Warum uns Supermärkte in den Ferien faszinieren
Für die meisten sind die Ferien schon wieder vorbei und der Alltag kehrt ein. Was bleibt, sind die Erinnerungen an das Meer, der Städtebummel – und der Supermarkt. Ja, der Supermarkt: Denn in den Ferien wird das eigentlich alltägliche Erlebnis zum geliebten Ritual. Doch sind es wirklich nur die unbekannten Produkte, die uns faszinieren, oder steckt noch etwas anderes dahinter?
Supermärkte als Touristenattraktion
Dass Supermärkte zu Touristenmagneten werden, zeigt ein Beispiel aus Finnland: Vor Kurzem wurde K-Supermarket, eine der grössten Lebensmittelketten Finnlands, zum ersten Supermarkt der Welt, der seine Filialen offiziell als Touristenattraktionen auf Tripadvisor auflistete.
Für einen enormen Besucherandrang sorgte in der japanischen Stadt Kawaguchiko auch die Kulisse des Fuji hinter einem Lawson-Minimarkt. Zahlreiche Touristen strömten dorthin, um das Motiv zu fotografieren. Der Andrang führte zu Sicherheitsmassnahmen vor Ort und schliesslich zur Installation eines Sichtschutzes, der den Blick auf den Fuji versperren sollte.
Reiseexperten sehen im Supermarkttourismus einen wichtigen Trend für 2026. Gemäss Condé Nast Traveller gilt der Einkauf von Lebensmitteln im Ausland als einer der grössten Reisetrends des Jahres. Und laut des Hilton 2026 Trend Reports besuchen 77 Prozent der Reisenden bei Auslandsreisen gerne Lebensmittelgeschäfte, schreibt BBC.
Einblick in eine Kultur
Supermärkte haben anders als zahlreiche Denkmäler oder Museen wie der Louvre in Paris oder das Kolosseum in Rom keine langen Warteschlangen oder hohen Ticketpreise und sind leicht zugänglich. In einem lokalen Supermarkt kann ganz einfach durch die Gänge spaziert werden und ein Einblick in das Leben der Einheimischen der jeweiligen Stadt gewonnen werden. Man sieht, was die Leute zum Frühstück essen, was gesnackt wird oder wie viele Eisteesorten angeboten werden. Man ist in dem Augenblick kein Auswärtiger. Für ein paar Minuten besetzen Touristen und Einheimische den gleichen Raum und folgen den genau gleichen Routinen.
Dazu kommt, dass die Produkte in den Ferien einfach besser schmecken, als Zuhause. Aber woran liegt das? Es gibt für das Phänomen sogar einen Begriff: provenzalisches Rosé-Paradoxon: Ein Rosé, der in den Ferien lecker schmeckt, ist zuhause bei kaltem Regenwetter geschmacklich enttäuschend. Grund ist der Einfluss der jeweiligen Atmosphäre, welche Teil des Geschmackserlebnisses wird.
Das Beispiel mit dem Rosé kann auch auf andere Produkte übertragen werden. Eine Tüte Chips isst sich auf dem Balkon in Santorini mit Blick auf das Meer und einem Gläschen Wein gleich besser als zu Hause auf dem altbekannten Sofa.
Eine andere Sprache, eine fremde Verpackung oder eine andere Anordnung der Gänge im Supermarkt: All dies kann Einfluss auf das Geschmackserlebnis haben. Dazu kommt, dass die Lebensmittel meist kein Vermögen kosten. Ein kleines bisschen Glück ist schon für ein paar wenige Franken zu haben.
Gewohnheit
Wie Verbraucherpsychologin Kate Nightingale gegenüber BBC erklärt, suchen Reisende vermehrt nach Authentizität, Teilhabe und Zugänglichkeit. Anstatt einfach ein Ziel zu beobachten, wollen wir uns als Teil davon fühlen.
Ein ausländischer Supermarkt bietet genau das. Wir wissen, wie das System funktioniert. Wie Nightingale erklärt, «befreit Vertrautheit unser Gehirn, um explorativer zu werden, was es uns ermöglicht, alles zu bemerken, was anders ist, anstatt uns Gedanken darüber zu machen, wie wir uns im Raum zurechtfinden». Der tägliche Einkauf wird zu etwas, das wir bewusst erleben, anstatt einfach den Einkaufszettel abzuarbeiten, um möglichst schnell wieder gehen zu können.
(kek)
