Schweiz
Blaulicht

Jugendgewalt nimmt zu: Zivicourage gefordert.

Frauen werden im Ausgang öfter von Männern beschimpft, beleidigt und angegangen.
Frauen werden im Ausgang öfter von Männern beschimpft, beleidigt und angegangen.symbolbild: shutterstock

Jung, männlich, brutal – wenn Zivilcourage im Spital endet

Nach jahrelangem Rückgang breitet sich eine neue Form der Jugendgewalt aus: Junge Erwachsene suchen den Kick nicht mehr mit Drogen und Alkohol, sondern mit Schlägereien. Wer helfen will, wird selbst zum Opfer. Was bedeutet das für die Zivilcourage?
20.10.2018, 15:0920.10.2018, 15:09
Yannick Nock / Schweiz am Wochenende

Die italienische Journalistin Franca Magnani umschrieb die gesellschaftliche Tragweite vielleicht am schönsten:

«Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.»

Noch braucht die Schweiz allerdings ihre Helden, denn die Zivilcourage steht unter Beschuss. Wer anderen helfen will, wird heute schnell selbst zum Opfer – so wie am vergangenen Wochenende im Stadtzentrum von Baden AG.

Ein 28-jähriger Mann machte sich kurz nach Mitternacht auf den Heimweg als er beobachtete, wie eine Gruppe aus 16- bis 20-jährigen Männern eine Frau schlugen. Der 28-Jährige griff ein, fragte die Frau, ob alles in Ordnung sei – und wurde von der Gruppe zusammengeschlagen. Mit Faustschlägen ins Gesicht. Mit Fusstritten, als er am Boden lag. Die Zivilcourage endete für ihn im Spital.

Für den Zürcher Psychotherapeuten Felix Hof ist das kein Zufall. Seit über 30 Jahren behandelt er auffällige Kinder und Jugendliche und war unter anderem als Chefpsychologe für die Schweizer Armee tätig. Für Hof ist klar: «Wir erleben eine neue Form der Gewalt.»

Seien Jugendliche früher oft nur gewalttätig geworden, wenn sie provoziert oder angegriffen wurden, sei das heute anders. «Sie wollen sich prügeln und suchen die Konfrontation.» Die Hemmung, zuzuschlagen – selbst ins Gesicht – habe abgenommen. Hof geht deshalb davon aus, dass die Jugendgewalt wieder steigen wird. Neuste Zahlen aus den Kantonen untermauern seine Befürchtung.

Bild
grafik: schweiz am wochenende / pat / zvg

Dabei war die Jugendgewalt dank Präventionsmassnahmen und Integration von Migranten lange rückläufig. Während Mitte der 2000er-Jahre eine Schreckensmeldung die nächste jagte – samt unrühmlichen Höhepunkt 2010 als über 10'000 Jugendliche wegen Strafdelikten verurteilt wurden – sank die Kurve bis 2015 deutlich und blieb tief.

Die Schlagzeilen änderten sich in wenigen Jahren von «Müssen jetzt auch Jugendliche verwahrt werden?» zu «So brav war die Schweizer Jugend noch nie». Es schien als seien die Jungen von einem Extrem ins nächste gekippt, denn auch der Alkohol- und Drogenkonsum nahm deutlich ab.

Prügelei gibt den Kick

Nun folgt allerdings die Gegenreaktion auf die Folgsamkeit. Die Dynamik in den Jugendgruppen habe sich geändert, sagt Hof. Viele junge Erwachsene hätten kein Interesse mehr, nächtelang in einer Disco zu tanzen oder anderswo zu feiern. Zudem habe der Drogenkonsum seinen Reiz verloren. «War es früher cool, zu kiffen, gilt man heute als Verlierer.»

Hof erkennt eine Trendwende:

«Jugendliche suchen heute den Kick mit Schlägereien, nicht mehr mit Drogen oder Alkohol.»

Egal ob in Klubs, auf der Strasse oder vor Sportstadien: Geprügelt wird überall.

Kein Respekt gegenüber Polizisten und Rettern

Rettungskräfte in Zürich werden gemäss neusten Zahlen fast täglich angegangen, das Sicherheitspersonal im Inselspital Bern muss in diesem Jahr doppelt so oft gegen pöbelnde Patienten einschreiten wie 2017 und Polizisten aus verschieden Kantonen berichten von zahlreichen Übergriffen. Oft sind dabei junge Erwachsene die Täter.

Unvergessen ein Vorfall im August: Als Sanitäter am Zürcher Seebecken einem schwer verletzten Teenager helfen wollten, wurden sie von Vermummten attackiert. Dutzende Mitläufer solidarisierten sich mit den Angreifern. Die Polizei musste Gummischrot, Tränengas und Wasserwerfer einsetzen, damit sie überhaupt zu den Verletzten vordringen konnte. Mittendrin: junge Fussball-Hooligans.

Jugendpsychologe Allan Guggenbühl sagt:

«Der Respekt gegenüber Polizisten ist in der Schweiz tiefer als in anderen europäischen Ländern.»

Besonders junge Männer in Gruppen würden die Beamten nicht ernst nehmen und öfter ausfällig. «Das ist ein grosses Problem.» Wer keinen Respekt vor Polizisten habe, habe auch keinen vor zivilen Helfern – mit Folgen für die Gesellschaft. Was wird aus der Zivilcourage, wenn Helfer zu Opfern werden?

So hilfst du am besten
Die Polizei rät, erst den Notruf (117 bzw. 112) zu wählen und zu warten. Doch es gibt Grundsatzregeln: Zunächst muss die Situation überprüft werden. Ist es eine Notsituation? Streitet sich da nicht nur ein Pärchen? Wichtig ist dann, Verantwortung zu übernehm und klare Ansagen zu machen: «Sie in dem roten Pullover, kommen Sie mit.» Sonst wird sich jeder auf den anderen verlassen und niemand hilft. Am besten als Gruppe hingehen und den Fokus auf das Opfer legen, nicht den Täter.

Veronika Brandstätter ist Professorin für Motivationspsychologie an der Universität Zürich. Sie erforscht, was Menschen zu Alltagshelden macht. Mut brauche es immer, sagt sie, aber Zivilcourage sei auch erlernbar. Wichtig sei zu wissen, was in einer kritischen Lage zu tun oder zu unterlassen sei (siehe Kasten). Dies stärke auch das Selbstvertrauen.

Meldungen wie vom Wochenende aus Baden könnten allerdings einen negativen Effekt haben. «Wenn jemand, der Zivilcourage gezeigt hat, zu Schaden gekommen ist, überlegt man sich zweimal, selbst einzugreifen.»

Brandstätter rät ohnehin, sich nicht in gefährliche Situationen zu begeben, lieber die Polizei zu alarmieren.

Selbstverteidigung an Schulen

Doch dann kann es schon zu spät sein. Es ist ein Abwägen zwischen Hilfe und Selbstschutz. Psychotherapeut Felix Hof setzt deshalb auf Bildung. «Kinder und Jugendliche sollten lernen, sich selbst zu verteidigen», sagt er. «Schulen müssen in den Turnstunden Selbstverteidigungskurse anbieten.»

Kritik, dass so auch aggressive Jugendliche kämpfen lernten, weist Hof zurück. «Wer sich prügeln will, prügelt sich unabhängig von Kursen.» So würden zumindest alle Kinder und Jugendliche lernen, sich zu verteidigen.

Besonders junge Frauen könnten laut Hof davon profitieren. Denn auch hier untermauert die Statistik eine beunruhigende Entwicklung. Frauen werden im Ausgang öfter von Männern beschimpft, beleidigt und angegangen. In Genf ging im August eine Gruppe junger Männer auf fünf Frauen los. Eine endete im Koma.

Mit den Selbstverteidigungskursen an Schulen werden aus den Kindern vielleicht keine Helden, wie sie die italienische Journalistin Magnani umschrieb, aber Bürger mit Zivilcourage.

Hast du schon mal in einer brenzligen Situation Zivilcourage bewiesen?
An dieser Umfrage haben insgesamt 585 Personen teilgenommen

(aargauerzeitung.ch)

Auf einen Joint mit Hanf-Papst Bernard Rappaz

Video: watson/Angelina Graf
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
«Mit ihr auf dem Ticket könnte es eine ähnliche Dynamik geben wie 2015»
Bundesrat Guy Parmelin tritt per Ende 2026 zurück. Was hinterlässt er nach elf Jahren Amtszeit? Und wer aus der SVP hat gute Chancen, ihn zu beerben? Antworten hat Politologe Mark Balsiger.
Bundesrat Guy Parmelin hat seinen Rücktritt per Ende Jahr bekanntgegeben. Geht er, wenn es am schönsten ist?
Mark Balsiger:
Ja, er hat einen optimalen Zeitpunkt gewählt. In diesem Jahr hat er als Bundespräsident bislang eine gute Figur gemacht. Angefangen damit, wie er nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana volksnah und empathisch aufgetreten ist. Ausserdem hat er das Vertragspaket mit der EU und die Handelsbeziehungen mit Indien unter Dach und Fach gebracht. Das ist ein würdiger Abschluss.
Zur Story