Christa Pike: Mörderin, Giftspritzenüberlebende – und mehrfaches Opfer schlimmster Gewalt
Am Mittwoch wurde Christa Pike mit einer Ambulanz in ein Spital gefahren. Sie hatte gerade eine zweifache Dosis einer eigentlich tödlichen Giftspritze erhalten. Doch Medienvertreter erzählten danach, sie hätten Pike 40 Minuten, nachdem ihr zwei Dosen Pentobarbital verabreicht worden waren, schnarchen gehört.
Der US-Staat Tennessee will die heute 50-jährige Pike wegen eines Mordes töten, den sie 1995 im Alter von 18 Jahren und gemeinsam mit einem anderen Jungen begangen hatte.
Nun, nachdem der Vollzug der Todesstrafe schiefging, liessen ihre Anwälte verlauten, das Ganze sei «zu einer Qual geworden und stellt eine Verletzung von Pikes Recht dar, ohne grausame und ungewöhnliche Strafen hingerichtet zu werden».
Es ist nicht die erste Qual, die Christa Pike in ihrem Leben über sich ergehen lassen muss.
Der Mord
1996 wurde Pike im Alter von 20 Jahren des Mordes schuldig gesprochen. Im Januar 1995 hatte die damals 18-Jährige mit ihrem 17-jährigen Freund eine Klassenkameradin brutal zu Tode gebracht.
30 Minuten lang, so zeichneten die späteren Ermittlungen den Tathergang, wurde Colleen Slemmer in der Nähe des Campus von Pike und Tadaryl Shipp geschlagen, gefoltert und verprügelt. Die beiden Teenager ritzten dem Opfer ein Fünfeck in die Brust und töteten es schliesslich durch einen Schlag gegen den Schädel mit einem Stück Asphalt. Ermittler fanden später ein Stück des Schädels von Colleen Slemmer in Pikes Jackentasche. Sie hatte es zuvor in der Schule herumgezeigt.
Der Tathergang und die Beteiligten – neben den beiden Mördern zudem eine Freundin, die «Schmiere stand» – waren binnen 36 Stunden ausgemacht, der Fall klar: Pike gestand kurz nach ihrer Verhaftung, Slemmer gefoltert und getötet zu haben. Sie habe, so ihre Aussage, ihre Klassenkameradin aber zunächst nur verängstigen wollen, danach sei das Ganze ausser Kontrolle geraten.
Von den drei Beteiligten wurde nur Pike von den Geschworenen zum Tode verurteilt. Ihr Freund war mit 17 Jahren noch zu jung und erhielt eine lebenslange Freiheitsstrafe. Laut «Guardian» war es Shipp, der das Pentagramm in die Brust des Opfers geritzt hatte – er schien eine Faszination zu haben für satanistische Symbolik.
Wäre Pike 10 Monate jünger gewesen, wäre auch sie mit einer Freiheitsstrafe belastet worden.
Seit der Gründung des Bundesstaates Tennessee im Jahr 1796 wurden dort nur drei Frauen hingerichtet, von denen mindestens zwei Sklavinnen waren, schreibt der Guardian. Die letzte Hinrichtung einer Frau ereignete sich 1819.
Die Missbräuche
Seit ihrem Urteil sass Christa Pike in der Todeszelle im Debra K. Johnson Rehabilitationszentrum (ehemals «Tennessee Prison for Women») in Nashville – als einzige Inhaftierte des Todestracks.
Über die Jahre versuchte sie einerseits, durch Berufungs- und Revisionsverfahren ihrem Todesurteil zu entgehen, etwa durch eine Umwandlung in eine lebenslange Freiheitsstrafe. Andererseits wollte Pike den Zeitraum bis zu ihrer Hinrichtung verkürzen. 2008 waren ihre Möglichkeiten praktisch ausgeschöpft.
Sechs Jahre später zogen ihre Anwälte vor Bundesgericht. Ihr Argument: Das Todesurteil sei zu hinterfragen, unter anderem, da ihre Mandantin durch ihre Strafverteidiger ungenügend unterstützt worden war. Zudem betonten die Anwälte, dass Christa Pike unter einer psychischen Störung leidet, der das Gericht zu wenig Rechnung getragen hatte.
Der Ursprung dieser psychischen Störung sind mehrere Missbräuche, die Pike als Kind und junge Frau erleiden musste und die nur schwer zu lesen sind.
Der erste Missbrauch
Die ersten Vergewaltigungen erlebte Pike zwischen 2 und 5 Jahren, «bevor ich sprechen und laufen konnte und bis im Kindergarten». Das sagte die Amerikanerin gegenüber einer Psychologieprofessorin, die sie 2023 während 13 Stunden in klinischen Interviews evaluierte, wie der «Guardian» berichtet.
Der Täter war der Freund ihrer Grossmutter, ein Alkoholiker, der den ganzen Tag über trank. Während er Pikes Grossmutter zum Alkoholkaufen überredete, verging er sich am jungen Mädchen. «[Der Mann] hat sie oral vergewaltigt, als sie noch im Kindergarten war», hielt die Gutachterin in ihrem Bericht fest. «Christa zeigte äusserste Abscheu in ihrem Gesicht, als sie über den Geruch der Genitalien dieses Mannes sprach – sie empfand extreme Abscheu vor ihm, obwohl bereits mehr als 30 Jahre vergangen waren.»
Um zu verhindern, dass das Mädchen etwas sagte, drohte der Mann, ihren Haustieren etwas anzutun. Zudem sperrte er es gelegentlich in den Hühnerstall. In der Schule malte Christa Pike einen grossen Penis und ein Teufelsgesicht, worauf die Lehrperson sie ins Schulleiterbüro zitierte und die Eltern verständigte. Untersucht wurde jedoch nichts.
Der zweite Missbrauch
Als Christa Pike elf Jahre alt war, wurde sie vor ihrem Wohnhaus von ihrem 37-jährigen Nachbarn vergewaltigt. Der Mann namens Claude Davis lebte in einem Wohnwagen an derselben Strasse wie Pikes Familie und war bekannt als Pädophiler. Obwohl das Mädchen seiner Mutter vom Missbrauch erzählte, wurde ihm nicht geglaubt.
Erst später, als Pike eine Infektion aufgrund der Vergewaltigung entwickelt hatte, wurden die Behörden eingeschaltet. Davis wurde festgenommen und bekannte sich schuldig, sich gegenüber einem Kind «unmoralische, unangebrachte und unanständige Freiheiten» genommen zu haben. Er erhielt eine Bewährungsstrafe und durfte in seinen Wohnwagen zurückkehren – nur wenige Gehminuten von Pikes Haus entfernt.
Der dritte Missbrauch
Fast ein Tag genau vor dem Mord an ihrer Mitschülerin wurde Pike von einem Unbekannten angegriffen und in einen nahegelegenen Wald verschleppt. Sie wehrte sich vehement und konnte sich dank eines Kopfschlags mit einem Stein befreien. Allerdings zu spät: Der Mann hatte sie in der Dunkelheit bereits vergewaltigt.
Laut «Guardian» wurde die spätere Mörderin während all dieser Jahre wiederholt von Familienmitgliedern geschlagen oder für Stunden in kaltes Wasser gesteckt. Zudem wurde ihr schon als Kind pornografisches Material vorgesetzt. All diese Missbräuche hinterliessen ihre Spuren: Später wurden bei Christa Pike eine bipolare Störung und eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert, die laut ihrer Anwälte zu ihrem psychischen Zustand zum Zeitpunkt des Mordes beigetragen haben.
Der Prozess
Angesichts dieser Serie von Missbräuchen warfen Kritiker die Frage auf, weshalb die dazu existierenden Unterlagen der Jury, die für das Urteil an Christa Pike nur wenige Stunden benötigte, nie vorgelegt wurden.
Hinzu kamen weitere für Pike ungünstige Umstände: Der Anwalt, der sie in dieser Phase des Verfahrens vertrat, hatte sein Jurastudium erst vor vier Monaten abgeschlossen und noch nie einen Mordfall vor Gericht verhandelt, berichtet der «Guardian», der mit Pikes Anwälten gesprochen hat, und der weiter schreibt: «In ihrem Plädoyer gingen die Verteidiger weder auf Pikes Jugend ein – obwohl diese nach dem Recht des Bundesstaates Tennessee als mildernder Umstand anerkannt ist –, noch erwähnten sie das Fehlen nennenswerter Vorstrafen.»
Der Jury unbekannt waren auch die mindestens drei Suizidversuche der jungen Frau, den ersten davon unternahm sie mit zwölf Jahren.
Als die Richterin 1996 das Urteil verkündete, weinte Pike und verlangte eine letzte Umarmung ihrer Mutter, die ihr jedoch nicht zugestanden wurde.
Was danach geschah
Die nächsten 30 Jahre verbrachte Pike mehr oder weniger in Isolationshaft, da sie stets die einzige Frau in einer Todeszelle in Tennessee war. Zu Kontakt mit anderen Inhaftierten kam es nur sporadisch, dafür war sie 23 Stunden am Tag in ihrer Zelle eingesperrt. Gegenüber der New York Times sagte Pike, es habe sich angefühlt, als wäre sie mit einem Essenstablett, einem Fernseher und einem Radio in einem Badezimmer eingesperrt. «Die grösste Strafe war, dass man mich von anderen Menschen und jeglichem menschlichen Kontakt fernhielt.»
Dennoch kam es 2001 zu einem Vorfall: Aufgrund eines Feuers wurde Christa Pike gemeinsam mit zwei anderen Frauen in ein anderes Gefängnis verlegt. Laut NYT brach zwischen den zwei Frauen eine Konfrontation aus, woraufhin Pike mit einem Schnürsenkel eine der beiden zu erdrosseln versuchte. Im Gegensatz zur zweiten Frau, deren Beteiligung durch Gefängnisangestellte bestätigt wurde, wurde Pike später wegen versuchten vorsätzlichen Mordes ersten Grades für schuldig befunden. Kurz nach dem Angriff wurde sie mit einer bipolaren Störung diagnostiziert.
Hinzu kam 2012 ein versuchter Ausbruch aus dem Gefängnis. Diesmal sah das Gericht allerdings keine Schuld bei Pike – belangt wurden ein Vollzugsbeamter sowie ein junger Personal-Trainer aus New Jersey, der zuvor mit Pike einen Briefwechsel gestartet hatte.
Abgesehen von diesen Vorfällen wurde die zum Tode Verurteilte bei den wenigen Menschen, die Kontakt zu ihr hatten, jedoch stets als freundlich wahrgenommen. 2024 gewann Pike eine Klage, wodurch sie leicht verbesserte Haftbedingungen erhielt. Andere inhaftierte Frauen, die sie dadurch kennenlernte, beschrieben sie zudem als «grosszügig» und «zuvorkommend», so die NYT. Christa Pike selbst sagte der NYT:
Der rechtliche Kampf
Laut des Direktors der nationalen NGO Death Penalty Information Center würde Christa Pike heute wohl nicht mehr zum Tode verurteilt werden: Vieles habe sich verändert, sagte er gegenüber der «New York Times».
Für die Verurteilte ist das kaum tröstlich: Bis 2022 hatten ihre Anwälte sämtliche Rechtsmittel vollständig ausgeschöpft, alle Gesuche an den Gerichten wurden abgelehnt. Dabei ging es Pike und ihrem Anwaltsteam nie darum, ihre Freiheit zu erlangen. Sie war geständig und zeigte sich vor allem in späteren Jahren reuig. Im September 2025 bestimmte der Oberste Gerichtshof von Tennessee den 30. September 2026 als Hinrichtungsdatum.
Anfang September schliesslich unternahm Pike einen letzten Versuch. Ihre Anwälte reichten ein über 200-seitiges Gnadengesuch beim Obersten Gerichtshof ein. Sie argumentierten, dass Pikes Taten im Zusammenhang mit ihrer traumatischen Kindheit zu betrachten seien. Zudem bereite ihr die Hinrichtung «unnötige Qualen» und verstosse damit gegen das im achten Verfassungszusatz verankerte Verbot «grausamer und ungewöhnlicher Strafen».
Was folgte, ist eine Fortsetzung der «ungewöhnlichen» Ereignisse im Leben von Christa Pike. Der republikanische Gouverneur von Tennessee, Bill Lee, entschied sich zwei Tage vor der geplanten Hinrichtung, nicht auf das Gnadengesuch einzugehen. Ebendieser Lee hatte laut Recherchen des «Guardian» im Mai 2024 ein Gesetz unterzeichnet, das die Todesstrafe in Tennessee auf Personen ausweitete, die ein Kind vergewaltigen. «Dieser Schritt war offensichtlich verfassungswidrig – der Oberste Gerichtshof der USA verbietet seit langem Hinrichtungen für Straftaten, bei denen niemand getötet wurde», so der «Guardian».
Mit Lees Entscheid, nicht auf das Gnadengesuch einzugehen, war Pikes Todespunkt entschieden, womit der Republikaner ein Opfer jener Personen, die er neu zum Tode verurteilen wollte, selbst auf den Todesstuhl setzte – eigentlich. Denn am selben Tag der Hinrichtung liess das Bundesberufungsgericht eine Stunde davor diese plötzlich aussetzen. Man brauche mehr Zeit, um zu prüfen, ob der Missbrauch in Pikes Kindheit bei ihrer Verurteilung genügend berücksichtigt wurde.
Nach neun Stunden folgte die erneute Kehrtwende: Der Supreme Court, also das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten, hob den Hinrichtungsstopp auf. Dabei wurde klar, dass die drei liberalen Richterinnen diese Aufhebung nicht unterstützt hatten: In dem Beschluss, der die Vollstreckung genehmigt, schrieb Richterin Sonia Sotomayor, dass die Mehrheit das Berufungsgericht «unnötigerweise daran hindert», das Vorbringen von Frau Pike umfassend zu prüfen.
Die Hinrichtung
Zwei Stunden später scheiterte der durchgeführte Vollstreckungsversuch: Christa Pike überlebt zwei Dosen Pentobarbital und wird in ein Spital gebracht. Wie es ihr geht, ist einige Stunden danach noch unklar.
Kurz vor ihrer Exekution hatte Pike gegenüber der New York Times gesagt: «Ich gehe diese Hinrichtung jeden Tag in meinem Herzen durch.» Und: «Was auch immer am 30. September geschieht, das hier wird nicht mehr meine Hölle sein.»
