Simply the best: Wieso die Welt süchtig nach Meryl Streep ist
Ihre Karriere beginnt mit einer Beschimpfung
Es war ein Tag wie jeder andere im einschüchternd pompösen Office des italienischen Filmproduzenten Dino De Laurentiis mitten in Manhattan. Sein Sohn Federico stellte ihm eine junge Schauspielerin vor, er hatte sie im Theater gesehen und grossartig gefunden und er war sich sicher, dass er sie für den Film entdeckt hatte. Und dass sie die beste Besetzung für die weisse Frau im neuen grossen «King Kong»-Film wäre. Sie war gertenschlank mit einer Porzellanhaut, einem perfekten Mund und langem blondem Haar, doch ihre Nase war ihre Nase. Papa Dino schaute sie an und murmelte: «Che brutta!» So hässlich. Die Schauspielerin verstand Italienisch. Es sei «ernüchternd gewesen für eine junge Frau», sagt sie heute. Danach versuchte sie ein paar Nächte lang, so auf ihrer Nase zu schlafen, dass sie sich von selbst richten würde. Es gelang natürlich nicht.
Das war 1975. Meryl Streep war 25 Jahre alt. Neben dem Theater putzte sie Pissoirs. Und sie wollte Filmstar werden. Ihr grösstes Vorbild: Robert De Niro. «Seine Stärke liegt nicht in dem, was er sagt oder tut, sie liegt in dem, was er tun könnte. Als Schauspieler ist er total unvorhersehbar, er ist bescheiden, zurückhaltend und wahrhaftig», sagt sie über ihn. Heute ist sie 77 und er 82, sie sind seit Jahrzehnten beste Freunde.
Das All-American Girl
Meryl Streep kam am 22. Juni 1949 im wohlhabenden Städtchen Summit unweit von New York zur Welt. Ihr Vater arbeitete in der Führungsetage eines Pharmakonzerns, die Mutter war Künstlerin und Grafikerin bei einem Inneneinrichtungs-Magazin. Meryl war das prototypische All-American Girl, war blond, Cheerleader und Homecoming Queen und niemand wäre auf die Idee gekommen, sie «brutta» zu nennen. Mit 12 ergatterte sie, die sich bis heute als Linke bezeichnet, ausgerechnet vom damaligen Vizepräsidenten Richard Nixon ein Autogramm. Er signierte für sie während einer Parade ein Milky-Way-Papier.
Ihre Mutter unterstützte ihre Schauspielpläne, schärfte ihr aber ein, dass ohne Fleiss keinerlei Preise zu holen seien. Streep verinnerlichte diese Mahnung bis zur Besessenheit, lange galt sie als die Streberin von Hollywood. Die böszüngige Katharine Hepburn kommentierte Streep einmal mit: «Click, click, click.» So würden die übereifrigen Zahnräder in Streeps Kopf klingen. Andere sahen dies zum Glück anders. Die exzentrische und normalerweise ebenfalls sehr scharfe Bette Davis schrieb Fanpost an Meryl Streep und nannte sie: «Meine einzige rechtmässige Nachfolgerin als grösste Schauspielerin von Amerika.»
Der Schweizer Urgrossvater
Vielleicht kam das Uhrwerkartige, das Hepburn Streep ankreidete, nicht von der Ermahnung der Mutter, sondern von der Seite des Vaters. Von Papa Streeps vier Urgrossvätern waren nämlich einer Schweizer und einer Deutscher. Der Schweizer hiess Wilhelm Balthasar Huber und war der Sohn eines Innerschweizer Taglöhners. Als er 17 war, wanderte die Familie nach Amerika aus. Wilhelm machte Karriere als Eishändler, nicht mit Glacé, sondern mit Eis, um in den Saloons und Lebensmittelläden Speisen und Getränke zu kühlen. Wilhelms Tochter Helena heiratete wiederum einen Spross der aus Deutschland ausgewanderten, strebsamen Streebs, die sich schon lange Streep nannten, und aus dieser Ehe entsprang Meryl Streeps Vater.
«Holocaust»
Der vermaledeite «King Kong» ohne Meryl Streep kam 1976 ins Kino. Bereits 1978 feierte Streep auch ohne De Laurentiis ihren Durchbruch in der TV-Serie «Holocaust». Die Serie beschrieb das Schicksal einer jüdischen Familie im Zweiten Weltkrieg und rückte den Begriff Holocaust ausserhalb der USA und Grossbritanniens überhaupt erst ins öffentliche Bewusstsein. «Holocaust» sorgte für ein Stück breitenwirksame Aufklärung über die Gräuel der Nazis. Streep spielte eine Deutsche, die mit einem Juden verheiratet ist, sie gewann damit einen Emmy, es war der Beginn eines Preissegens, der bis heute 3 Oscars (und 18 weitere Nominationen) und 8 Golden Globes (und 25 weitere Nominationen) umfasst.
Ebenfalls 1978 erschien das Vietnamkriegs-Drama «The Deer Hunter», Streeps erster Film mit ihrem Idol Robert De Niro. Und mit ihrem damaligen Boyfriend John Cazale, der unheilbar an Lungenkrebs erkrankt war. Der Film erlaubte dem Paar, noch etwas mehr Zeit miteinander verbringen zu können.
«Heute käme er dafür ins Gefängnis»
1979 folgte das Scheidungsdrama «Kramer vs. Kramer», Streep spielte eine verzweifelte Mutter im Sorgerechtsstreit, sie schrieb ihren Text für die traurige Gerichtsszene, in der sie für unfähig erklärt wird, selbst, und sie gewann damit ihren ersten Oscar. Und erfuhr nach der Konfrontation mit De Laurentiis erneut, wie unfassbar sexistisch das Hollywood jener Zeit funktionierte. Zuerst machte sie, die Newcomerin, freundliche Miene zum hässlichen Spiel, doch seit mehreren Jahren spricht sie offen darüber und schliesst stets mit dem Satz: «Heute käme er dafür ins Gefängnis.»
«Er» war Dustin Hoffman, elf Jahre älter als Streep und ihr Partner in «Kramer vs. Kramer», Herr Kramer also. Während des Drehs schlug er sie ohne Vorwarnung ins Gesicht, weil er das für die Emotionalität einer Szene hilfreich fand. Oder er schmiss ein Glas dicht an ihrem Kopf vorbei. Oder er flüsterte ihr Gemeinheiten über den kurz zuvor verstorbenen John Cazale ins Ohr. Immer mit dem Ziel, dass sie vor der Kamera erschrak oder weinte.
A Star Is Born
Es fiel Hollywood nach Streeps Rolle als Joanna Kramer wie Schuppen von den Augen: Hier war eine moderne Frau mit einem dennoch sehr zeitlosen Gesicht, eine Zähe, aber auch Zerbrechliche, die zu äusserster emotionaler Nuanciertheit fähig war. Hier war eine, an der alles lebte, vibrierte, als wäre sie nicht nur ein Organismus, sondern als würde sie sich aus Tausenden von Kleinstorganismen zusammensetzen und jeder einzelne von ihnen würde leuchten.
Man besetzte sie für grosse Liebesgeschichten, keine errötete so schön wie sie, konnte so natürlich zwischen scheu und supersinnlich changieren und dabei so eigensinnig bleiben. Die Resultate waren der viktorianische Kitsch «The French Lieutenant's Woman», das Post-Holocaust-Melodram «Sophie's Choice», für das sie ihren zweiten Oscar gewann. Und natürlich «Out of Africa» nach der Autobiografie der dänischen Schriftstellerin Karen Blixen, der Film, bei dem Robert Redford sie ritterlich für alles entschädigte, was sie einst von Dustin Hoffman entgegennehmen musste.
Aus Clint Eastwood wird Miranda Priestly
Sie liebte es, mit Clint Eastwood «The Bridges of Madison County» zu drehen (einsame Hausfrau verliebt sich in herumstreunenden Fotografen) und machte ihn und Sylvester Stallone, für den sie auch als reife Frau noch schwärmte wie ein Teenager, zu ihrer Vorlage für Miranda Priestly in «The Devil Wears Prada»: «Ich bildete sie den Männern nach, die ich kannte und die eine Machtposition innehatten. Die mächtigsten unter ihnen erhoben ihre Stimme nie.»
Dass Meryl Streep ernst, romantisch oder engagiert spielen konnte, wie etwa in «Silkwood», der Tragödie nach einer wahren Geschichte aus einer Plutoniumfabrik, das war bekannt. Dass sie sich dabei Rolle für Rolle von einer Klippe namens Sicherheit stürzte und in Strudel aus existenziellen Erschütterungen fallen liess, wurde von ihr erwartet. Doch dass sie nicht nur ihre seelischen, sondern auch ihre physischen Stunts selbst machte, das erwartete kein Mensch. Das wählte sie selbst, nämlich als Raftguide im Action-Thriller «The River Wild» (sportliche Kleinfamilie wird während Bootsferien von Gangstern als Geiseln genommen). Vier Monate lang trainierte sie, einmal ertrank sie beinahe, «Angst und Adrenalin» trugen sie durch den Dreh.
Das sogenannte Comeback
Meryl Streep hat nie pausiert, war nie «weg», auch nicht, als sie ganz nebenbei noch vier Kinder (die drei Töchter sind allesamt auch Schauspielerinnen geworden, der Sohn ist Musiker) mit ihrem Mann, dem Bildhauer Don Gummer, grossgezogen hat. Sie war in jedem Jahrzehnt ihrer Karriere da.
Trotzdem reden alle vom grossen Comeback, das sie 2006 als Chefredaktorin Miranda Priestly in «The Devil Wears Prada» der Verfilmung des Revenge-Romans einer ehemaligen «Vogue»-Praktikantin feierte. Damals war sie Mitte 50. Ururalt für eine Frau in Hollywood. Mit angehaltenem Atem sah die Welt, wie elegant, boshaft und lustig diese TOTALE GREISIN das Publikum einsackte. Fun Fact: Im gleichen Jahr feierte übrigens die Britin Helen Mirren mit «The Queen» im frechen Alter von 61 ihr Comeback …
Es war nicht zum ersten Mal, dass Streep ihr komisches Talent unter Beweis stellte, das hatte sie in «Death Becomes Her», der Satire auf den Jugendlichkeitswahn, auch schon getan, doch eine Streep-Mania hatte damals nicht eingesetzt. Jetzt schon. Ihr «That's all» wurde zum Ausdruck absoluter Autorität. Und die Welt wurde süchtig nach ihr. «Als ich 40 wurde, bot man mir in einem Jahr drei Rollen als Hexen an, das war ein Zeichen», ist eines ihrer Bonmots über den Ageism von Hollywood. Sie hat seinen bösen Zauber besiegt.
Die Anti-Trump-Rede
Rund die Hälfte ihrer gut 100 Rollen hat sie seit 2006 gespielt. Serien kamen hinzu, sie war Nicole Kidmans Schwiegermutter aus der Hölle in «Big Little Lies» und Martin Shorts Braut in «Only Murders in the Building». Sie wurde von Hugh Grant in «Florence Foster Jenkins» und von Colin Firth, Pierce Brosnan und Stellan Skarsgard in «Mamma Mia!» sehr geliebt. Sie spielte die erste amerikanische TV-Köchin Julia Child («Julie & Julia»), die «Washington Post»-Verlegerin Katharine Graham («The Post») und Margaret Thatcher («The Iron Lady», die einzige Rolle, die man ihr übelnehmen kann). In «The Corrections», der Serie aus Jonathan Franzens gleichnamigem Bestseller, wird sie bald die Mutter spielen, in einem Joni-Mitchell-Biopic von Cameron Crowe die alternde Joni Mitchell. Sie kann alles.
Sie wurde zu einer Macht. Gehörte wie Taylor Swift zu den Prominenten, die von Trump direkt angegriffen wurden; sie sei «überschätzt», sagte er, nachdem sie ihn 2017 an den Golden Globes gerügt hatte: «Respektlosigkeit lädt ein zu Respektlosigkeit. Gewalt verleitet zu Gewalt. Wenn die Mächtigen ihre Position dazu benutzen, um andere zu tyrannisieren, so verlieren wir alle», hatte sie gesagt und sich auf Trumps Nachäffen eines behinderten Reporters bezogen: «Es gab in diesem Jahr eine Performance, die mich fassungslos machte. Sie senkte ihre Widerhaken in mein Herz. Nicht, weil sie gut war. Es gab nichts Gutes daran. Aber sie war wirksam und erreichte ihr Ziel. Sie brachte das Zielpublikum dazu, zu lachen und seine Zähne zu zeigen. Es war dieser Moment, in dem der Mensch, der danach verlangt, den am meisten respektierten Platz in unserem Land zu besetzen, einen behinderten Reporter nachmachte.»
Eine ziemlich normale Frau
Meryl Streep ist keine Jane Fonda. Sie greift an Protestmärschen nicht zum Megaphon. Deshalb war ihre Rede damals auch umso bemerkenswerter. Lieber ist sie die Launige, Lustige, die sich von Kolleginnen bei Preisverleihungen genüsslich veralbern lässt, die immer noch Erröten spielt, wenn sie einem attraktiven Kollegen begegnet, und sich über die Zuschreibung «grösste Schauspielerin Amerikas» amüsiert. Sie ist, so scheint es jedenfalls, abseits ihrer vielen exzentrischen Rollen, eine ziemlich normale Frau. Bescheiden, zurückhaltend und wahrhaftig. Sie und Don Gummer haben sich 2017 nach gut 40 Jahren still und heimlich getrennt, jetzt soll sie mit Martin Short glücklich sein.
Sie hat keine Lieblingsrolle, denn «das wäre ja, als hätte ich ein Lieblingskind», sie kauft Produkte vom Biobauern, kann sich bei Austern nie zurückhalten und ihr grösster Luxus ist es, bereits am Nachmittag Champagner zu trinken. In der Show von James Corden, mit dem sie den Musicalfilm «The Prom» gedreht hatte, sagte sie: «Narzissmus ist amüsant, ausser er kommt vom Präsidenten.» Ihr Lieblingsgeruch ist der von Apfelkuchen, ihr Hassgestank sind die Fürze ihres Hundes.
Jede junge Schauspielerin möchte mit ihr arbeiten dürfen. Möchte ihre Tochter oder Enkelin spielen. Mamma mia. Sie ist ein Fels. Man kann sich auf sie verlassen und mit ihr Apfelkuchen essen. Meryl für immer. Als Stephen Colbert sie einmal bat, ihr künftiges Leben in fünf Worten zu beschreiben, sagte sie: «Very, very, very, very long.» Wie beruhigend.
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