Leben
Review

«Joker» – Willkommen im totalen Wahnsinn mit Joaquin Phoenix

Joker
Ein Troll, ein Tänzer, ein Töter: Joaquin Phoenix als Joker.Bild: warner bros.
Review

«Joker» – Willkommen im totalen Wahnsinn eines Wahnsinns-Films

SPOILER ALERT! Was machte Batmans Erzfeind so böse? Eins der grössten Geheimnisse der Comicgeschichte wird endlich gelüftet. Es ist schaurig und traurig. Und ergibt einen verrückt guten Film.
26.09.2019, 14:0427.09.2019, 10:42
Simone Meier
Folge mir
Mehr «Leben»

Eine Stadt versinkt im Müll. Riesenratten beissen Menschen zu Tode. Ein Mann (Joaquin Phoenix) versinkt in Depressionen. Was aber niemand weiss. Weil er unter einer neurologischen Störung leidet: Je nervöser, aufgewühlter, verletzter oder trauriger er ist, desto unkontrollierter muss er lachen. Seit Kindheit. Weshalb ihn seine Mutter (Frances Conroy) immer für ein glückliches Kind hielt. Selbst als er missbraucht wurde. Sie nennt ihn «Happy».

Sein richtiger Name: Arthur. Und Arthur findet seine Berufung als Joker. Dem Killer von Gotham City. Dem späteren Erzfeind von Batman. Dessen Geschichte wir bisher nicht kannten. Jetzt ist sie da. Und die ist lausig und grausig. Es ist die Geschichte eines Menschen, dessen Leben derart zerstört ist, dass er nur als Monster Erlösung finden kann.

Trailer zu «Joker»

Arthur hat einen Job als Mietclown, lebt bei seiner kranken Mutter und möchte gern Stand-up-Comedian werden. Doch er hat keinerlei Gespür für Timing und Pointen. Sein lustigster Witz? «Ich hoffe, dass mein Tod mehr zählt als mein Leben.» Der Rest ist ein ultrapeinliches Stochern in Nebeln.

Seine ganze emotionale und intellektuelle Erziehung besteht aus TV-Shows. Ablenkungsmanövern vom Elend seiner Stadt und seines Lebens.

Er träumt sich in die Fernsehstudios hinein und wünscht sich den Talk-Show-Host Murray Franklin (Robert De Niro) zum Vater. Er ist ein Träumer und ein kindlicher Idiot. Seine Mutter stilisiert unterdessen den Investment-Mogul Thomas Wayne zum Messias von Gotham City. Arthur hasst Wayne.

Gelegentlich besucht er seine Sozialarbeiterin und bittet sie um neue Medikamente. Fragt: «Is it just me or is it getting crazier out there?» Zuerst versinkt ihr Büro unter Papierbergen. Dann ist es leer. Ihre Stelle wird gestrichen. Und Arthur wird entlassen, weil ihm bei einem Einsatz als Spitalclown eine Pistole aus dem Kostüm fällt. Gelegentlich wird er verprügelt. Zuerst liegt er wie ein weiterer Müllsack unter Müllsäcken. Dann beginnt seine Verwandlung.

Joker
Im Bus ist er gezwungen, den andern Kärtchen auszuhändigen, auf denen steht: «Entschuldigen Sie mein Lachen, ich habe eine Krankheit.»Bild: Warner Bros.

Wir wissen, was ihr Ergebnis ist: Einer, der sich von allem befreit hat. Von Gesetzen, von jeglicher Art, von allen realen und eingebildeten Elternfiguren, von seiner Vergangenheit. Der Joker, wie wir ihn etwa von Heath Ledger noch blendend in Erinnerung haben, ist sowas wie ein Urknall des Bösen, ein von jedem politischen Impetus befreiter Anarchist, ein zerstörungswütiger Spieler. Gotham City muss brennen und sonst nichts.

Dass Arthur in «Joker» zur Galionsfigur der Aufständischen in einer vom ruchlosen Kapitalismus ausgebluteten Stadt wird – nicht seine Absicht! Aber natürlich super für sein neues Ego.

Vieles an «Joker» ist verrückt: Die Intensität und Komplexität der Story, unglaublich, wie fein die Psychogenese des Jokers da gebaut wird. Dann natürlich Joaquin Phoenix, immer schon ein beeindruckender Schaupieler, aber tendenziell einer von jenen, die mit einem einzigen Gesichtsaudruck durch jeden Film kommen, bei ihm war es der dunkellaunige Brüter.

Joker 2019
Er hasst Systeme, die bestimmen, was komisch oder tragisch, arm oder reich, richtig oder falsch ist.Bild: Warner Bros.

Jetzt ist Phoenix eine Explosion der Schauspielkunst, ungeheuer körperlich, aber auch enorm nuanciert, und – ja! – er, der Mann, der gefühlt noch nie gelacht hat im Film, tut es hier. Und wie! Dazu die umwerfende Frances Conroy, spätestens seit «Six Feet Under» die neurotischste und zugleich verletzlichste Mütter-Darstellerin, die man sich wünschen kann. Ein schwer therapiebedürftiges perverses Gespann, an dem man sich nicht satt sieht.

Verrückt ist auch, wie konsequent «Joker» eine Ausgeburt der Surrealität ist: Die verdrehte Welt des Clowns, die eskapistische Meta-Welt des Fernsehens, die imaginären Fluchten von Arthur selbst verwandeln diesen Film in ein unendliches Täuschungskabinett.

Alles oder nichts kann hier Realität sein. Oder Traum. Die Wendungen sind überraschend. Und bodenlos melancholisch.

Und das Verrückteste ist natürlich, dass dieses dichte, düstere Ding von Todd Phillips kommt, dem Mann, der drei Mal «Hangover» gemacht hat. Und der jetzt mit «Joker» an den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen für den besten Film gewonnen hat. Aber vielleicht braucht es einen, der das Genre der Komödie richtig gut beherrscht, um die ganze Schwärze der Tragödie, die dahinter lauern kann, zu kennen.

Alle Vorstellungen von «Joker» am ZFF sind ausverkauft. Der Film läuft ab 10. Oktober im regulären Kinoprogramm.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
In diesen 15 Filmen wurde mit Spezialeffekten getrickst, ohne dass du es gemerkt hast
1 / 24
In diesen 15 Filmen wurde mit Spezialeffekten getrickst, ohne dass du es gemerkt hast
Vom Muskelprotz zum Mägerlimuck – «Captain America»: Zehn Kilogramm Muskelmasse zulegen fiel Captain-America-Schauspieler Chris Evans wesentlich leichter, als sich so weit runterzuhungern, dass er überzeugend den Superhelden vor seiner Verwandlung mimen konnte. Daher griffen die Filmemacher zu Computereffekten, sogenannten CGI (Computer Generated Imagery), um Evans kleiner und schmächtiger zu machen. Für gewisse Szenen stellte zudem ein anderer Schauspieler seinen Körper zur Verfügung und Evans Kopf wurde digital aufgesetzt. ... Mehr lesen
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Regisseur Roland Emmerich kommt ans ZFF 2019
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
22 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Sloping
26.09.2019 14:29registriert Oktober 2014
Das Kino ist wohl in seiner grössten Krise und es bedarf Filme wie diesen, um es zu retten. Keine CGI Schlachten sondern tiefgründig erzählte Charakterstudien und Geschichten gepaart mit hervorragender Schauspielkunst und Filmmusik. Eigentlich hatte Sergio Leone schon Ende der 60er Jahre den Dreh komplett raus, aber dem Kino der letzten Jahre mangelte es an so vielem. Klar gab und gibt es vereinzelt Perlen, das reicht wohl aber kaum, um das Kino langfristig zu retten. Und "Joker" scheint hier definitiv eine solche Perle zu sein, wofür sich der Gang ins Kino zu lohnen scheint.
27712
Melden
Zum Kommentar
avatar
TanookiStormtrooper
26.09.2019 14:54registriert August 2015
Ich freue mich darauf... 🃏
1203
Melden
Zum Kommentar
avatar
Calvin Whatison
26.09.2019 16:41registriert Juli 2015
Einmal mehr elegant geschrieben. 👍🏻

Ich mag Phoenix sehr und freue mich auf den Film. Wetten, dass er sich im kommenden Frühjahr (vielleicht) das Goldmännchen abholt.😊👍🏻
722
Melden
Zum Kommentar
22
Die Klagen gegen Netflix häufen sich – was ist da los?
Nicht nur wegen «Baby Reindeer» wird Netflix zurzeit verklagt. Immer wieder reichen Leute gegen Netflix Klagen ein. Meistens weil sie nicht damit einverstanden sind, wie sie in einer Serie, die auf ihren Geschichten basiert, dargestellt werden.

Anfang Juni reichte Fiona Harvey eine Klage in Höhe von 170 Millionen Dollar gegen Netflix ein. Sie behauptet, die Serie stelle sie fälschlicherweise als Sexualstraftäterin und zweifach verurteilte Stalkerin dar, die zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. In der Serie heisst Harveys Figur Martha, aber Fans der Serie haben Harvey schnell ausfindig gemacht, Netflix hat ihre Identität nicht ausreichend geschützt: Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der Serie soll Harvey online beleidigt und beschimpft worden sein. «Als Ergebnis der Lügen und des absolut rücksichtslosen Fehlverhaltens von [Netflix] wurde Harveys Leben ruiniert», heisst es in der Klage. In der Antwort erklärt Netflix, dass sie auf der Seite von Richard Gadd, dem Autoren und Schöpfer von «Baby Reindeer», stehe und sein «Recht, seine Geschichte zu erzählen», unterstütze.

Zur Story