In Texas kämpft Rache gegen Anstand
Alexandre Dumas schildert in «Der Graf von Monte Christo», wie ein Mann gedemütigt, enterbt und unschuldig ins Gefängnis geworfen wird, nur um sich danach in einem monumentalen Feldzug an seinen Peinigern zu rächen. Obwohl der Roman Mitte des 19. Jahrhunderts verfasst wurde, ist er bis heute ein Bestseller geblieben, denn er ist zur Blaupause geworden für ein Erfolgsrezept, an das sich Hollywood bis heute hält: Nichts verkauft sich besser als Rache.
Diese Lektion hat auch Donald Trump begriffen. Er mag seine Wahlversprechen brechen, die USA in einen idiotischen Krieg verwickeln, absurde Eitelkeits-Projekte verfolgen und sich immer hemmungsloser bereichern. All dies perlt an seiner MAGA-Basis ab, solange er liefert, wonach seine Anhänger am meisten dürsten: Rache.
Mit seiner Unterstützung von Ken Paxton in den Vorwahlen von Texas hat Trump einmal mehr geliefert. Paxton ist eine Art Graf von Monte Christo der perversen Art. Der Mann wird des Diebstahls, der Unterschlagung und des Ehebruchs angeklagt, Mitglieder der eigenen Republikanischen Partei haben ein Impeachment-Verfahren gegen ihn eingeleitet – und trotzdem hat er die Vorwahlen zu den kommenden Wahlen für einen Senatssitz gegen seinen Rivalen John Cornyn haushoch gewonnen.
Wie ist das zu erklären? Was Paxton für alle ausserhalb von MAGA zu einem der korruptesten Politiker der USA macht, macht ihn für seine Anhänger zu einem Mann, der sich allen seinen liberalen, woken und progressiven Gegnern widersetzt, der sich nicht unterkriegen lässt und sich schliesslich rächt. Damit wird er in ihren Augen ein Held.
Aus den gleichen Gründen wird er für den Präsidenten zu einem kongenialen Partner. «Aus der Sicht von Trump ist Paxtons Sündenregister ein Vorteil», stellt Jonathan Chait im «Atlantic» fest. «Der Präsident scheint sich wohl zu fühlen und offenbar auch äusserst angewiesen zu sein auf Verbündete, die seine Vorliebe, Gesetze und menschlichen Anstand zu brechen, teilen.»
Das Gegenstück zu Paxton ist James Talarico. Der 37-jährige Demokrat hat Theologie studiert und ist ein gläubiger Christ. Doch er ist kein fundamentalistischer Fanatiker, sondern er vertritt progressive Inhalte wie Transgender-Rechte oder das Recht auf Abtreibung. Er ist auch ein äusserst fähiger Politiker. Als Mitglied des texanischen Repräsentantenhauses ist es ihm gelungen, über die Parteigrenzen hinweg Gesetze zu verabschieden, die das Leben für Lehrer, Kinder und Jugendliche verbessern.
Schliesslich ist Talarico auch ein brillanter Taktiker. In den Vorwahlen hat er sich gegen Jasmine Crockett, eine ebenfalls sehr einflussreiche Abgeordnete, durchgesetzt. Sein Auftritt bei Stephen Colbert ist im Internet viral gegangen und inzwischen gilt er als einer der bedeutendsten Hoffnungsträger der Demokraten.
Die Wahl für einen Senatssitz in Texas ist weit mehr als eine lokale Angelegenheit. Sie wird zu einem Lackmustest für die amerikanische Politik und erregt deshalb auch nationale Aufmerksamkeit. Beiden Kandidaten ist dies bewusst: «Ohne den geringsten Zweifel werde ich die Zielscheibe Nummer Eins der Demokraten im November sein», erklärte Paxton an seiner Wahlfeier vom vergangenen Dienstag. Talarico seinerseits sagt: «50 Jahre lang haben uns Megamäzene und ihre Marionetten wie Ken Paxton mit ihren Bestechungen und ihren Steuergeschenken für Milliardäre bestohlen. Das wird in diesem Jahr ein Ende finden: in diesem Staat, in diesem Rennen.»
Im Kampf um den texanischen Sitz geht es auch um die Machtverhältnisse im Senat. Sollte es den Demokraten gelingen, diesen Sitz erstmals seit 1994 wieder zu gewinnen, haben sie auch gute Chancen, die Mehrheit in der kleinen Kammer zu erreichen. So gesehen ist es nicht erstaunlich, dass in Texas sehr viel Geld für die Kampagne ausgegeben wird. Allein die republikanischen Vorwahlen haben 128 Millionen Dollar verschlungen. Die gleiche Summe muss wohl aufgebracht werden, wenn die Grand Old Party Paxton in den Senat hieven will.
Selbst diese Summe könnte möglicherweise nicht reichen, denn Talarico hat bereits mehr als 40 Millionen Dollar eingesammelt. Paxton hingegen ist diesbezüglich frei von Talent und muss auf die Hilfe seiner Partei hoffen.
Er und seine Verbündeten bei den konservativen Medien setzten deshalb auf eine Schmutzkampagne. Sie stellen Talarico wahrheitswidrig als Veganer dar und geben ihm den Übernamen «Tofu Talarico». Oder sie beschimpfen ihn als «Woke weirdo» (Woke-Verrückter) oder als «Six-gender Jimmy James» (Sechs-Geschlechter-Jimmy). Talaricos Antwort darauf ist ebenso kurz wie prägnant: «Paxton has a criminal record, I have a political record.» (Paxton hat einen Strafregisterauszug, ich habe einen Leistungsausweis.)
Umfragen deuten auf einen engen Ausgang des Rennens hin. Die Demokraten geben sich deshalb optimistisch, wenn auch vorsichtig. Sie können sich daran erinnern, dass 2018 ein gewisser Beto O'Rourke in einer ähnlichen Ausgangslage schlussendlich gegen Ted Cruz verloren hat. Die aktuelle Lage ist jedoch in verschiedener Hinsicht nicht damit vergleichbar.
Auch Paxtons hoher Sieg gegen seinen republikanischen Rivalen muss relativ betrachtet werden. In den Vorwahlen nehmen in der Regel nur ein paar Prozent der Stimmberechtigten teil. Sie sagen deshalb wenig über den Ausgang der gültigen Wahlen aus. Zudem haben die Demokraten auch in Texas seit der Amtsübernahme von Trump ein paar wichtige Wahlen für sich entscheiden können.
Auch die Unterstützung durch das Weisse Haus ist relativ. Zwar ist unbestritten, dass Trumps Einfluss in der eigenen Partei fast vollständig ist. Doch bei seiner Unterstützung von republikanischen Kandidaten hat er sich auch schon böse vergriffen, etwa bei Herschel Walker, dem glücklosen Senatskandidaten in Georgia.
Anders als der Graf von Monte Christo ist Ken Paxton alles andere als unschuldig. Oder wie es die «New York Times» zusammenfasst: «Die meisten Vorwürfe gegen Paxton sind sehr gut dokumentiert. Er wurde wegen Betrugs angeklagt, er wurde impeached, ihm wurde auch vorgeworfen, einen 1000-Dollar-Füllfederhalter gestohlen zu haben, und seine Frau ist im Begriff, sich von ihm ‹aus biblischen Gründen› scheiden zu lassen.»
