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Der Kiefer ist noch dran: Oliver Sturman.
Der Kiefer ist noch dran: Oliver Sturman.bild: oliver sturman
Interview

Er konsumierte ein Jahr nur Flüssignahrung – so geht es ihm heute

25.12.2021, 10:0027.12.2021, 06:58

Vor zweieinhalb Jahren interviewte ich den Hirnforscher Oliver Sturman, der sich damals fast ausschliesslich von Flüssignahrung ernährte. Das Interview erzielte Traumquoten. Nicht nur, weil das Thema enorm polarisierte, sondern auch, weil sich der wunderbar unterhaltsame Herr Sturman als Interview-Glücksfall herausstellte.

Gute Quoten und ein unterhaltsamer Interviewparter sind gute Gründe, erneut mit ihm zu reden. Wir wollten wissen, wie es ihm mit seiner Flüssignahrung in den letzten zweieinhalb Jahren so erging.

Herr Sturman, wie geht es Ihnen?
Oliver Sturman:
Alles gut. Danke der Nachfrage.

Was uns nun brennend interessiert: Ernähren Sie sich immer noch ausschliesslich von Flüssignahrung?
Nein, nicht mehr ausschliesslich, aber Flüssignahrung ist immer noch meine Hauptnahrungsquelle. Heute konsumiere ich pro Woche vielleicht etwa drei oder vier «normale» Mahlzeiten.

Da tut sich mir gleich ein ganzer Katalog an Fragen auf. Wie lange haben Sie es ausgehalten?
Etwas mehr als ein Jahr lang habe ich praktisch ausschliesslich Flüssignahrung konsumiert.

Was heisst «praktisch ausschliesslich»?
Ich schätze, dass ich in der Zeit vielleicht eine normale Mahlzeit pro Monat zu mir nahm.

Und dann hatten Sie genug. Geben Sie es zu!
Zu Beginn habe ich es ziemlich strikt durchgezogen. Einfach auch, um zu sehen, ob es funktioniert. Nach einer gewissen Zeit ging aber der Reiz des Experiments verloren, als klar wurde, dass es tatsächlich sehr gut möglich ist, sich ausschliesslich flüssig zu ernähren.

Unsere User reagierten mit wenig Verständnis auf Ihr Experiment. Diverse (negative) gesundheitliche Konsequenzen wurden befürchtet. Wie hat sich Ihr Körper nach einem Jahr Flüssignahrung verändert?
Leider kann ich von nichts dergleichen berichten. Mir sind keine Zähne ausgefallen und auch mein Kiefer hält noch. Die Kaumuskulatur hat sich, entgegen vieler Prognosen, nicht zurückgebildet. Aber jetzt mal unter uns: Wer hätte auch ahnen können, dass ein zufällig zusammengewürfelter Haufen anonymer User in einer Internet-Kommentarspalte falsch liegen könnte.

Für mich ist das natürlich ernüchternd.
Ich weiss. Es tut mir leid.

Haben Sie mit Kaugummi trainiert?
Ich kaue nur extrem selten Kaugummi. Es liegt mir nicht. Ich finde, ich kaue zu intensiv.

Sie finden, Sie kauen zu intensiv?
Ich bin ein vielbeschäftigter Mann. Und wenn ich einen Kaugummi kaue, dann ist es meine Aufgabe, dass er richtig gekaut wird.

Hatten Sie das schon immer? Oder können wir wenigstens das als eine Folge der Flüssignahrung verbuchen?
Ich mach das schon seit immer. Ehrlicherweise weiss ich auch nicht, wieso.

Und Popcorn? Essen Sie auch so intensiv? In meinen Kopfkino läuft gerade ein Film ab.
Ich bin kein Fan von Popcorn.

Herr Sturman, Sie machen es mir nicht einfach. Ich habe gehofft, ich könnte Sie hier nun als Geläuterten präsentieren, als eine Art Slow-Food-Apostel.
Tatsächlich ist das Gegenteil passiert. In meinem Umfeld haben zahlreiche Leute damit begonnen, Flüssignahrung zu sich zu nehmen. Die anfängliche Skepsis ist gewichen. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, je wieder darauf zu verzichten. Manchmal habe ich sogar richtig das Bedürfnis danach.

Wieso das?
Es ist die, in vielerlei Hinsicht, effizienteste, ökologischste, günstigste und zeitsparendste Möglichkeit, eine ausgewogene, gesunde Mahlzeit zu sich zu nehmen. Und anstelle von irgendwas konsumiere ich lieber was Ausgewogenes.

Aber nicht das Leckerste.
Es gibt mittlerweile so viele Geschmacksrichtungen. Mal gucken, was Corona mit Weihnachten anstellt. Vielleicht werde ich zu einem Weihnachtsshake greifen müssen. Ich habe gehört, «Salty Caramel» sei gut. Vielleicht mische ich das dann mit Glühwein.

Mir dreht sich der Magen um.
Irgendwer muss es ja ausprobieren. Als Wissenschaftler fühle ich mich fast schon dazu genötigt.

Herr Sturman, gibt es weitere Gründe, weshalb Sie wieder Festnahrung zu sich nehmen?
Natürlich hat das auch mit meiner Lebenssituation zu tun. Vorher wohnte ich alleine, jetzt in einer WG. Vorher gab es nur Flüssignahrung im Kühlschrank und jetzt ist er stets gefüllt. Mein WG-Kollege kocht jeden Tag. Da ist es absolut natürlich, dass man auch mal mitisst, wenn man dazu eingeladen wird ...

Und Corona hat auch seinen Teil dazu beigetragen.

Inwiefern?
Mit Flüssignahrung gewinnt man – von der Beschaffung bis zum Abwasch – enorm viel Zeit. Diese ist unter normalen Umständen Mangelware. Nun konnten wir uns während Corona über vieles beklagen, nicht aber über genügend Freizeit zu Hause.

Ausserdem beendete ich in der Zeit meine Doktorarbeit. Und Sie wissen ja, wie es sich mit solchen Arbeiten verhält. Je näher das Ende rückt, desto grösser wird der Drang, sich anderweitig zu beschäftigen – zum Beispiel damit, das Badezimmer zu putzen – oder eben: zu kochen.

Vertragen Sie denn das Gemisch aus Flüssig- und Festnahrung heute? Früher war das ja nicht so. Sie erzählten eine Anekdote über scharf gewürztes Poulet, das ihnen zu schaffen machte.
Doch, doch. Das geht, abgesehen von den normalen Abweichungen, heute ganz gut.

Ein anderer Aspekt der Flüssignahrung war das Finanzielle. Wie viel haben Sie gespart?
Das kann ich nicht sagen. Aber es war viel. Einen Teil davon habe ich natürlich – Corona sei dank – für absolut unnötige Dinge ausgegeben.

Zum Beispiel?
Einen Satz Pfeil und Bogen für die Wohnung. Die mit Saugnäpfen vorne dran natürlich. Komplett ungefährlich. Aber ich habe auch kostspieligere Dinge gekauft. Zum Beispiel einen Staubsaugerroboter und einen neuen Computer mit Virtual-Reality-Headset (VR). Die Zeit, die ich einspare, weil ich nicht kochen muss, kann ich nun dafür verwenden, dem Staubsaugerroboter bei der Arbeit zuzuschauen.

Ich kenne dieses Vergnügen vom Rasenmähroboter. Können Sie VR empfehlen – unsere Leser sind auch virtuellen Welten gegenüber reichlich skeptisch?
Kann ich absolut empfehlen. Ich bin Engländer. Ich war seit zwei Jahren nicht mehr zuhause. VR ist für mich eine Chance, mich mit meinen Freunden zu Hause – und auch mit meinen Familienangehörigen – auszutauschen und mit ihnen Spass zu haben. Vor ein paar Wochen habe ich mit meinem Grossvater eine Partie Minigolf gespielt.

Mit Ihrem Grossvater?
Genau! Man muss einfach aufpassen, dass man die Freunde und die Grosseltern nicht zum selben Spiel einlädt. Die Ausdrucksweise meiner Freunde kann durchaus irritierend sein.

Was ist mit VR-Cricket?
Ich weiss nicht. Aber ich denke, es ist nicht so angenehm, das Headset vier Tage lang zu tragen.

So sehr ich es schätze, mit Ihnen zu plaudern – dieses Interview hat immer noch kein Fleisch am Knochen...
Genau wie meine Doktorarbeit.

Hahaha. Aber wissen Sie was, unser Interview wird wenigstens gelesen.
Hahaha. Nein. Ich meine, meine Doktorarbeit ist natürlich grossartig. Aber. Naja. Sie müssen sie ja nicht lesen.​

Können Sie wenigstens von Ihrer Fitness Dramatisches berichten? Damals gaben Sie an, Sie seien in der 10er-Skala von 2 auf 2,75 geklettert.
Da hatte ich aber einen arg grosszügigen Tag. Vermutlich war ich gerade gut gelaunt. Nein, im Ernst: Ich fühle mich gut. Gleich gut wie vorhin. Ich habe mir eine Fitness-Uhr zugelegt und die sagt mir, dass ich immer etwa gleich in Form bin. Aber ich radle jetzt manchmal zur Arbeit und gehe auch ins Fitnesscenter.

Also doch eine Läuterung!
Die fand aber während meiner Flüssignahrungszeit statt.

Und Sie würden sich noch immer eine 2,75 geben?
Ich bin okay. Aber für den Mister-Olympia-Titel reicht es vermutlich nicht.

Nicht?
Nicht in diesem Jahr.

Dann würde ich sagen, wir melden uns in einem Jahr wieder, um erneut nichts herauszufinden. Vielen Dank für dieses Gespräch!

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Wie bitte? Es gibt auch GUTE TikTok-Rezepte??

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