Trump, Texas und die Bibel – der Traum vom Gottesstaat wird konkreter
Die USA feiern das 250-jährige Jubiläum und zelebrieren sich nach trumpscher Manier pompös als die älteste Demokratie der Welt. Gleichzeitig schaut diese Welt konsterniert auf Präsident Trump und die MAGA-Bewegung, die mit der Abrissbirne die traditionellen politischen und religiösen Werte der Gründerväter zerstören.
Und die Hälfte der Amerikaner jubelt dem «neuen König» frenetisch zu. Sie realisieren nicht, dass ihr Präsident ihnen auf der Nase herumtanzt und nur seine eigenen egozentrischen Interessen verfolgt. Und diejenigen, der Tech-Milliardäre und anderer Superreichen.
Diese kleine Elite schreckt nicht vor Korruption zurück, schwurbelt Verschwörungstheorien daher, malt die angeblich drohende Apokalypse an die Wand und plant den Umbau der Demokratie in eine Autokratie, in der die erfolgreichsten Wirtschaftskapitäne den Staat wie CEOs führen.
Trump missachtet Gesetze
Sie träumen davon, die Wahlen abzuschaffen und Behörden und Administration zu zerschlagen. Elon Musk und die DOGE-Behörde haben in einem Probelauf demonstriert, wie das funktioniert.
Trump probt den Aufstand bei jeder Gelegenheit. Er missachtet Gesetze und Verfassung, ignoriert Gerichtsentscheide und umgeht den Senat. Jeder der ihm widerspricht oder nicht nach seiner Pfeife tanzt, muss mit dem Bannstrahl rechnen: «You are fired!!!!»
Bezeichnend ist auch das religiöse Vokabular, das Trump und mehrere seiner engsten Verbündeten mit entlarvender Selbstverständlichkeit benutzen. Der Präsident, der wohl mehr an sich als an Gott glaubt, umgibt sich im Weissen Haus gern publikumswirksam mit evangelikalen Pastoren, die ihm den Segen erteilen.
Der Tech-Milliardär Peter Thiel, der im Hintergrund die ideologischen Strippen zieht, ist ein erzkonservativer Katholik. Er empfahl Trump, J.D. Vance, der ebenfalls strenggläubig ist, zu seinem Vizepräsident zu erküren.
Thiel warnt in seiner religiösen Verblendung seine Landsleute vor dem Antichristen, der aktuell sehr umtriebig sei und die Apokalypse anstrebe. Der Tech-Milliardär behauptet, der Satan übe vor allem bei der UNO, WTO, WHO und EU seinen unheilvollen Einfluss aus.
Er deutet auch in verschwörungstheoretischer Manier auf die angebliche globale Macht hin, die im Geheimen die politischen Fäden ziehe. Zu diesem Narrativ zählt er auch die Woke- und Gender-Bewegung.
Unterstützung erhalten Trump und seine Verbündeten von den Evangelikalen und der MAGA-Bewegung. Die christlichen Fundis wollen die Religionsfreiheit abschaffen, um ihre christliche Agenda politisch durchsetzen zu können. Sie scheinen vergessen zu haben, dass ihre Vorfahren – eingewanderte verfolgte Mennoniten aus Europa – zum eigenen Schutz für diese Freiheit gekämpft hatten.
Trump lässt mit seinen religiösen Posen viele evangelikale Freikirchen und grosse Teile der MAGA-Bewegung vom Gottesstaat träumen. Sie geniessen auch den Support von einzelnen Richtern des Bundesgerichts, die ebenfalls fundamentalistisch unterwegs sind. Die Trennung von Kirche und Staat ist bereits aufgeweicht.
All dies sind antidemokratische Tendenzen, die von einem beträchtlichen Teil der amerikanischen Bevölkerung begrüsst und mitgetragen werden. Trotzdem halten sie weiterhin am Mythos von der ältesten Demokratie fest.
Bibellektüre in den Schulen
Der jüngste Coup ist den christlichen Fundis in Texas geglückt. Die Schulbehörde ordnete vor wenigen Tagen an, dass die Schülerinnen und Schüler gewisse Bibelstellen lesen müssen. Die Begründung: Texas und die USA seien eine christliche Nation.
Zur Pflichtlektüre gehören das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus dem Lukasevangelium, die Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis sowie das Buch Jona, wie die deutsche Plattform «katholisch.de» schreibt.
Viele Eltern reagierten entrüstet. Sogar der Rabbiner Joshua Fixler protestierte. Sein Sohn müsse religiöse Texte lesen, die seine Familie nicht teile, gab er in einem Fernsehinterview zu bedenken. Die texanische Schulbehörde missachtete dabei ein Urteil des Obersten Gerichts aus dem Jahr 1963, wonach staatliche Schulen neutral sein müssen und die Bibellektüre nicht vorgeschrieben werden dürfe.
Das texanische Parlament hatte schon im Juni vergangenen Jahres einen ähnlichen Entschluss gefasst und angeordnet, dass an allen Schulen die Zehn Gebote aufgehängt werden müssen. Mehrere Familien hatten dagegen geklagt.
Verfügung umgestossen
Ein Bundesrichter erliess eine einstweilige Verfügung und verbot die Zehn Gebote in Schulzimmern, doch ein Berufungsgericht kippte die Verfügung. Es begründete den Entscheid mit dem Argument, das Gesetz leite weder Schüler dazu an, die Zehn Gebote anzunehmen, noch verlange er von Lehrern, Schüler zu bekehren.
Eine fadenscheinige Begründung, verletzt doch die Propagierung der Zehn Gebote die Religionsfreiheit eindeutig. Es ist offensichtlich, dass gewisse Richter dem Zeitgeist unterliegen und der Idee vom Gottesstaat etwas abgewinnen können.
Wie wäre wohl die Reaktion der Öffentlichkeit ausgefallen, wenn Muslime verlangt hätten, bestimmte Suren seien in allen Schulen aufzuhängen? Oder wenn Atheisten das Humanistische Manifest an die Wandtafel geklebt hätten? Der Aufschrei hätte wohl halb Amerika erschüttert. Und die Initianten wären gut beraten gewesen, sich vor den christlichen Fundamentalisten zu verstecken.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
Du kannst Hugo Stamm auf Facebook folgen und seinen Podcast findest du auf YouTube.
