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Sie möchten ein positives Leben? Dann misstrauen Sie dem positiven Denken

Yoga practitioners gather on Arpoador beach to mark International Yoga Day, in Rio de Janeiro, Saturday, June 21, 2025. (AP Photo/Bruna Prado)
Brazil International Yoga Day
Die Negativität prägt den philosophischen Diskurs seit Jahrzehnten – besonders im deutschsprachigen Raum.Bild: keystone

Du möchtest ein positives Leben? Dann misstrau dem positiven Denken

Yoga, Meditation, Achtsamkeit – und trotzdem schlecht gelaunt? Das Negative verstellt den Blick auf die Welt. Das liegt an einem griesgrämigen deutschen Philosophen. Doch es gibt einen Ausweg.
07.06.2026, 22:5207.06.2026, 22:52
Raffael Schuppisser / ch media

Bei den Griechen waren Philosophie und die Kunst des guten Lebens noch eng miteinander verwoben. Sokrates suchte auf dem Marktplatz gemeinsam mit anderen im Gespräch nach Wahrheit. Und Aristoteles verstand seine Tugendethik als praktische Anleitung für ein erfülltes Leben.

Später gingen diese Bereiche zunehmend eigene Wege. Heute kümmert sich vornehmlich die positive Psychologie um das Glück, während die Philosophie ihren Platz als Denkwerkzeug und Grundlagenwissenschaft im modernen Wissensbetrieb behauptet.

Dass das Auseinanderdifferenzieren von Glück und Philosophie einerseits ein Irrweg ist, und dieses Vorhaben andererseits ohnehin nur oberflächlich gelingen kann, zeigen Markus Gabriel und René Scheu in ihrem Buch «Das Positive leben». Denn die dem Zeitgeist vorherrschende philosophische Schule prägt in der Tiefe die gesellschaftlichen Debattenstrukturen. Damit beeinflusst die Philosophie indirekt auch unsere Vorstellungen des persönlichen Glücks. Sie ermöglicht es oder – was derzeit leider vornehmlich der Fall ist – sie versperrt es.

Eine Abrechnung mit Adorno

Gabriel ist einer der spannendsten Gegenwartsphilosophen Deutschlands, Begründer des sogenannten «Neuen Realismus» und Professor in Bonn; Scheu ist Philosoph, Publizist (unter anderem Kolumnist dieser Zeitung) und Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik in Luzern. Ihr gemeinsames Buch liest sich stellenweise als eine Abrechnung mit der Frankfurter Schule. Die philosophische Strömung wurde von Theodor W. Adorno begründet, gilt als eine der wichtigsten des 20. Jahrhunderts und wurde vom jüngst verstorbenen Jürgen Habermas weiterentwickelt.

Adornos meistzitierter Satz lautet: «Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.» Er hat ihn nach Auschwitz formuliert. Und hier ergibt er durchaus Sinn: Im Faschismus kann nichts Gutes gedeihen. Doch der Satz ist für Adorno mehr, nämlich ein Leitmotiv seiner negativen Dialektik. Mit dem «Falschen» meint der Frankfurter Lehrer nicht einzelne Missstände, sondern eine gesellschaftliche Gesamtverfassung, die systematisch verzerrt ist. Er misstraut positiven Entwürfen. Stattdessen zeigt sich Wahrheit gemäss Adorno im Aufdecken von Widersprüchen, Leiden und Brüchen.

So weit, so theoretisch. Doch diese Haltung drückt sich auch in einem negativen gesellschaftlichen Blick auf die Welt aus: Trump zerstört die Demokratie, die Klimakatastrophe die Lebensgrundlage und die künstliche Intelligenz die Menschheit vollends. So schallt es aus Radio, Zeitungen und Netz. Na dann: Gute Nacht!

Es fehlt der Welt an positiven Entwürfen. Das liegt, so die These der beiden Philosophen, daran, dass die Negativität den philosophischen Diskurs seit Jahrzehnten prägt – besonders im deutschsprachigen Raum, wo ihre Wirkung am deutlichsten spürbar ist und wo die Miesepeter am lautesten jammern.

Der Neue Realismus

An diesem Punkt setzt Markus Gabriels «Neuer Realismus» an. Anders als die negative Dialektik, die im Widerspruch, im Mangel und in der gesellschaftlichen Verzerrung den eigentlichen Zugang zur Wahrheit sucht, besteht der Neue Realismus darauf, dass die Welt nicht bloss aus Konstruktionen, Machtverhältnissen oder ideologischen Schleiern besteht. Es gibt Tatsachen, Sinnfelder und Wirklichkeiten, die unabhängig von unserem Verstand existieren. Damit verbindet sich auch die Möglichkeit, das Gute nicht nur negativ – als Abwesenheit des Schlechten – zu denken, sondern als etwas Wirkliches und Erfahrbares.

Nun ist es natürlich nicht so, dass Adornos «Negative Dialektik» zur Gute-Nacht-Lektüre einer breiten Öffentlichkeit gehört oder als Book-Talk auf Tiktok trendet. Aber ihre Denkmuster sind längst in den kulturellen Alltag eingesickert – und zeigen sich in einem Blick auf die Welt, der zuerst das Falsche sieht und dem Richtigen misstraut. Dem lässt sich nur eines gegenübersetzen: das positive Leben.

Dieses ist, so machen die Autoren deutlich, nicht mit dem positiven Denken zu verwechseln. Denn das positive Denken schafft nichts; durch Manifestationen Wirklichkeit verändern zu wollen, ist ein Trugschluss. Der Positiv-Denker spricht Wünsche aus wie ein Gläubiger Gebete. Dabei unterliegt er einer Fehlannahme, die Gabriel und Scheu so beschreiben: «Man ordert Glück, und Glück stellt sich ein. Gott ist aber nicht Amazon. Das Glück lässt sich nicht bestellen.»

Ohne einen Freund wird es nicht gehen

Wer also ein positives Leben leben will, sollte dem positiven Denken misstrauen. Stattdessen sollte er sich auf seine Freiheit berufen und ins Handeln kommen. Denn man findet den Sinn des Lebens und das Glück nur, so sind Gabriel und Scheu überzeugt, «indem man handelt, sich täuscht, aus Fehlern lernt, sich dadurch selber besser kennenlernt und ständig weiterentwickelt».

Zwar versprechen das positive Denken und eine ganze Bibliothek an Ratgeberliteratur eine Abkürzung. Diese erweist sich aber bei genauerer Prüfung als Sackgasse. Wer das Leben so angeht, handelt wie ein Leser, der sich einen grossen Roman von einer KI zusammenfassen lässt: Man erhält so eine Ahnung davon, verstehen tut man ihn aber nur, wenn man ihn lesend von Anfang bis zum Ende erlebt.

Das Leben ist keine einsame Angelegenheit; schon als Embryo ist man über die Nabelschnur mit der Mutter verbunden und so Teil der Gesellschaft, die einen bis ans Lebensende prägt. Dabei kommt Freunden eine besondere Rolle zu. «Philosophie» ist Griechisch und zusammengesetzt aus den Worten «Freund» («philos») und Weisheit («sophia»). Wer zur Weisheit gelangen und damit Zugang zum «höchsten Glück» erlangen will, so die beiden Philosophen, braucht also mindestens einen Freund. Jemanden, der einem wohlwollend gesinnt ist und trotzdem den Mut hat, einem zu widersprechen.

Der (kunstruktive) Widerspruch ist als «Motor der Logik» für den geistigen Fortschritt unerlässlich. Und nur im Gespräch lässt sich einander widersprechen. Somit findet man auch nur im Gespräch – und nicht etwa im positiven Denken oder im Manifestieren – zu neuen Erkenntnissen und Einsicht. Das Gespräch ist für das positive Leben unerlässlich.

Markus Gabriel und René Scheu: Das Positive leben. Kein & Aber. 320 Seiten.

(bzbasel.ch)

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