Warum die Umfragen den «Bluenami» nicht kommen sahen
In Texas sollte es eines der knappsten Senatsrennen dieser Midterms werden. Die Umfragen sahen den Demokraten James Talarico unmittelbar vor der Wahl nur hauchdünn vor dem Republikaner Ken Paxton. Am Wahlabend gewann Talarico mit 12 Prozentpunkten Vorsprung.
Texas war kein Einzelfall. Wie eine Auswertung der «Financial Times» zeigt, haben die Umfragen die Demokraten in praktisch jedem umkämpften Senatsrennen unterschätzt. Am weitesten daneben lagen sie in Georgia und North Carolina: Dort wurde ein Sieg der Demokraten zwar erwartet, ihr Vorsprung fiel aber um mehr als 8 Prozentpunkte grösser aus.
Ähnlich sieht es beim Repräsentantenhaus aus. Im Laufe des Wahlkampfs wuchs der Vorsprung der Demokraten in den Umfragen von etwa 5 auf 9 Prozentpunkte. Nach dem aktuellen Stand der Auszählung dürften es am Ende rund 14 Punkte sein.
Warum lagen die Umfragen so daneben?
Umfrageinstitute gewichten ihre Rohdaten so, dass sie der Zusammensetzung der Wählerschaft entsprechen. Doch wer tatsächlich wählen geht, weiss vorher niemand. «Die Wählerschaft vor einer Wahl ist immer eine imaginäre Bevölkerung», sagt Ashley Koning, Direktorin des Eagleton Center for Public Interest Polling an der Rutgers University gegenüber der «Financial Times».
Bei den letzten drei Präsidentschaftswahlen hatten die Umfragen Donald Trump unterschätzt. Viele Institute erklärten das damit, dass Trump-Anhänger seltener an Umfragen teilnehmen. Dieses Jahr gewichteten sie deshalb häufiger danach, wen die Befragten 2024 gewählt hatten. Damit gingen sie offenbar davon aus, dass mehr Trump-Wähler an die Urne gehen würden – und verpassten damit den Umschwung zu den Demokraten.
Der Fehler war beim Repräsentantenhaus mit rund 5 Prozentpunkten so gross wie in keinem Wahljahr seit 2012. Schon 2022 hatten die Umfragen die Demokraten unterschätzt, allerdings weniger stark.
Überraschungen gab es auch in republikanischen Hochburgen. In South Carolina, wo die Demokraten als chancenlos galten, gewannen sie mit 4,4 Prozentpunkten Vorsprung. In Mississippi wurde kaum Umfragen durchgeführt – dort liegt der Demokrat Scott Colom momentan knapp vorne. Das Rennen dürfte mit wenigen Hundert Stimmen entschieden werden.
Gefälschte Umfragen aussortiert
Laut Koning haben seriöse Institute trotzdem gut abgeschnitten. Parteinahe und qualitativ schwächere Umfragen lagen weiter daneben, einige hätten sogar komplett erfundene Resultate veröffentlicht. Der prominenteste Fall ist das Institut Wedgewood Polls: Dessen Umfragen erschienen zwischen Juni und Oktober zu mehreren Rennen, unter anderem in Michigan, Georgia, Mississippi, Maine und Kansas. Am 20. Oktober gab Wedgewood zu, die Daten gefälscht zu haben, nachdem die Analyse-Website FiftyPlusOne entsprechende Beweise vorgelegt hatte.
Die Macher behaupten, es sei ein Experiment gewesen, um die Schwächen der Umfragebranche aufzuzeigen. Bis dahin waren die erfundenen Zahlen aber bereits weit verbreitet: Die «New York Times» hatte 15 Wedgewood-Umfragen in ihren Umfrage-Tracker aufgenommen und musste sie wieder entfernen. Auch Nate Silver strich die Umfragen aus seinem Modell. Sie waren laut ihm rund einen Punkt demokratenfreundlicher als der Durchschnitt. Für die Branche heisst das: Es kommt auf die Qualität der Umfragen an – nicht darauf, wie viele es gibt.
