Wie Ballett wieder cool wurde: Das steckt hinter dem Trend
Heute ist der World Ballet Day; Ballett-Kompanien auf der ganzen Welt laden in Livestreams dazu ein, ihrem Training und den Proben zuzuschauen. Damit gewähren sie Einblick in eine schillernde Künstlerwelt, die hinter den Kulissen weit weniger glamourös ist.
Diese Nahbarkeit bricht mit einem Bild der Exklusivität, das die Kunstform über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. Das klassische Ballett war historisch immer eng an institutionelle Strukturen und idealisierte Ästhetik gebunden: Subventionierte Häuser, ein stark normiertes Ausbildungssystem und ein exklusiver Zugang sowohl für Publikum als auch für Tänzerinnen und Tänzer waren die Grundpfeiler.
Für viele blieb Ballett denn auch ein unerfüllter Kindheitstraum. Von anderen wurde die Kunstform gar als elitär und spiessig abgewertet, die klassischen Handlungsballette als veraltet und diskriminierend.
Von der Exklusivität zum Mainstream
Derzeit ist eine gegenläufige Bewegung zu beobachten. Immer mehr Erwachsene besuchen statt Pilates oder Tennis regelmässig Ballettstunden. Im Mainstream-Pop wird Ballett zudem fernab von Bühne und Tradition als Stilmittel eingesetzt. Zu sehen ist dies beispielsweise bei Olivia Rodrigo, Rosalía oder Adéla. Dabei handelt es sich keineswegs um eine komplett abgewandelte Version des Balletts, die kaum als solche zu erkennen ist. Klassische Tüllröcke, echte Spitzenschuhe und gute Technik prägen das Bild.
Doch wie ist Ballett eigentlich populär, ja sogar cool geworden?
Der Black-Swan-Effekt
Der Kinofilm «Black Swan» (2011) mit Natalie Portman in der Hauptrolle löste einen kurzzeitigen Hype aus, obwohl der Psychothriller die Ballettwelt von ihrer grausamsten, definitiv klischierten Seite zeigte. Speziell in den USA feierte das sogenannte Barre-Training, ein von Ballett-Übungen inspiriertes Fitness-Workout, grosse Erfolge. Dadurch öffneten Studios erstmals für ein breiteres Publikum, das zuvor nie eine Ballettschule von innen gesehen hatte.
Übrigens: Adélas roter Look war inspiriert vom schwarzen Tutu in «Black Swan».
Pandemie: Ballett wird zugänglich
Bereits in den Jahren vor der Pandemie wuchs die weltweite Adult-Ballet-Community. In den sozialen Medien tauschten sich die erwachsenen Ballett-Anfängerinnen und -Anfänger aus und teilten ihre Fortschritte. Berühmte Vorbilder wie Misty Copeland, die mit 13 Jahren verhältnismässig spät mit Ballett anfing, räumten mit dem Vorurteil auf, man müsse schon im Kindergartenalter an der Stange stehen.
Ballettunterricht für zu Hause während der Pandemie:
Die Covid-19-Pandemie verlagerte das Training ins Wohnzimmer. Zahlreiche renommierte Trainer und Kompanien sowie auch der Akademische Sportverband Zürich (ASVZ) boten gratis Online-Kurse an. Dadurch wurde die Hemmschwelle für absolute Neueinsteiger gesenkt; Ballett wurde erstmals zugänglich für alle.
Immer mehr Ballettschulen erkannten das wirtschaftliche Potenzial und erweiterten ihr Angebot mit spezifischen Anfängerkursen für Erwachsene. Der Fokus liegt dort weniger auf Perfektion und strenge Formvorgaben, sondern mehr auf Gesundheit und Körpergefühl. Ballett gilt heute als anspruchsvolles Ganzkörpertraining für Menschen jeden Alters, das Haltung, Beweglichkeit und Fitness verbessert.
Social Media und der «Ballet-Core»-Trend
Der «Ballet-Core»-Trend, der letztes Jahr seinen Höhepunkt erreichte, entstand zunächst in den Sozialen Medien und wurde dann von der Modewelt aufgegriffen. Im Zentrum stand eine klischeehafte, visuelle Nachahmung der Ästhetik des Balletts: Wickeljäckchen, Tüllröcke, Pastelltöne, Stulpen oder Schuhe, die Spitzenschuhe imitieren. Zu sehen war der Look bei vielen grossen Modehäusern wie beispielsweise MiuMiu, Simone Rocha, Ferragamo oder Louboutin. Auch jenseits der grossen Luxuslabels ist der Balletttrend präsent. Sportartikelhersteller Puma brachte bereits 2023 eine erste Ballettkollektion auf den Markt.
Die eigentliche Tanzform spielte bei diesen Kollektionen zwar kaum eine Rolle; Ballett diente vor allem als modische Projektionsfläche. Doch zumindest visuell und ästhetisch rückte es ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Für viele Erwachsene wird es der Anstoss gewesen sein, selbst einmal eine Tanzstunde auszuprobieren. Im Netz kursieren seither diverse Erfahrungsberichte von Influencerinnen und Journalistinnen, die ihre Follower zu den ersten Pliés und Tendus mitnehmen.
Als Stilmittel im Pop
Was im «Ballet-Core»-Trend vor allem ästhetisches Zitat war, wird derzeit Teil von popkulturellen Performances: Ballett wird aktiv getanzt und neu verkörpert. Denn wenn sich etwas kommerzialisieren lässt, lässt auch die Popmusik nicht lange auf sich warten. So inszeniert sich Olivia Rodrigo im Musikvideo zu «stupid song» statt mit Hintergrundtänzerinnen mit einem professionellen Corps de Ballet. Darunter ist unter anderem die Erste Solistin des New York City Ballet Tiler Peck.
Rosalía und Adéla tanzen gleich selbst Solo- oder Pas de Deux-Elemente. Sie offenbaren ihre vergangene klassische Tanzausbildung und werden nicht nur online, sondern auch bei Auftritten dafür bewundert – auch wenn sie nicht alle das Niveau von professionellen Balletttänzerinnen erreichen. Trotzdem oder genau dadurch werden sie zum Vorbild für Jugendliche und Erwachsene.
Die Popsängerin Adéla brachte erst kürzlich ihr Debütalbum «PRIMA» heraus, das bereits mit dem Titel an den Begriff der Primaballerina angelehnt ist. Mit 32,5 Millionen monatlichen Hörerinnen und Hörern auf Spotify gehört sie zu den Rising Stars der Popmusik. Ihre ersten Ballettstunden nahm die 22-Jährige in Moskau, später beim Wiener Staatsballett und mit nur 15 Jahren zog sie nach London, um die English National Ballet School zu besuchen.
Die Sängerin wird gefeiert für die Balletteinlagen bei ihren Live-Shows. Dank Adéla sei es chic, eine Ballerina zu sein, schreibt die Ballettschule auf Instagram:
Das Ballett hat mit der Zeit also immer mehr seinen elitären und verstaubten Ruf abgelegt. Aus dem unnahbaren Hochkultur-Relikt ist ein modernes Phänomen geworden, das für Menschen jeden Alters offen ist. Immer mehr tanzen Ballett aus purer Freude an der Bewegung, ganz ohne Leistungsdruck und Drill.
