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Tour-Besuch bei James Talarico, der demokratischen Hoffnung in Texas

Das Mesquite Event Center in Abilene/Texas, eine Schlange politisch interessierter AmerikanerInnen.
Das Mesquite Event Center in Abilene/Texas, eine Schlange politisch interessierter AmerikanerInnen.Bild: watson.ch

Jung, links, christlich – James Talarico greift in Texas an

22.08.2026, 13:5822.08.2026, 14:20
Johann Aeschlimann

Ich fahre südwärts. 550 Meilen durch immer dürrere Weiten und eine wachsende Hitze von Abilene/Kansas nach Abilene/Texas. In Abilene/Kansas befindet sich die Grabstätte und das Präsidialmuseum von Dwight Eisenhower, dem Oberkommandierenden der Alliierten im Weltkrieg und US-Präsidenten von 1953 bis 1961. In Abilene/Texas macht am 13. August James Talarico auf seiner «New American Dream Tour» halt. Talarico ist der Kandidat der Demokratischen Partei für den US-Senat, ein Überraschungsmann, jung, links und dazu theologisch ausgebildeter Christ. Das ist eine neue und seltene Kombination im Land, wo die Christen konservativ denken und Trump wählen. Wie sich herausstellt, passen die beiden Abilene in diesem politischen Vorwahljahr nicht schlecht zusammen.

Vor dem Mesquite Event Center stehen sie schon eine Stunde vor dem Einlass, eine lange Schlange von Wartenden schlingt sich rund um den Parkplatz. Es ist heiss, 40 Grad Celsius. Junge Helfer bieten Wasser an, eine Frau wird ohnmächtig. «Solange er keine Flinte hat und nicht stinkt, kann jeder kommen», hatte der Angestellte des Event Center erklärt, als wir uns nach Zutritt erkundigten. «So viele Leute, das wird hier zu reden geben», sagt eine alte Dame, Mitte achtzig, Zeichnungslehrerin. «Das sind mehr als bei Beto».

Beto O’Rourke war der letzte Hoffnungsträger der Demokraten in Texas, kein erfolgreicher. 2018 verlor er die Wahl in den US-Senat, 2022 jene zum Gouverneur. Seit Lyndon Johnson, dem nachmaligen Präsidenten, hat in Texas kein Demokrat mehr einen Sitz im US-Senat erobert. Das war 1960.

Jetzt also steht James Talarico im Ring. Jahrgang 1989, Harvard-Master in «education», zwei Jahre Englischlehrer einer sechsten Klasse in der Rhodes Middle School in San Antonio, dann Geschäftsführer einer Nonprofit-Organisation, seit 2018 Abgeordneter im Parlament von Texas. In der Vorwahl stellte er sich gegen die US-Abgeordnete Jasmine Crockett, eine lautstarke Polter-Rhetorikerin aus Houston. Sie schwarz, er weiss, er progressive, das heisst links im Parteispektrum, sie auch links, aber anders etikettiert (common sense). Talarico siegte deutlich mit 52 gegen 46 Prozent der Stimmen.

Talarico-Merchandise vor der Event-Halle in Texas.
Talarico-Merchandise vor der Event-Halle in Texas. Bild: Keystone

Die Halle ist voll. 800 seien da gewesen, wird der «Abilene Reporter-News» berichten. Die Musik spielt Countryzeug und «Revolution» von den Beatles. Die Einheizerin verlangt community building. Wir müssen mehrere Minuten aufeinander zugehen, uns in die Augen schauen und miteinander reden. Wie in den amerikanischen Gottesdiensten.

Dann tritt Reverend Taylor auf, Schwarz in Schwarz. Er spricht im Duktus des schwarzen Predigers, ernst, gemessen, eindringlich, mächtige Wortwolken ausstossend. «Korruption ist eine Sünde.» «Schwindler praktizieren die dunkle Kunst der Verführung». «Die Religion der Bigotterie breitet sich aus.» Dabei ist Politik eine «moralische Berufung», es geht um «Charakter, nicht um Ehrgeiz».

Auftritt James Talarico. Weisses Hemd, offen, schwarzer Veston, dunkle Jeans, die obligaten Stiefeletten, nett frisiert, Bubengesicht, für texanische Verhältnisse eher kurzgewachsen. Eine freundliche Erscheinung. Als Erstes sagt er zum Reverend Taylor: «Danke, dass Sie uns in die Kirche geführt haben». Es bleibt die einzige Referenz auf den Christenglauben.

Talarico beginnt seine Ansprache mit Augusta, einer Putzkraft am Flughafen von Fort Worth. Ihr Löhnlein reicht nicht aus, um über die Runden zu kommen. Sie steht vor der Zwangsräumung, und wenn sie die leeren Flugzeuge reinigen muss, stellt ihr die Fluggesellschaft die Air Condition ab. Eine Schande. «Im US-Senat werden wir Augusta helfen», sagt Talarico. We will have her back.

«Abilene – schönste Stadt, die ich je gesehen habe …» Liedtext des gleichnamigen Songs «Abilene» von George Hamilton IV. Abilene/Texas will den Song für sich, gerichtet ist er aber an Abilene/Kansas.
«Abilene – schönste Stadt, die ich je gesehen habe …» Liedtext des gleichnamigen Songs «Abilene» von George Hamilton IV. Abilene/Texas will den Song für sich, gerichtet ist er aber an Abilene/Kansas. Bild: watson.ch

«In Amerika soll man imstande sein, ein gutes Leben zu haben». Das «gute Leben». Jetzt sind wir plötzlich ganz nahe bei Abilene/Kansas. «In der Mitte des 20. Jahrhunderts haben wir in die Menschen investiert, Autobahnen, Wohnungen und Schulen gebaut», sagt Talarico. Das waren die fünfziger Jahre, die Eisenhower-Jahre. Eine Ära beispiellosen wirtschaftlichen Wachstums, der sich der Westen nach der Erschöpfung der Weltkriege hingab.

In den Vitrinen des Museums von Abilene/Kansas sind die Belege ausgestellt: Fernseher, Küchengeräte, Autoverkaufszahlen, die Attribute der aufsteigenden Mittelklasse. Und heute? «Wir können uns kein Heim mehr leisten, aber Jeff Bezos hat mindestens zehn. Wir können uns nicht mehr leisten, den Tank zu füllen, aber Zuckerberg landet Helikopter auf seiner Yacht. Die drei grössten Milliardäre besitzen mehr als die ganze Mittelklasse.»

Talarico in Abilene/Texas.
Talarico in Abilene/Texas.Bild: watson.ch

Nun wird James Talarico deutlich. Es geht gegen das System: «Trickle-down-Wirtschaft ist keine Theorie, sondern Diebstahl.» Es fällt das Wort von der Affordability – der «Erschwinglichkeit», welche die Demokraten als Kernanliegen in den Wahlkampf tragen. «Die grossen Wirtschaftsinteressen zinken das Spiel. Wir haben eine Erschwinglichkeitskrise, weil wir eine Korruptionskrise haben.» Der Markt funktioniere nicht, sagt Talarico, man habe es nicht mit Kapitalismus, sondern mit «Kumpelkapitalismus» zu tun: «Wir werden beschissen. Egal, ob wir etwas liberaler oder etwas konservativer sind, wir werden alle beschissen. Die sehen nicht Rot oder Blau, sondern Grün.» Nicht die Parteifarben, sondern die Farbe der Dollarnoten hätten die Milliardäre im Sinn, die «das System gekauft» haben. «Der wahre Konflikt in diesem Land ist nicht links gegen rechts, sondern oben gegen unten.»

Es folgt der Zettel der Forderungen: mehr Mindestlohn, Rücknahme der Trump-Steuervergünstigungen, dafür Steuererleichterungen «für die Mittelschicht», Streichung der Schulden auf medizinischen Leistungen, Deckelung der Zinssätze bei Kreditkartenschulden, mehr Geld für den Hochschulbesuch, die Beendigung der «endlosen Kriege». Auch die Schliessung der Defizitlücke im Bundeshaushalt will Talarico anstreben, und «die Bundesschuld anpacken». Zudem verspricht er den «Kampf gegen die Datacenter» – die riesigen Datenverarbeitungsanlagen, die in den USA aus dem Boden schiessen und Misstrauen, Unmut und Widerstand provozieren.

Abilene/Texas ist Standort des grössten Komplexes im Land. Die Datencenter werden zum Wahlthema. Talarico erinnert daran, dass er um den ehemaligen Senatssitz von Lyndon Johnson kämpft, der die grossen Sozialprogramme der sechziger Jahre, die Great Society, durchgesetzt hatte. Dort müsse man wieder hin, zurück zum amerikanischen Traum: «Wenn du hart arbeitest und die Spielregeln befolgst, kommst du voran.» Der Name Donald Trump fällt in der ganzen Rede nicht ein einziges Mal. Dafür jener des Gegenkandidaten Ken Paxton. Das sei «der korrupteste Politiker», der Geld von den Datencenter-Mogulen angenommen habe: «Paxton arbeitet nicht für uns, er arbeitet für seine Spender.»

Texas.
Texas.Bild: watson

Ist das links? Für die konservativen Radio-Talkshowmaster und die Republikanische Partei sind Leute wie James Talarico «Sozialisten» und Kommunisten. Wird sein people-powered movement, seine «Volksbewegung», genug Schwung entwickeln, um Texas aus dem Griff der Republikaner zu lösen? Funktioniert der linke Populismus der progressives?

In James Talaricos Rede geht nicht alles auf. Die Richtung stimmt. Es geht um die Rückkehr zu einem Wirtschaftsverständnis, das der Wirtschaftsjournalist David Leonhardt als «demokratischen Kapitalismus» vermisst: «Eine Massenbewegung, die auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage für die Mehrzahl der Amerikaner abzielt.» In der Eisenhower-Ära und bis in die sechziger Jahre sei das wirtschaftspolitisches Allgemeingut gewesen. Die Höchststeuerrate im Jahr 1952 lag bei 92 Prozent für damalige Einkommen über 200'000 Dollar, und 92 Prozent der 1940 Geborenen hatten höhere Einkommen als ihre Eltern. Leonhardt: «Fortschritt war die lingua franca der amerikanischen Kultur.» Heute dagegen lebten die USA «in der schlimmsten Periode der Stagnation seit der Grossen Depression.»

Das ist nicht neu, und Progressive wie Sanders und Talarico sind nicht die ersten, die das Ruder herumwerfen wollen. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Michael Dukakis hatte 1988 «gute Jobs für gute Löhne» propagiert, aber sein Slogan war hilflos und er der Verlierer. Die Progressiven nennen Ross und Reiter – Sanders zog im Frühling unter dem Motto «Kampf den Oligarchen» durch das Land, Talarico keilt gegen Bezos, Zuckerberg und Musk. Er wird im Wahlkampf erklären müssen, wie er die Schliessung des Bundesdefizits und den Abbau der Bundesschuld unter einen Hut mit seinen sozialpolitischen Forderungen bringt. Aber für die Besucher im Mesquite Event Center geht es nicht darum. «Die Leute haben die alte Garde satt», sagt Brian, ein Mittvierziger, auf die Frage, was Talarico attraktiv mache. «Paxton», antwortet eine junge Lehrerin auf dieselbe Frage.

Der republikanische Gegenkandidat Ken Paxton, derzeit Justizminister von Texas, hat in der Vorwahl den bisherigen Senator John Cornyn weggekegelt. Cornyn war ein gelegentlicher Trump-Kritiker und hatte sich damit den Zorn des Weissen Hauses zugezogen. Paxton dagegen steht in der Gnadensonne von Donald Trump, was ausreichte, um ihn gewinnen zu lassen. Dies, obwohl er wegen Aktiengeschäften in Gerichtsverfahren und ein Amtsenthebungsverfahren verwickelt war. «Er ist schrecklich», sagt die junge Lehrerin. «Er hat auch seine Frau betrogen. Viele Republikaner werden ihn nicht wählen».

Affaire à suivre.

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