Schweiz
ÖV

Freiheitsfonds Schweiz: Verein rettet 12 Schwarzfahrer vor dem Gefängnis

A ticket collector punches two tickets in an InterCity train of the Swiss Federal Railways SBB from Berne to Biel, Switzerland, on November 27, 2009. (KEYSTONE/Gaetan Bally) 

Ein Kondukteur kontrolli ...
Im ÖV werden immer mehr Menschen ohne gültiges Billett erwischt. Dies, weil die Zahl der Passagiere zunimmt und weil häufiger kontrolliert wird.Bild: KEYSTONE

Verein rettet 12 mittellose Schwarzfahrer vor dem Gefängnis

Wer seine Busse nicht bezahlt, landet hinter Gittern. Seit Anfang Juli hilft ein Verein Armutsbetroffenen, denen eine Haftstrafe droht, weil sie ohne Ticket im ÖV erwischt worden sind.
29.07.2026, 22:1529.07.2026, 22:15
Annika Bangerter
Annika Bangerter

Zwölf mittellose Personen sind in den letzten drei Wochen einer Haftstrafe entgangen. Sie alle sind ohne Ticket mit dem ÖV gefahren – und wurden dabei erwischt. Doch sie hatten Glück: Das Projekt «Freiheitsfonds Schweiz» hat ihre entsprechenden Bussen beglichen.

Der Verein sammelte zuvor per Crowdfunding Geld, um Armutsbetroffene vor einer Haft zu bewahren, wenn sie beim Schwarzfahren erwischt worden sind (wir haben darüber berichtet). Anfänglich setzte sich der Verein das Ziel, 50'000 Franken zu sammeln. Dieses übertraf er deutlich: Schliesslich kamen 92'000 Franken zusammen.

Gegenüber dieser Zeitung sagte Mit-Initiator Basil Weingartner: «Dass eine unbezahlte Busse ins Gefängnis führt, ist völlig unverhältnismässig. Dadurch wird Armut bestraft.» Denn wer ohne Ticket im ÖV kontrolliert wird und die Folgekosten nicht bezahlen kann, sieht sich rasch mit höheren Beträgen konfrontiert. Zeigt das Transportunternehmen die Person an, kommt etwa eine zusätzliche Busse seitens der Staatsanwaltschaft hinzu. Ist auch durch eine Betreibung oder eine Lohnpfändung nichts zu holen, wird die Schuld in eine Ersatzfreiheitsstrafe umgewandelt.

Das geschieht nicht selten: 2024 wurden in der Schweiz rund 5000 Personen aufgrund einer unbezahlten Busse oder Geldstrafe inhaftiert. Das entspricht etwas mehr als der Hälfte aller Hafteintritte. Dies ist nicht nur ein Problem angesichts der überfüllten Gefängnisse. Die Ersatzfreiheitsstrafen kosten die Steuerzahler auch jedes Jahr Millionen von Franken: Für einen Tag in Haft bezahlt die öffentliche Hand mehr als 200 Franken, andere Schätzungen gehen gar von rund 300 Franken aus.

Betroffene wissen teilweise nicht vom Angebot

Die Aktion des «Freiheitsfonds Schweiz» erspart damit auch der öffentlichen Hand Kosten. Bis heute seien 218 Hafttage verhindert worden, hält Weingartner fest. Dafür hat der «Freiheitsfonds Schweiz» insgesamt 13'464 Franken ausgegeben. Gemeldet haben sich in den ersten drei Wochen 23 Personen. Knapp jeder zweite Antrag erfüllte die Kriterien für die Kostenübernahme. So muss etwa die Ersatzfreiheitsstrafe auf eine ÖV-Benutzung ohne gültiges Ticket zurückgehen.

Weingartner rechnet damit, dass ab August die Anträge zunehmen werden: «Was sich deutlich zeigt, ist, dass viele der betroffenen Personen so stark prekarisiert sind, dass ihr Zugang zum Recht und zu Informationen kaum vorhanden ist.» Damit diese Personen vom Projekt erfahren, hat der Verein nun verschiedene Beratungsstellen angeschrieben und auf das Angebot hingewiesen.

Dieses ist nicht langfristig angelegt. Vielmehr will der Verein mit der Aktion auf die grundlegende Problematik aufmerksam machen. Im Nationalrat fiel erst kürzlich eine Motion durch, welche für Bussen von bis zu 5000 Franken andere Massnahmen als die Ersatzfreiheitsstrafe forderte. Hängig sind jedoch ähnlich gelagerte parlamentarische Vorstösse auf Kantonsebene – etwa im Aargau oder im Kanton Schaffhausen.

Im Mai hat zudem der Berner Regierungsrat im Auftrag des Grossen Rates eine Standesinitiative beim Bund eingereicht. Diese verlangt eine Anpassung der Bundesverfassung, sodass auch nach der Umwandlung einer Busse in eine Ersatzfreiheitsstrafe noch die Möglichkeit zu gemeinnütziger Arbeit besteht. (schweizheute.ch)

Das könnte dich auch interessieren:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die eindrucksvollsten Bilder der Waldbrände in Frankreich und Spanien
1 / 17
Die eindrucksvollsten Bilder der Waldbrände in Frankreich und Spanien

Auch in der Nacht auf Montag, den 27. Juli 2026, brennen die Flammen im französischen Département Gironde weiter.

quelle: www.imago-images.de / imago images
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Brände in Südfrankreich wüten weiter – Videos zeigen die Brandherde
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
15 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Dario4Play
29.07.2026 22:29registriert Dezember 2014
Man kann davon halten was man will, ich finds eine tolle Sache!

Auch ich war schon Mittellos (nach Schweizer Standard) und konnte mir kein Ticket leisten. Natürlich habe ich genau an dem Tag eine Buse gefangen. Ich konnte die Buse nicht bezahlen und hab sie auch irgendwann vergessen.

Zum Glück hat auch das Busunternehmen das scheinbar vergessen, weil ich nach 5 Jahren oä einen Brief von der Staatsanwaltschaft bekommen hab dass das verfahren (von dem ich bis zum öffnen noch nichts wusste) nun eingestellt weil verjährt ist.

Moral von der Geschichte: Heute arbeite ich selbst im ÖV. Mit Herz!
3614
Melden
Zum Kommentar
15
Mann greift in Solothurn 3 Personen an – eine schwer verletzt
Drei Personen sind am Mittwochnachmittag in Solothurn SO bei einem tätlichen Angriff verletzt worden, eine davon schwer.
Der mutmassliche Täter wurde festgenommen, wie die Kantonspolizei Solothurn am Mittwoch mitteilte. Der Vorfall ereignete sich gegen 15.20 Uhr an der Schöngrünstrasse im Bereich des Ökonomiegebäudes des Bürgerspitals Solothurn. Ein 30-jähriger Pole habe im Aussen- wie auch Innenbereich des Gebäudes aus am Mittwochabend noch unklaren Gründen die drei Personen tätlich angegriffen, hiess es weiter.
Zur Story