Oh, Bonnie! Danke für die Kraft, das Drama und die Sonnenfinsternis des Herzens
Ich dachte, Bonnie Tyler wäre unsterblich. Weil ihr Song unsterblich ist. Doch in den letzten Wochen ahnten wohl alle ihre Fans, dass auch sie nur ein Mensch mit menschlichen Grenzen ist, dass ihr Leben jetzt ausläuft, täglich war damit zu rechnen, nun ist es geschehen, wie traurig. Es fühlt sich an wie Sonnenfinsternis.
Wann war eure erste Zeit mit Bonnie Tyler? Wann hat ihre Stimme eure Herzen zerkratzt und wohlig wund gemacht mit ihren grossen, sentimentalen, opernhaften Songs?
Meine war exakt 1983, als «Total Eclipse of the Heart» wie eine schreiende Nacht durch die Radio- und Fernsehkanäle fegte. Was für eine Kraft! Und was für eine Erkenntnis! All die Dinge, unter denen man so leiden konnte – Selbstzweifel, Angst, Liebesbedürftigkeit, Unausgeglichenheit mussten nicht leise sein, sie konnten laut und fordernd sein. Sie liessen sich in Energie verwandeln, man konnte mit ihr Bäume ausreissen, Kriege führen, oder eben Musik machen. Konnte sich hemmungslos hineinsteigern, so sehr, bis man sich selbst nicht mehr aushielt.
Es gibt mehr Rätsel als Klarheiten in «Total Eclipse», ich konnte damals stundenlang darüber nachdenken: Wer zum Teufel war dieser «Bright Eyes», der sich umdrehen soll? Einerseits begann die Ewigkeit «heute Nacht» (also mit Sex) und alles war gut, wenn sie den geliebten Mann anschaute. Andererseits war die Sonne des Herzens verdunkelt. Und was war schlimm daran, wenn im Schlafzimmer nachts kein Licht mehr brannte, was war falsch an «love in the dark»? Verflixt, war das kompliziert! Fast so sehr wie «Bohemian Rhapsody»!
Was ich damals ganz klar noch nicht erkannte, war, dass Songtexte nicht in jedem Wort Sinn machen müssen. Dass der Sinn erst über die Verbindung mit dem Klang zustande kommt und mehr ist als Worte oder Noten, nämlich eine Empfindung. Bonnie Tyler war eine Grossmeisterin darin, ihr Publikum sehr viel fühlen zu lassen. «Total Eclipse» war reine Überwältigung. Big drama. Und die Frau selbst hätte gut eine irre Intrigantin in den damals so angesagten TV-Serien «Dallas» und «Denver Clan» spielen können. Jedenfalls, wenn man sich den Videoclip anschaute.
Da irrte nämlich eine weiss gekleidete und üppigst föhnfrisierte Bonnie Tyler vornehm hysterisch in einem viktorianischen Schloss herum. Oder war es eine britische Elite-Uni? Bevölkert war es nämlich von jungen Männern in vielerlei Gestalt, es gab Chorknaben, Sportler unter der Dusche, Fechter, Ninjas, Rocker und Rich Kids in Schuluniformen. Und viele von ihnen hatten eben «bright eyes», Augen, die wie grelle Scheinwerfer strahlten. Es war astreiner 80er-Jahre-Mist, vermutlich unter kiloweise Koks entstanden und doch hinreissend unterhaltsamer Nonsense. Man konnte stundenlang darüber nachdenken.
Bonnie Tyler war in diesem Video eine Lady. Bonnie Tyler, die im Sommer 1951 als Tochter eines walisischen Bergmanns, der im Zweiten Weltkrieg Fahrzeuge repariert hatte, zur Welt gekommen war. Sie wuchs mit fünf Geschwistern in äusserst bescheidenen Verhältnissen auf, sang als Kind in der Kirche und schliesslich mit ihrer eigenen Band in den Pubs von Wales. Ihr Durchbruch war die Ballade «Lost in France», sie war 25 und ihre Stimme noch immer die süsse, zarte Engelsstimme aus der Kirche. Ihre eigentliche Stimme, das Rockröhren-Reibeisen, fand sie, weil sie nach einer Stimmband-Operation nicht auf den Arzt hörte und keine Pause machte.
Es war ein Akt des Ungehorsams und möglicherweise die beste Idee ihres Lebens. Jetzt klang sie nach tausenden von gerauchten Zigaretten und unzähligen Gläsern Whisky, nach durchzechten, durchtanzten, durchliebten Nächten, nach leeren, rauen Landschaften, nach einem rohen Herzen. Sie klang verletzt, vernarbt und wieder auferstanden.
Es war klar, dass eine wie sie nicht einfach nach einem Mann suchte, sondern nach einem Helden, am liebsten Herkules («Holding out for a Hero»). Sie selbst war übrigens von 1970 bis zuletzt glücklich mit dem Judoprofi Robert Sullivan liiert. Die Frauen in ihren Songs waren keine Mauerblümchen, sondern liebten grosse Auftritte («Here She Comes») und ihr Herzschmerz («It's a Heartache») tat besonders weh.
Ich habe zu «Total Eclipse of the Heart» in den 80ern den Spagat geübt und Englisch gebüffelt, Bonnie Tyler half bei vielem viel. Weil sie soviel Kraft verbreitete. Weil sie keine Angst vor Drama hatte. Weil sie jede verzweifelte, aber auch jede starke Frau kannte und genau wusste, dass sich das Leben nur allzu oft zwischen diesen beiden Polen bewegte.
Sollte es einen Himmel geben, wird Bonnie Tyler dort mit Tina Turner «The Best» im Duett singen und sie werden damit einander nennen. Bonnie hat den Song geschrieben, Tina hat ihn gecovert, ihre Stimmen sind Schwesternstimmen. Tinas Lieder sind geblieben. Bonnies Lieder werden bleiben. Und unsere Liebe dafür. Danke.
