas, etwas ausserhalb von Dallas, in der Warteschlange vor einem Hangar auf dem kleinen Privatflugplatz. Hier wird Ken Paxton seine Bustour durch die Wählerschaft lancieren, 30 Stops, der letzte in Alamo, dem texanischen Nationalheiligtum. Ken Paxton ist der Senatskandidat der Republikaner, handverlesen von Donald Trump, ein Berufspolitiker, derzeit Justizminister, ein scharfer Hund gegen alles, was nach Abtreibung, Trickserei mit dem Geschlecht oder illegaler Einwanderung riecht. Im innerparteilichen Vorwahlkampf warf Paxton den bisherigen republikanischen Senator Cornyn hinaus.
In der Auseinandersetzung mit Talarico ist sein persönlicher Benimm die grösste Hürde. Er wurde wegen Wertschriftenbetrugs angeklagt (der Fall wurde nach zehn Jahren Hin und Her aussergerichtlich beigelegt), als Mitglied des Texas-Parlaments von seinen eigenen Parteifreunden wegen Bestechlichkeit in ein Amtsenthebungsverfahren gezerrt (der Senat sprach ihn frei), von Mitgliedern seines Amts wegen ungebührlichen Verhaltens bei der Bundespolizei angeschwärzt.
Talarico hat eine TV-Werbung, in der auf einer Überwachungskamera zu sehen ist, wie Paxton bei einer Sicherheitskontrolle einen teuren Füllfederhalter vom Band stibitzt. Er macht ein Versehen geltend, aber der Eigentümer musste die Rückgabe erstreiten und wirbt nun für Talarico. Paxtons Ehefrau hat die Scheidung eingereicht, aus «biblischen Gründen», wie sie erklärte. Das ist texanisch für: Der Typ hat mich betrogen.
«Paxton ist nicht perfekt», sagt Lorne, mein Nachbar in der Warteschlange. «Aber wenn Paxton gegen Talarico steht, wähle ich hundertmal Paxton». Warum? Lorne kommt umgehend auf die social issues zu sprechen, die Buben im Mädchensport, die staatlich geduldeten Geschlechtsumwandlungen («bei Kindern! Gegen den Willen der Eltern»). Zudem sei Talarico «ein Kommunist». Das politische Werbegewerbe nennt das «Kontrast». Der Gegner wird so zurechtdefiniert, dass er mit dem eigenen Mann kontrastiert – unvorteilhaft.
Wer der dermassen kontrastierte Talarico ist, wird uns drinnen im Hangar eingebläut werden. Zuerst jedoch gibt es laute Musik. Zu Trumps Kampfsong «YMCA», in früheren Zeiten die Schwulenhymne, imitiert das jüngere Volk die Tanzbärenschritte des Caudillo, während die Älteren stoisch vor sich hin schauen. Dann geht es los. Als Erstes mit einem Gebet. Ein Prediger bittet den Allmächtigen um Unterstützung für «alle, die hier sind». Dann zwei Fahneneide, unisono im Verbund geleistet, links geschwenkt zur US-Flagge an der Wand, «we pledge allegiance …», dann rechtsumkehrt zum Banner von Texas hinten im Raum. «I pledge allegiance to thee, Texas, one state under God, one and indivisible.»
Ein Reigen von Vorrednern zieht gegen Talarico vom Leder. Ein weiterer Pfarrer gibt bekannt, dass sich «hunderte von Pastoren» hinter Ken Paxton scharen. Das ist wichtig, weil Talarico, der Christ, den rechts ausgelegten Evangelikalen Konkurrenz macht. Die Argumente gegen Talarico werden wiederholt: Ein Wolf im Schafspelz, der sich moderat gebe und «radikal» handle. Ein falscher Christ. Einer, der sich von den liberalen Milliardären finanzieren lässt. «Sie kommen gegen Texas». Ein Veganer, der im Texas-Parlament für die Reduktion des Fleischkonsums gestimmt habe (Talarico sagt, er sei kein Veganer). Der Sojabub, der jetzt für die Kameras Barbecue hinunterwürge. SoyBoy. Snake-Oil salesman. Schliesslich donnert Thunderstruck von AC/DC durch die Halle. Das Hangartor öffnet, im Hintergrund nähert sich der Paxton-Bus mit der Aufschrift «Texans don’t back down. Neither does Ken Paxton». Die Choreo geht nicht ganz auf, AC/DC ist fertig, bevor der Bus ganz angekommen ist, es muss eine zweite Musik her. «Fortunate Son» von CCR. John Fogerty hatte Trump verboten, den Song bei seinen Auftritten zu spielen, weil er so ganz und gar nicht zur Privilegienwirtschaft des Caudillo passt, aber was soll’s: Wer schaut schon hin, was an einem Samstagmorgen um 9.00 Uhr in Rockwall/TX gespieltwird?
Kommt jetzt Paxton? Nein, er sitzt noch im Bus. Das Wort haben der Schwiegersohn und die Tochter. Der Schwiegersohn, auch ein Pfarrer, kann sich ein weiteres Gebet nicht verklemmen. Er fordert den lieben Gott mehr oder weniger unverblümt auf, der Wählerschaft zur Einsicht zu verhelfen, die Republikaner zu wählen.
Endlich tritt Ken Paxton aus dem Bus. Mittleres Alter, blauer Anzug, offenes weisses Hemd, schiefes Lächeln. «Wir sind auf einer Mission», sagt er. «Es geht nicht bloss um Differenzen zwischen zwei Parteien». Im Gegensatz zu den Vorrednern brüllt Paxton nicht. Er redet in normalem Tonfall, wie ein Onkel. Er ist der einzige, der die überall zuvernehmende Sorge aufgreift: «Alle Leute sagen mir dasselbe, alles kostet mehr». Sein Rezept sind Steuererleichterungen. 25'000 Dollar Abzug für Krankheitskosten, 50'000 für den Hauskauf, Verdoppelung des Kinderabzugs. Es steht so auf Ken Paxtons Website, aber wie daraus ein Gesetz werden soll, ist nicht klar. Ein Senator Paxton müsste Mehrheiten organisieren, wahrscheinlich Kompromisse schliessen. Das entspricht ihm nicht. Er rühmt sich als «Kämpfer», der ohne Rücksicht auf Verluste agiert, immer das wahre Texas im Visier, die letzte Bastion des wahren Amerika. Gegen Talarico, den Veganer, den «Christen, der das Christentum hasst», den falschen Hasen, der für die Erhöhung der Mineralölsteuern gestimmt hat und 2,5 Millionen Jobs aufs Spiel setzt.
Ken Paxtons Botschaft reicht über die blosse Hinabsetzung des Gegners hinaus. Es geht darum, Texas gegen die anderen zu verteidigen. Die Auswärtigen, die Fremden, die Un-Texanischen, die nicht genug Rindfleisch essen, die Unchristlichen, für die Gott ein Feminist ist. Es geht um «uns» gegen «sie».
Die Wahl entscheidet, «wie Amerika aussehen soll», sagt Ken Paxton: «ein Amerika, das mit Öl und Gas aus Texas funktioniert, oder das Amerika des green new deal». «Ein Amerika, das die Drogenkartelle bekämpft oder ein Amerika, das ihnen den Teppichausrollt». Er bringt das Bild von der Wasserscheide in den Rocky Mountains: Je nachdem fliesst der Wassertropfen in den Pazifik oder in den Atlantik. Auf jeden Tropfen kommt es an.
«Glaubt ihr, dass der Glaube wichtig ist?»
«Ja», röhrt es aus dem Publikum.
«Glaubt ihr an die Familie?»
«Ja.»
«Wollt ihr euer Geld behalten und nicht dem Staat geben?»
«Ja».
«Wir kämpfen für Glauben, Familie und Freiheit», sagt Ken Paxton und steigt in den Bus.
Wenn die Menge im Hangar von Rockwall der Gradmesser ist, wird Ken Paxton die Wahl gewinnen. Aber die Leute im Hangar waren Überzeugte. Treue Anhänger. Es wird darauf ankommen, auf welche Seite der Wasserscheide die Stimmen der weniger Überzeugten fallen. Was würde geschehen, wenn die Republikaner ihre Kongressmehrheit verlieren sollten? «Dann wird noch weniger verrichtet als jetzt. Trump wird seine Dinge ausserhalb des Kongresses durchsetzen», sagt Lorne. Und was, wenn sie die Mehrheiten behalten? «Dann wird alles besser. Der Krieg wird beendet, Diesel und Benzin werden rasch billiger».
