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Einmal All-inclusive-Ferien, habe ich gedacht. Es sei eine gute Idee, habe ich gedacht

All inclusive ist auch nicht alles gratis. Einfach mal ausspannen und nichts tun. Sich um nichts kümmern müssen. So stellte sich die Autorin All-inclusive-Ferien vor. Ihre Erfahrungen waren anders. Ein Erlebnisbericht.
19.08.2021, 08:1120.08.2021, 14:09
anna miller

Endlich kommt sie. Die Entspannung. Ein Hauch davon zumindest. Ein paar Minuten lang verlieren sich die Stimmen der Familienväter und aufgespritzten Lippen-Girls im ewigen Rauschen des Meers. Untergegangen. Als wäre einer gekommen und hätte all die Mobiltelefone, auf denen die Siebenjährigen ohne Kopfhörer den ganzen Nachmittag lang rumdrücken, in die Wellen geschmissen. Als seien all die Seelen, die da sonst liegen und sich mit Öl einreiben lassen, gleichzeitig an die All-inclusive-Poolbar.

Dabei ist fast nichts anders als sonst, an meinem vierten Tag in einem Fünf-Sterne-All-in­clusive-Resort auf Kreta, Hochsaison, die gesamte Anlage ausgebucht, halb Europa in den Sommerferien. Nichts, ausser, dass ich meinen Liegestuhl in die Wellen gestellt habe. Ich liege nun also auf einer gepolsterten Insel und um mich herum die Sintflut.

Nur wer sehr früh aufsteht, sieht sich leeren Liegestühlen gegenüber.
Nur wer sehr früh aufsteht, sieht sich leeren Liegestühlen gegenüber.
Bild: shutterstock

Drei Wochen vor diesem besagten Tag sass ich noch in Zürich und wollte einfach mal weg, Ferien mit der besten Freundin, die Sache war klar. Wir hatten beide noch nie all-inclusive gemacht, wollten nicht viel sehen und erleben, eigentlich bloss ein bisschen Ruhe nach all dem Coronatrubel und ein bisschen braun werden, zumindest dunkler, als unsere weisse Haut es über eineinhalb Jahre lang war, so in den eigenen vier Wänden, im ewigen Nebel. Also ab ins Internet und nach vier Stunden Recherche dann: 1700 Franken für fünf Nächte gezahlt, inklusive Flug.

Willkommen im Club – aber nichts ist, wie es sein sollte

Im Hotel angekommen, erhalten wir den ersten Welcome-Drink mit frischem Ingwer und Zitrone und ganz viel Eis, damit wir es in der unterkühlten Marmorhalle in der Schlange aushalten, bis wir dran sind. Es folgt das Anlegen des obligatorischen Plastikarmbands. Willkommen im Club, lächelt die Dame. Wir freuen uns. Was kann jetzt noch schiefgehen?

Einiges.

Es folgt das falsche Zimmer. Dann kein Platz mehr am Pool. Dann das zweite Mal Schlange stehen vor der Crêpes- und Waffel-Poolbar. Dann die erste halbe Stunde All-inclusive-Buffet. Die Meute um uns herum: eine Mischung aus dickem Ranzen (in der Regel der Mann) und sehr bedachter Dünnheit (in der Regel die Frau). Es folgt der erste Resortabend mit Livemusik, der kein Mensch zuhört, weil alle ins Handy starren. Zwei kleine Kinder auf der Tanz­fläche, sonst: trinken, bis das Koma kommt.

Beliebt in all-inklusive Resorts: Essen und Trinken was das Zeug hält.
Beliebt in all-inklusive Resorts: Essen und Trinken was das Zeug hält.
Bild: Shutterstock

Wir sitzen im überfüllten Hauptrestaurant unter grellem Neonlicht und fragen uns, wann wir falsch abgebogen sind. Dann folgt der nette, sachdienliche Hinweis einer italienischen Dame, es gäbe noch vier weitere Restaurants, kleiner, eleganter, gediegener. Die man aber, so erkennen wir bald, nur von innen sieht, wenn man Punkt elf Uhr morgens über eine Online-Buchungsplattform einen Tisch reserviert.

Fünf nach elf ist das italienische Restaurant bereits ausgebucht. Um halb acht Uhr morgens sind schon alle Liegen in der ersten Reihe besetzt. Die Leute hier, in Verknappungs­panik verfallen. Vielleicht auch deshalb, weil das Hotel klare Zeitzonen definiert. Wasser­melone gibt’s nur von drei bis vier, Handtücher austauschen zwischen sechs und acht.

Wir beugen uns dem gnadenlosen Rhythmus

Menschen sind Gewohnheits­tiere, heisst es in der Soziologie. Sie mögen Routine, und sie reagieren auf künstliche Verknappung. Und so sitzen wir im All-inclusive-Resort, der Inbegriff eines Völlerei-Paradieses, in dem nichts knapp werden sollte, niemals, um dann punktgenau und fleissig ein Online-Formular auszufüllen, für Handtücher in der Schlange zu stehen und stets die Zeit im Griff zu haben.

So leere Pools vorzufinden, ist wohl eher eine Seltenheit.
So leere Pools vorzufinden, ist wohl eher eine Seltenheit.
Bild: shutterstock

Widerstand ist zwecklos. Wir beugen uns dem Rhythmus. Halb acht: Liegen reservieren, dann nachschlafen. Vier Liegen reservieren statt der benötigten zwei, damit der Abstand zum Nächsten überhaupt ansatz­weise gegeben ist. Frühstück erst, wenn die Familien mit Kindern durch sind, weil wir uns dann akustisch besser verstehen und uns unterhalten können.

Situationen, die du aus den Ferien kennst:

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Situationen, die du aus den Ferien kennst – in Grafiken
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Der nette Kellner im Frühstücksrestaurant unten am Meer fragt uns am zweiten Tag nach der Zimmernummer. Um uns dann zu bestätigen: Wir hätten kein Anrecht auf einen Tisch in diesem Frühstücksraum. Dieser hier sei für die Menschen, die Zimmer mit Pool gebucht hätten. Eine Schicht über uns.

Das falsche Milieu – oder ein Zimmer mit Pool

Hier, in dieser Blase, können sich Menschen, die sonst gar nicht zur höheren Schicht gehö­ren, für einen kurzen Moment den Luxus der vermeintlich Bessergestellten kaufen. Laut dem deutschen Psychologen Heiko Ernst wird in All-inclusive-Ferien die Kluft zwischen Sein und Schein überwunden. Es ist wie bei Easyjet: Alles im Grunde billig – aber für 20 Euro mehr kannst du dir den VIP-Check-in kaufen und ein paar Minuten lang der King sein.

Wir Menschen, sagt Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich, seien Statustiere. Wir streben nach sozialem Vergleich, und über anderen zu stehen, gibt uns ein gutes Gefühl. Dass es meiner Freundin und mir hier nicht wirklich gefällt, liege nicht per se am System, sagt Rost. Sondern daran, dass wir uns das falsche Milieu ausgesucht haben.

Menschen, die sich mit diesen Werten und innerhalb des gleichen Milieus vergleichen, sehen keinen Fehler im System. Sondern denken sich: Das nächste Mal buche ich Zimmer mit Pool.

Wer das Zimmer mit Pool bucht, geniesst einige Vorteile in all-inklusive Resorts.
Wer das Zimmer mit Pool bucht, geniesst einige Vorteile in all-inklusive Resorts.
Bild: Shutterstock

Menschen aus höheren Bildungsschichten hingegen, die sich nicht per se über Schul­abschluss, sondern eher über Reflexionsbereitschaft kennzeichnen, sind für all-inclusive in der Regel die falsche Klientel. Je gebildeter jemand ist, desto eher macht er Individualreisen, er will dann die Welt erkunden, authentische Erlebnisse, auch mal ein unbequemes Bett, die lokale Bevölkerung spüren, die Kultur. Ferien nicht als Erholung vom frustrierenden Arbeits­alltag, sondern als Horizonterweiterung, die gerne auch etwas unbequem und anstrengend sein darf.

All-inclusive hingegen ist das Gegenteil: eine Blase, ein bewusstes, zeitlich begrenztes Abschotten von der Aussenwelt, keine Berührungspunkte zur lokalen Kultur.

Die Welt ausserhalb des Hotels ist zu laut, zu dreckig

Tatsächlich verlassen wir in fünf Tagen kein einziges Mal das Resort. Alles ausserhalb dieser Bubble erscheint uns schon nach wenigen Stunden Aufenthalt plötzlich zu fremd. Unüberwindbar. Als würde dort draussen, jenseits dieser einengenden, aber irgendwie auch schützenden Mauern eine Realität lauern, die wir nicht ertragen. Die uns zu viel Kraft kostet. Zu dreckig. Zu laut. Zu griechisch.

Ich sammle derweil, von der Völlerei vernebelt, Tag für Tag minutiös und verstohlen alle kleinen Dusch-Fläschchen, die ich kriegen kann. Am Ende zähle ich 22 kleine Shampoo-Flaschen in meinem Koffer und fühle mich kurz über das System erhaben, auch wenn ich weiss, dass es mich weniger gekostet hätte, hundert solcher Flaschen in Gross zu kaufen, als in diesem Hotel abzusteigen. Wir freuen uns eben an dem, was gratis ist. Auch wenn wir teuer dafür bezahlen.

Logisch ist das nicht. Menschlich hingegen schon. Nach fünf Tagen ist der Spuk vorbei. Wir checken aus und fahren an den Flughafen und stellen uns mit all den anderen hundert Touristen, die wir doch alle nie sein wollen, in die Warteschlange vor dem Edelweiss-Schalter und sind nicht reicher und nicht klüger und nicht erholter als alle, die zu Hause geblieben sind. Ein bisschen brauner, auch wenn’s zu Hause dann kaum einer merkt. Und immerhin bleibt von diesem Erlebnis die Erkenntnis: Manchmal fühlt man sich unter vermeintlich Gleichen am allerfremdesten.

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Fernweh? Ferien sind auch nicht immer lustig

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Fernweh? Ferien sind auch nicht immer lustig
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