Seltsame Beobachtungen im Supermarkt
Wieso liegt hier Brot auf der Kühltruhe?
Und was ist hier passiert?
Mögliche Antworten auf diese Fragen könnt ihr hier lesen:
Krustenkranz auf Glacé
18.00 Uhr an einem Donnerstagabend im Supermarkt. Die Mutter ist gestresst. Sie weiss noch immer nicht, was sie zum Znacht kochen soll. Etwas Gesundes für die Kinder, denkt sie und wirft Lauch, Rüebli, Wirz und Kartoffeln in den Einkaufswagen.
Ihr Bub Mateo, fast drei Jahre alt, sitzt im Wagen. «Was ist das?», fragt er und zeigt auf den Wirz. «Koooohl!», ruft Bruder Leon, fünfjährig. Er hat sich mit den Armen an den Einkaufswagen gehängt. «Nein, das ist Wirz», korrigiert die Mutter, während sie Leons kleine Hände vom Einkaufswagen löst.
«Wirz!», wiederholt der kleine Mateo. «Das ist grusig drütusig!», schreit Leon und kichert. «Gruuusig drütuuusig!», wiederholt Mateo lauter. «Gruuusig drüüütuuuuusig!», setzt Leon nochmal einen obendrauf. «Schhhh!», zischt die Mutter. «Sowas sagen wir nicht. Ihr habt gerne Wirz.» «Nein!», protestiert Leon. «Nein!», echot Mateo.
Die Mutter hat keine Nerven für Diskussionen. Im Kopf geht sie die Einkaufsliste durch: Rahm, Käse, Kaffeebohnen, Spülmittel – und Brot! Mit der einen Hand packt sie Leon, mit der anderen den Einkaufswagen und hastet zur Brottheke.
So viel Auswahl. Zu viel Auswahl. Zopf, St. Gallerbrot, Dinkel – ein Krustenkranz! Das wär's doch mal wieder. Die Mutter greift danach und merkt in dem Moment, dass es ungewohnt still um sie geworden ist. Als sie sich umdreht, weiss sie, weshalb: Der Wagen ist weg. Und mit ihm ihre beiden Buben.
Panisch schaut sie auf und sieht gerade noch, wie Leon mit dem Wagen samt Mateo um eine Ecke biegt. «Leon! Halt, stopp!», ruft sie und hastet hinterher. Als sie den Wagen erreicht und festhält, fängt Leon an zu weinen. «Was ist los?», fragt sie. Aber Leon kann man zwischen all den Tränen gerade nicht verstehen. Und weil das frustrierend ist – für Kleine und für Grosse – rennt Leon davon. Zielstrebig in Richtung Tiefkühlabteilung.
Als er stehenbleibt und auf riesige Glacékübel zeigt, holt die Mutter ihn ein. «Nein, es gibt jetzt kein Glacé. Es ist Winter!», sagt sie schnaufend. Doch bei diesen Worten muss Leon nur noch mehr weinen und beginnt mit seinen kleinen Fäustchen gegen das Glas zu hauen.
Die Mutter will seine Fäuste aufhalten, merkt dabei aber, dass sie noch immer den Krustenkranz in den Händen hält. Sie legt ihn zur Seite, geht in die Hocke und versucht, Leon zu beruhigen. Sie spricht auf ihn ein, nimmt ihn in den Arm, bis er nicht mehr weint, nur noch leise schnieft. Und schliesslich wieder kichert.
So kann die Mutter ihre Buben und den Einkaufswagen endlich zurück zu Käse und Rahm steuern. Nur der Krustenkranz, der bleibt zurück. Auf dem Glas der Tiefkühltruhe nur wenige Zentimeter über den Glacés.
Redbull vor Ananas
Ein grauer Samstagnachmittag. Es ist weder warm noch kalt. Der Himmel sieht schon den ganzen Tag so aus, als würde es bald regnen. Nino und Alex ist langweilig. Alles, was Spass macht, ist teuer. Oder braucht ein Auto.
Den Führerschein haben die beiden 15-Jährigen logischerweise noch nicht. Also sitzen sie auf einem Bänkli des Stadtfriedhofs und ziehen abwechselnd an einem Joint. So lange, bis sie kichern. Und noch etwas länger, bis der Mund trocken ist und der Bauch knurrt. «Gömmer Coop», sagt Nino. Alex nickt.
Im Coop angelangt, nehmen sie keinen Korb. Stattdessen füllen sie ihre Arme mit Chips, Schokolade und Redbull. Auf dem Weg zur Kasse laufen sie an den Tiefkühlregalen vorbei. «Woah, eine Pizza, das wär's!», sagt Alex plötzlich und bleibt stehen. Nino greift nach zwei Packungen: «Die können wir bei mir Zuhause machen. Meine Eltern sind nicht da.»
Dann laufen die beiden zur Self-Checkout-Kasse. Nach dem Einscannen aller Produkte steht auf dem Bildschirm: 27.20 Franken. «Scheisse, wieso sind Chips so teuer?», ruft Nino aus. «Nein, Mann, wieso ist Pizza so teuer?», findet Alex. Die beiden zählen ihr Geld und kommen auf 17.50 Franken.
«Wir könnten die Chips klauen», sagt Nino und glaubt, dabei zu flüstern. Doch die Kassiererin nebenan hat ihn gehört und wirft ihm einen bösen Blick zu. «War nur Spass», ruft Alex beschämt rüber. Klauen geht also nicht. Plan B: Rechnen.
Die beiden gehen den Einkauf durch: 3.40 Franken für zwei Redbull, 5.95 Franken für die grosse Packung Chips, 1.95 für die Schokolade, 15.90 Franken für die Tiefkühlpizzas. «Moment!», ruft Alex. «Hier sind zwei Pizzas in einem Pack. Wir brauchen nicht vier.» «Du bist ein Genie!», ruft Nino und löscht eine Packung Tiefkühlpizza von der Rechnung. 19.25 Franken steht jetzt da. Immer noch zu viel.
Die beiden zerbrechen sich den Kopf, diskutieren, was sie am ehesten entbehren können. Nehmen extra den Handytaschenrechner hervor. Schliesslich kommen sie zum Schluss: «Wir können uns ein Redbull teilen.»
Während Alex das Geld einwirft, macht sich Nino auf den Weg, Tiefkühlpizza und Energydrink zurückzustellen. Achtlos schiebt er die Pizzapackung ins Tiefkühlregal. Dann schaut er genervt auf die orange Dose in seiner Hand.
Um sie an ihren Platz zurückzubringen, müsste er nochmals den gesamten Laden durchqueren. Darauf hat er keine Lust. Also öffnet er kurzerhand die nächste Glastür und wirft die Dose hinein. Und so landet das Redbull bei tiefgefrorener Ananas.
Es ist zu hoffen, dass die Angestellten die Dose bald finden. Bevor sie gefriert und schliesslich explodiert.
Undercover Lachs
Im Anzug, mit polierten Schuhen und der Sporttasche über der Schulter steht er am Gleis 1 und wartet, als er durch seine Noise-Cancelling-Kopfhörer die SBB-Stimme vernimmt: «…von St. Gallen nach Winterthur hat circa 15 Minuten Verspätung. Grund dafür ist ein Ereignis im Ausland.»
«Scheiss Deutsche Bahn!», zischt er. Inzwischen weiss er, dass dieser Zug von München kommt. Kommen sollte. Genervt schaut er auf seine Applewatch. Demnach würde der Zug erst in 17 Minuten fahren. Positiv denken: Diese Zeit könnte man effizient nutzen.
Der Anzugträger macht sich auf den Weg zum nächstgelegenen Supermarkt. Einkauf für den Znacht nach dem Gym. Viele Proteine sollte das Essen haben. Aber auf Poulet hat er keine Lust. Viel zu lange streift er durch den Laden, auf der Suche nach Inspiration. Dann die Idee: Es gibt Reis mit Lachs und Broccoli.
Blick auf die Uhr: 17.42 Uhr. Noch vier Minuten, dann fährt der Zug. Er greift nach einem Broccoli. Dann eilt er Richtung Fleisch, sieht jedoch nirgends Lachs. Nervös irrt er umher, bis er gefrorene Bio-Lachsfilets findet. Dann läuft er schnellen Schrittes zur Kasse. Dort erwartet ihn eine Traube an Menschen. Und er bemerkt, dass er vergessen hat, den Broccoli zu wägen.
Der Mann schaut auf seine Uhr. 17.44 Uhr. Das ist ihm zu knapp. Auf den Zug rennen und den Anzug verschwitzen, das kommt nicht infrage. Also macht er auf dem Absatz kehrt, legt den Broccoli zurück zu den anderen Broccolis und den Lachs zwischen Rauchlachs und Forellenfilet in den Kühlschrank. Statt in den Tiefkühler neben die Fischstäbchen.
Er bemerkt seinen Fehler, zuckt jedoch mit den Schultern und denkt sich: «Stimmt ja fast.» Dann rennt er trotz Anzug los. Für nichts. Denn der Zug fällt aus. «Scheiss Deutsche Bahn!»
Theoretisch könnte er jetzt zurückgehen und seinen Tiefkühllachs vor dem Verrotten retten. Ob er es tun wird?
Kartoffeln neben Teriyaki
Seit einem Monat fühlt sich Marlies’ 3,5-Zimmerwohnung unglaublich gross an. Dabei war sie jahrelang zu klein. Ganz besonders, als ihre beiden Töchter ins Teenageralter kamen. Nun sind beide der kleinen Wohnung entwachsen. Und Marlies hat Mühe, in den neuen Alltag zu finden.
Am schwierigsten findet sie die Mahlzeiten. Seit die zweite Tochter ausgezogen ist, hat sie sich nur von Brot, Salat und Fertiggerichten ernährt. Oder sie ass überhaupt nichts. Alleine kommt der Hunger weniger auf.
Heute aber soll sich das ändern. Marlies hat gestern im Fernsehen eine Kochsendung geschaut, in der Kartoffelpuffer zubereitet worden sind. Knusprig goldbraun sahen sie aus. Den ganzen Tag schon dachte sie an diese Kartoffelpuffer. Darum ist sie heute nach der Arbeit direkt in den Laden gefahren.
Aufgeregt legt sie einen ganzen Sack Kartoffeln in den Wagen. Dann irrt sie orientierungslos durch die Gänge. Was macht man zu Kartoffelpuffern? Da gehört doch noch Gemüse dazu. Ein Salat? Oder eine Sauce?
Marlies hat vergessen, was sie in der Kochsendung zu den Kartoffelpuffern serviert haben. Vor ihrem inneren Auge sieht sie nur die goldbraunen Plätzchen. Sie zückt das Handy und will die Antwort auf ihre Frage googeln. Aber: Kein Signal.
Marlies seufzt auf. Mit jeder Sekunde schwinden Kraft und Motivation für ihr Vorhaben. Ihr Schritt wird immer langsamer. Zwischen zwei Regalen bleibt sie schliesslich stehen und schaut in ihren Einkaufswagen. Noch immer liegt da nur der Sack Kartoffeln. Sonst nichts. Traurig sieht das aus, findet Marlies. Und fragt sich: Wie soll ich alleine einen ganzen Sack Kartoffeln essen?
Als sie aufblickt, fällt ihr Blick auf eine Reihe von Fertigprodukten: Teriyaki-Nudeln, Ravioli aus der Dose, Fertigrisotto. Und gleich daneben auf wundersame Weise eine leere Stelle im Regal, so gross wie ein Kartoffelsack. Weil Thai-Chicken-Nudeln ausverkauft sind. Schicksal?
Marlies wirft eine Packung Fertigrisotto in den Einkaufswagen. Dann schaut sie sich verstohlen um, bevor sie ihre Kartoffeln ins Regal hievt. Obwohl sie das noch nie zuvor gemacht hat. Obwohl sie ihre Töchter gemassregelt hätte, hätte sie diese Aktion von ihnen mitbekommen.
Heute aber hat Marlies kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil: Sie muss lächeln. Sie stellt sich vor, wie eine zweite einsame Seele an diesem Abend durch die Gänge irrt. Bis sie vor diesem Regal anhält. Statt Fertignudeln wird sie Kartoffeln finden. Und wer weiss, vielleicht wird sie den Sack kaufen. Und vielleicht wird sie die Kartoffeln kochen, reiben und anschliessend zu goldbraunen, knusprigen Puffern braten.
Das wäre schön, denkt Marlies und fühlt sich auf dem Weg zur Kasse gleich ein bisschen weniger allein.
Welche Entscheidungen haben zu folgendem Bild geführt?
