International
USA

9/11: Wie zwei Augenzeugen die Terroranschläge überlebten

Both towers of the World Trade Center burn on 9/11 xkwx 9/11, airline, airplane, attack, building, crash, danger, destruction, explosion, fire, fireball, hijacking, history, hit, impact, lower manhatt ...
Am 9. September 2001 flogen zwei Passagierflugzeuge in die Twin Towers des World Trade Centers in New York.Bild: www.imago-images.de

«Eine Boeing 767 rast direkt auf mich zu!» Wie zwei Augenzeugen 9/11 überlebten

Stanley Praimnath und Joe Dittmar entkamen am 11. September 2001 im Südturm des World Trade Center nur knapp dem Tod. 25 Jahre nach den Terroranschlägen erzählen sie ihre Geschichte.
11.09.2026, 06:0611.09.2026, 06:06
Aufgezeichnet von <br>Renzo Ruf, Washington / ch media

Stanley Praimnath erzählt: «Gott, ich will nicht sterben»

Der 11. September 2001 begann für mich wie ein ganz normaler Tag. Ich traf, wie fast immer, gegen 8.30 Uhr an meinem Arbeitsort ein, dem Südturm des World Trade Center. Ich war im Lift auf dem Weg nach oben, in den 81. Stock, als das erste Flugzeug in den Nordturm einschlug. Die Twin Towers waren schalldicht, ich habe nichts gehört.

Ich gehe ins Büro der Fuji Bank, wo ich als Assistant Vice President arbeitete. An meinem Schreibtisch klingelt das Telefon. Meine Mutter ist dran. Sie fragt mich, wie es mir gehe. «Alles gut», sage ich. Dann melden sich meine drei Brüder telefonisch, mit den gleichen Fragen. Sie alle wussten zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ein Flugzeug in den ersten Turm geflogen war. Aber sie sagten mir es nicht.

Per Zufall schaue ich aus dem Fenster heraus und sehe dann, wie grosse Feuerbälle vom Himmel fliegen. «Mein Gott, was passiert da?», frage ich mich. Ich rufe meinen Chef an, aber niemand geht ran. Ich rufe den Chef meines Chefs an. Keine Antwort.

September 11, 2001, New York, New York, USA: New York Fire Department firemen climb the remains of the Marriott Hotel and the second tower to collapse in the afternoon of September 11, 2001 after the  ...
USA under attack: Zwei Feuerwehrmänner, nachdem der zweite Tower eingestürzt ist.Bild: www.imago-images.de

Also entscheide ich mich, das Büro zu verlassen. Zusammen mit anderen Mitarbeitern meiner Bank nehmen wir den Lift und fahren runter. Als wir in der Lobby ankommen, öffnen sich die Türen. Ich steige aus und gehe zu einem Drehkreuz, um das Gebäude zu verlassen. Der Sicherheitsmann fragt: «Wo wollen Sie hin?» Ich antworte: «Nach Hause.» Er sagt: «Aber das Gebäude ist sicher. Sie können zurück an die Arbeit gehen.»

Ich drehe um und fahre wieder nach oben. Im Büro setze ich mich hin, und wieder klingelt das Telefon. Eine Kollegin aus Chicago ist am Apparat, sie hat den TV angestellt. Sie schreit mich an und sagt: «Stan, du hast keine Zeit, du musst raus!» Weil ich nicht weiss, was los ist, widerspreche ich ihr.

Und dann sagt mir eine innere Stimme: «Hebe den Kopf und schaue aus dem Fenster!» Ich blicke in Richtung der Freiheitsstatue im Hafen von New York und sehe ein riesiges Flugzeug, grau, United Airlines Flug 175. Eine Boeing 767 rast direkt auf mich zu! Ich habe Blickkontakt mit dem Cockpit. Dann kracht das Flugzeug, leicht geneigt, mit einem donnernden Geräusch in den Südturm, ziemlich genau auf meiner Höhe.

Collapse of the second tower of the World Trade Center in NY xkwx 9/11, airline, airplane, attack, building, crash, danger, destruction, explosion, fire, fireball, hijacking, history, hit, impact, low ...
Bei den Anschlägen am 11. September 2001 starben fast 3000 Menschen.Bild: www.imago-images.de

Ich hatte mich, Sekundenbruchteile zuvor, unter meinem Schreibtisch versteckt und Gott gebeten, mir beizustehen und zu helfen. Ein Teil des Flugzeugs bricht ab und bleibt auf meiner Etage stecken. Das Gebäude schwankt hin und her. Das Stockwerk über mir stürzt ein und schwebt förmlich über meinem Schreibtisch. Es sieht aus, als hätte ein Abrisstrupp das gesamte Büro auseinandergerissen. Ich habe Angst, zu sterben, zu verbrennen oder vom Luftdruck herausgesaugt zu werden. Ich schreie: «Gott, ich will nicht sterben. Schick’ mir jemanden, irgendjemanden, der mir hilft.»

Und dann sehe ich das Licht einer Taschenlampe. Ein mir nicht bekannter Mann sagt, dass er mich hören kann. Ich krieche langsam auf ihn zu, aber dann stoppt mich eine Zwischenwand. Ich versuche, über sie zu klettern, doch ich schaffe es nicht. Der Mann sagt mir, dass ich es erneut versuchen müsse, wenn ich überleben wolle.

Irgendwie schaffe ich es in einem weiteren Anlauf, dank seiner Hilfe. Ich lande auf ihm und als wir beide aufstehen, küsse ich ihn spontan auf die Wange. Er schaut mich verdutzt an und sagt: «Ich bin Brian Clark.» Und ich sage: «Ich bin Stanley, wir werden für immer Brüder sein.» Mein Retter entgegnet, dass er ein Einzelkind sei und sich schon immer einen Bruder gewünscht habe. Dann verkündet er: «Komm’, lass uns nach Hause gehen!»

Stanley Praimnath und Brian Clark konnten den Südturm des World Trade Center am 11. September 2001 rechtzeitig verlassen, bevor das Hochhaus kurz vor 10 Uhr in sich zusammenstürzte. Praimnath, der im Oktober seinen 70. Geburtstag feiert, ist mittlerweile pensioniert. Der gebürtige Guyaner wünscht sich, dass der 11. September in den Status eines nationalen Gedenktags erhoben wird. 23 seiner Arbeitskollegen starben vor 25 Jahren im Südturm.

Joe Dittmar erzählt: «Ich hatte einfach nur Angst»

Am 11. September nahm ich im Südturm des World Trade Center an einer Besprechung teil. Wir waren 54 Personen, die sich in einem fensterlosen Konferenzraum auf der 105. Etage versammelt hatten. Die Sitzung hätte eigentlich um 8.30 Uhr starten sollen. In der Versicherungsbranche, in der ich jahrzehntelang arbeitete, beginnen Sitzungen aber nie pünktlich.

Um 8.46 Uhr, als das erste Flugzeug in den Nordturm krachte, flackerten die Lichter im Raum. Wir hörten nichts, sahen nichts, spürten nichts. Aber fast sofort kam ein Mitarbeiter unseres Gastgebers, der Aon Corporation, in den Raum und sagte: «Hey, im Nordturm hat es eine Explosion gegeben. Wir müssen evakuieren.»

People in Union Square sign posters and cards on 9/11 in NYC xkwx 9/11, airline, airplane, attack, building, crash, danger, destruction, explosion, fire, fireball, hijacking, history, hit, impact, low ...
New Yorker und New Yorkerinnen nehmen nach dem Anschlag Anteil.Bild: www.imago-images.de

Der Mann hiess Rick Blood. Er begleitete uns zum nächstgelegenen Treppenhaus. Dort sagte er uns, dass wir nun zu Fuss ganz nach unten gehen müssten. Wir griffen murrend zu unseren Handys. Wir wollten alle irgendwen anrufen, um uns darüber zu beschweren, dass unsere Sitzung abgesagt worden war. Aber wir hatten keinen Empfang. Das Netz war komplett überlastet.

Und das war unser Glück: Denn wir hatten keinen blassen Schimmer von der Dimension des Vorfalls. Erst als wir die 90. Etage erreichten, begriffen wir das Ausmass. Dort war die Türe offen, die normalerweise aus Brandschutzgründen verschlossen ist. Wir alle verliessen das Treppenhaus.

Die folgenden 30 bis 40 Sekunden waren die schlimmsten meines Lebens. Denn ich schaute aus den Fenstern nach Norden und sah den Einschlagort des ersten Flugzeugs im anderen Turm des World Trade Center. Ich sah riesige schwarze Löcher in den Seiten des Gebäudes, grauen und schwarzen Rauch, der aus diesen Löchern strömte, und grosse rote Flammen. Ich sah Möbel und Papier und Menschen, die aus dem Gebäude gerissen wurden. Es war ein unglaublicher, grausamer Anblick. Und ich erinnere mich, wie gross die Angst war, die ich in diesem Moment hatte. Ich hatte einfach nur Angst.

Und ich wollte raus, und zwar so schnell wie möglich. Ich drehte mich um und kehrte ins Treppenhaus zurück. Da hörte ich eine Durchsage über die Lautsprecheranlage. Sie klang ungefähr so: Das Ereignis sei auf den Nordturm begrenzt, man glaube, der Südturm sei sicher. Man empfehle den Beschäftigten im Südturm, an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren.

Bildnummer: 55946062 Datum: 12.09.2011 Copyright: imago/UPI Photo
A single white flower is left on one of the panels containing the names of the victims of the attacks on the first day that the 9/11 M ...
Da, wo früher das World Trade Center stand, ist heute eine Gedenkstätte.

Aber ich war fest entschlossen, nicht umzukehren! Im 78. Stock sah ich eine Arbeitskollegin und sie rief mich dazu auf, mit ihr in den Expresslift nach unten zu steigen. Und dann setzte bei mir sich endlich der gesunde Menschenverstand durch. Ich dachte: Ich habe das Treppenhaus schon einmal verlassen, das mache ich nicht noch einmal. Und das war wohl die beste Entscheidung meines Lebens.

Denn ich war irgendwo zwischen dem 74. und 72. Stock, als das zweite Flugzeug um 9.03 Uhr in unser Gebäude einschlug. Und dieses Flugzeug traf unseren Turm zwischen den Etagen 77 und 83.

Ich habe noch nie in meinem Leben etwas Vergleichbares gespürt und hoffe, das auch nie wieder erleben zu müssen. Plötzlich fängt der Beton an zu reissen, die Handläufe brechen aus der Wand, die Stufen bewegen sich wie Wellen im Ozean. Wir spüren, wie eine massive Hitzewelle an uns vorbeirauscht, riechen Kerosin, und das ganze Gebäude schaukelt hin und her. Es war unglaublich, und es fühlte sich an wie eine Ewigkeit – vielleicht waren es Sekunden, vielleicht eine Minute.

Schliesslich beruhigte sich die Lage wieder. Und wir gingen weiter das Treppenhaus runter. Und ich sage immer, man würde denken, jetzt müsse absolutes Chaos herrschen – aber so war es nicht. Es war still. Wir waren unter Schock und wussten nicht, was los war. Die Handys funktionierten immer noch nicht. Und das war ein Segen, denn in diesem Moment war Unwissenheit wirklich ein Schutz.

Als der Südturm in sich zusammenfiel, befand sich Joe Dittmar in Sicherheit. Er feiert Ende Monat seinen 70. Geburtstag und tritt regelmässig öffentlich auf, um über den 11. September 2001 zu sprechen. Er sagt, die Terroranschläge seien ein Angriff auf die ganze Welt gewesen, starben an diesem Tag doch fast 3000 Menschen aus mehr als 80 Nationen. Der Versicherungskonzern Aon verlor 176 Angestellte – darunter auch Rick Blood. Dittmar meidet Hochhäuser noch heute. (schweizheute.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
9/11 – die Terroranschläge vom 11. September 2001
1 / 52
9/11 – die Terroranschläge vom 11. September 2001

Es war der bisher schwerste Terroranschlag der Geschichte: Am 11. September 2001 entführten islamistische Terroristen vier Flugzeuge und steuerten sie in die Zwillingstürme des World Trade Centers und das Pentagon in den USA. Das vierte Flugzeug stürzte in Pennsylvania ab. Fast 3000 Menschen kamen ums Leben.

quelle: ap / chao soi cheong
Auf Facebook teilenAuf X teilen
25 Jahre seit dem Attentat auf die Twin-Towers
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
29 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
29
Urteil «Front»: Russland will Kriminelle direkt in den Krieg schicken
Der Kreml sucht händeringend nach neuen Soldaten für den Kampf gegen die Ukraine. Deshalb feilt Moskau an seiner Rechtsprechung.
Russland treibt die Rekrutierung von Strafgefangenen für den Krieg gegen die Ukraine voran – und denkt offenbar über einen grundlegenden Systemwechsel nach: Während bisher viele Häftlinge einen Militärvertrag mehr oder weniger freiwillig unterschrieben, um dem Straflager zu entkommen, könnte künftig der Fronteinsatz selbst zur gerichtlich verhängten Strafe werden.
Zur Story