Die älteste Ballerina der Welt ist 103-jährig gestorben: Sie tanzte, als die Bomben fielen
Es war nicht so, dass sich die kleine Londonerin Pauline Elise Clayden für Ballett interessiert hätte. Im Gegenteil. Es war ihr herzlich egal. Doch ihre Mutter hatte die fixe Idee, dass Pauline Ballerina werden sollte und meldete die Tochter in einer Ballettschule an, die nach dem Ersten Weltkrieg von drei tanzverrückten Schwestern gegründet worden war. Die Mutter sollte den Ruhm der Tochter nicht mehr erleben, sie starb, als Pauline 15 Jahre alt war.
Der Vater war ein Jurist, der sich um Rechtsfragen zwischen den britischen Eisenbahngesellschaften kümmerte. Nun stand er als alleinerziehender Vater da und die drei Ballettschwestern boten ihm an, Pauline zu adoptieren. Doch das Kind, das schon kein Kind mehr war und inzwischen – immer noch ohne grosses Interesse – eine Profiausbildung als Balletttänzerin abgeschlossen hatte, blieb lieber beim Vater. Mit 16 verdiente Pauline ihr erstes Gehalt als Tänzerin in der Oper «Parsifal» in Covent Garden. Und endlich verliebte sie sich in das Leben auf und hinter der Bühne.
Als London im September 1940 von den Deutschen bombardiert wurde, war sie 17 Jahre alt und tanzte täglich mehrere Vorstellungen im einzigen Theater in London, das überhaupt noch funktionierte. Das Programm nannte sich «Lunchtime Ballets», es begann mittags, wurde bei Tageslicht mehrmals wiederholt, dann gingen alle nach Hause und verdunkelten London für die Nacht. Drinnen wurde getanzt und draussen fielen die Bomben, doch solange da noch ein Dach und Wände waren, liess sich Paulines Truppe durch nichts erschüttern und tanzte weiter.
Aus Pauline, die dem Ballett zu Beginn so gleichgültig begegnet war, wurde eine begeisterte Tänzerin. Sie übersetzte moderne Choreografien in Bilder, zeichnete bunte Diagramme, um die komplexen Schrittfolgen auf der Bühne einprägsamer zu machen und wurde bald unverzichtbar. 1942 wurde sie Teil des Sadler’s Wells, das später das Royal Ballet wurde, und ihre Spezialität waren Tiere. Sie tanzte in unterschiedlichsten Balletten einen halben Zoo, nämlich einen Pudel, eine Katze, eine Ziege, eine Vogelfee, ein Blauschwänzchen, eine Nachtigall, einen Hund, eine Eintagsfliege, einen Schmetterling und die eine von zwei dauerkopulierenden Schlangen.
Nur einen «Schwanensee»-Schwan tanzte sie nie. Den tanzte die damals grösste britische Primaballerina, Margot Fonteyn. Die hochbegabte Pauline war stets Margots Zweitbesetzung – die nie zum Einsatz kam.
Statt des Schwans wurde die Schlange (unter diesem Link gibt es Bilder) ihr Signature-Tier. Sie stammte aus dem Ballett «Tiresias» über den antiken Seher Teiresias, der immer, wenn er den dauerkopulierenden Schlangen begegnete, sein Geschlecht wechselte. Als Götterchef Zeus schliesslich wissen wollte, wer den besseren Sex habe, ob Männer oder Frauen, konnte ihm Teiresias (beziehungsweise Ovid in seinen «Metamorphosen») vollumfänglich kompetent Auskunft geben: Wenn man das Empfinden der Lust beim Sex in zehn Teile aufteilen würde, sagte er, so würden neun Teile der Frau gehören und nur einer dem Mann.
Pauline Clayden war beliebt, sie verband Technik mit einer grossen Gefühlspalette und einer Liebe zu theatralem Ausdruck, sie war klassisch, aber auch expressionistisch. Nach dem Krieg war sie Teil der ENSA (The Entertainments National Service Association), und reiste in einem feldgrünen Deux-Pièces zu Gastspielen in Paris, Belgien und Deutschland.
Es kam, was kommen musste: 1948, mit 26 Jahren, heiratete sie einen feschen, aus dem Krieg heimgekehrten Major, der Professor für Neuroanatomie wurde. 1956, nach einem grossen Triumph in der Titelrolle des Selbstmörderinnen-Balletts «Giselle», zog sie sich von der Bühne zurück, um eine Familie zu gründen.
Später kehrte sie als Beraterin und Trainerin zum Royal Ballet zurück, ihr stupendes, fotografisches Gedächtnis ermöglichte ihr, sämtliche der alten Choreografien, die sie getanzt hatte, bis zur letzten Nebenrolle zu rekonstruieren. Ihr Mann starb 1999, sie selbst war bis in die Nullerjahre hinein als höchst agile Trainerin aktiv. Wie jetzt bekannt wurde, ist sie am 21. Juli im sehr hohen Alter von 103 Jahren in einem Pflegeheim in Salisbury gestorben.
Sie hinterlässt zwei Kinder, fünf Enkel und vier Urenkel. Und in den Archiven der Royal Opera in London Dutzende von Tagebüchern, in denen sie exakte Protokolle über jede Vorstellung, die sie jemals getanzt hat, festgehalten hat. Restlos alles. Auch, wer wegen Krankheit gefehlt hatte. Nur Margot Fonteyn hatte nie gefehlt.
- Das Leben von Hayden Panettiere verdüsterte sich zusehends – ein Nachruf
- Oh, Bonnie! Danke für die Kraft, das Drama und die Sonnenfinsternis des Herzens
- Kennedy-Enkelin kämpfte herzzerreissend um ihr Leben. Und gegen Onkel RFK Jr.
- Von der Krankheit zerstört: Netflix zeigt Eric Danes letztes Interview
- Brigitte Bardot: Ihr Zauber, ihre grössten Lieben, ihr Rechtsrutsch
