Sechzehn Jahre sind seit dem letzten Album von The Cure vergangen. In der kurzweiligen Popmusik ist das eine Ewigkeit. Doch noch viel länger dauert die kreative Durststrecke der Band um Sänger Robert Smith, nämlich 32 Jahre. Das Album «The Wish» von 1992 beendete die Phase einer Reihe von herausragenden und einflussreichen Alben. Doch seither versuchte die Band vergeblich, an ihre Blütezeit anzuknüpfen.
Eigenartigerweise änderte dies nichts am hervorragenden Ruf, den The Cure sich bis heute in breiten Kreisen bewahrt hat. Die «Lost World Tour» von 2022 führte die Band in die grössten Arenen der Welt und zog ein Massenpublikum an. The Cure ist zu einer generationsübergreifenden Band geworden, blieb aber vieles schuldig. Zuletzt auch das nervöse, uninspirierte «4:13» von 2008.
Das nimmt nun ein Ende. Endlich. Das neue Album «Songs of a Lost World» ist ein Wurf. Dabei war es eine Zangengeburt. Schon vor sechs Jahren sprach Bandleader Smith von einem neuen Album. Die Veröffentlichung wurde aber immer wieder verschoben. Auch die «Lost World Tour» wurde eigentlich zum Release von «Songs of a Lost World» gedacht. Immerhin wurden dort schon einige der neuen Songs vorgestellt.
Doch jetzt ist es vollbracht und das Warten hat sich gelohnt. In einem Video zur Veröffentlichung erklärte Smith, dass eine Reihe von persönlichen Ereignissen die Veröffentlichung behindert und verzögert hätten. Sein Bruder starb und alle seine verbliebenen Tanten und Onkel. Wie oft in der Geschichte der Pop- und Rockmusik sorgt also ein persönliches Unglück für den künstlerischen Höhenflug. Smiths private Tragödien scheinen jedenfalls seinen kreativen Geist angeregt und motiviert zu haben.
Das berührende «I Can Never Say Goodbye» hat er seinem Bruder gewidmet. Der Song beginnt lieblich, mit einer Klavierfigur, die sich durch den ganzen Song zieht. «Etwas Bösartiges nähert sich, um das Leben meines Bruders zu rauben», singt er in einem der persönlichsten Lieder, die Smith je gesungen hat. Eine lärmende Gitarre grätscht hinein und übertönt das Klaviermuster, bis es fast ganz verschwindet.
Robert Smith ist es in seiner Musik immer um den Menschen und sein Verhältnis zur Welt gegangen. Insofern kann seine persönliche Gemütslage auf die Welt übertragen werden. Das Private spiegelt sich im Zustand der Welt.
Noch direkter wird Smith in «Warsong», wo es heisst: «Ich will deinen Tod. Du willst mein Leben. Denn wir sind zum Krieg geboren.» Während sich die Musik in Zeitlupentempo vorwärts schleppt, entfachen bedrohliche, dissonante Gitarren einen Höllenlärm. Es ist ein wiederkehrender musikalischer Kniff in «Songs of a Lost World», wo warme Keyboardschwaden und Klavierfiguren mit tonnenschweren Schlagzeugbeats sowie beängstigend verzerrten und rückkoppelnden Krachgitarren kontrastieren.
Robert Smith war schon immer ein Meister in der Vertonung absoluter Verzweiflung. Im Universum von The Cure befanden sich Schmerz, Depression und Finsternis in einem ewigen Kampf mit Liebe, Sehnsucht und Euphorie. Doch über diesen Zustand ist Smith inzwischen hinaus. «Die Antworten, die ich habe, sind nicht die Antworten, die ich will», singt der Weltuntergangsprophet in «Drone Nodrone». Bei The Cure gibt es keine Hoffnung mehr. «Wir stossen mit bitterem Abschaum auf unsere Leere an», heisst es im Startsong «Alone», der die emotionale Richtung des Albums vorgibt. «Hier ist Liebe, so viel Liebe aus unserem Leben gefallen. Hoffnungen und Träume sind verschwunden.»
Trendmacher wollen uns glauben machen, dass Song-Intros im Streaming-Zeitalter an Bedeutung verloren haben. The Cure, die die Kunst des Intros schon immer gepflegt haben, widersetzen sich diesem Trend und beweisen auf «Songs of a Lost World» das Gegenteil. In ihren langen, fünf- bis zehnminütigen Songs sind die Intros sogar noch länger geworden. Das kürzeste Intro ist 50 Sekunden und in «Endsong» dauert es über sechs Minuten, bis der Gesang einsetzt. The Cure nehmen sich Zeit, die Atmosphäre soll sich langsam aufbauen, auf die Zuhörenden wirken, sich einbrennen und nachhallen. Wunderbar.
Der 65-jährige Robert Smith sieht sich mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. «Ich weiss, ich weiss, meine Welt ist alt geworden», singt er mit seiner unnachahmlich klagenden Stimme in «And Nothing Is Forever». Der Mann, der sich standhaft weigerte, erwachsen zu werden, scheint die Erwachsenenwelt übersprungen zu haben und blickt nun ins Antlitz des Todes. «Und ich frage mich, was aus diesem Jungen geworden ist. Und der Welt, die er sein Eigen nannte. Es ist alles weg, nichts mehr von allem, was ich geliebt habe», singt er in «Endsong».
Bei Robert Smith und seinen Mannen steht es 5 nach 12. Es ist der Soundtrack einer verlorenen Welt. Einer Welt am Abgrund, bei der es kein Zurück gibt. Immerhin: Die Musik ist von kraftvoller Melancholie und entwickelt einen unwiderstehlichen Sog. Noch nie hat der drohende Weltuntergang schöner geklungen. Und The Cure hat wieder zurück zu künstlerischer Schöpfungskraft gefunden und ist wieder relevant. Die Band bestätigt dreissig Jahre danach die Bedeutung, die sie einst hatte. «Songs of a Lost World» gehört auf jede Liste der Alben des Jahres.
The Cure: Songs of a Lost World (Universal). Erscheint am 1. November. (aargauerzeitung.ch)