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Gesundheitsminister Alain Berset auf dem Weg nach Visp für einen Besuch beim Pharmaunternehmen Lonza, 11. Januar 2021.
Gesundheitsminister Alain Berset auf dem Weg nach Visp für einen Besuch beim Pharmaunternehmen Lonza, 11. Januar 2021.Bild: keystone

Haben das BAG und Berset das Coronavirus unterschätzt? 3 interne Dokumente geben Einblick

Neue Dokumente zeigen die Korrespondenz zwischen BAG, Berset und dem Bundesrat im Januar und Februar 2020. Brisant: Der Masken-Engpass war bereits Anfang Februar bekannt.
13.01.2021, 06:16

Der Netzaktivist Hernani Marques verlangte vom Innendepartement unter Berufung auf das Öffentlichkeitsgesetz Dokumente, wie der Bund im Januar und Februar 2020 die Corona-Lage eingeschätzt hat.

Das war Anfangs Dezember 2020. Nun erhielt er Zugang zu drei Dokumenten, die er am Dienstagabend via Twitter veröffentlichte.

Wir haben die Dokumente angeschaut und die interessantesten Punkte daraus zusammengefasst. Wer die Originaldokumente anschauen will, klickt entweder auf den Tweet von Marques oder auf die Links unter den Abschnitten hier.

1. Dokument: 22. Januar

Das erste Dokument stammt aus der Feder von Patrick Mathys, Leiter der Sektion Krisenbewältigung im Bundesamt für Gesundheit (BAG) und richtet sich an Gesundheitsminister Alain Berset.

Darin schildert Mathys zuerst die Lage in China, wo zu diesem Zeitpunkt gemäss der chinesischen Regierung über 400 Personen am Coronavirus erkrankt und 9 Patienten daran verstorben sind. Zum Wissensstand über das Virus heisst es:

«Eine chinesische Expertengruppe der ‹National Health Commission› hat aufgrund von Ansteckungen beim Medizinal- und Pflegepersonal unterdessen eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bestätigt. Wie hoch das Ansteckungsrisiko von Mensch zu Mensch ist, kann bisher noch nicht beurteilt werden.»

Mathys schreibt, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Lage aufmerksam verfolge und es bislang keine Einschränkungen für die Region gebe. Man gehe aber davon aus, dass die WHO eine «gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite» ausrufe und zeitlich befristete Massnahmen kommuniziere.

Für das Risiko in der Schweiz heisst es:

«Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt das Risiko einer Einschleppung aktuell als moderat ein. Gleiches gilt für die Schweiz. Massnahmen bei der Einreise – wie sie in einigen Ländern in Südostasien und auch in Italien ergriffen wurden – sind derzeit nicht angezeigt.»

Ein «Import» eines Falles in die Schweiz sei aber nicht ausgeschlossen, ebenso eine Übertragung nach Einschleppung innerhalb der Schweiz. Die grösste Gefahr schätze Mathys aber folgendermassen ein:

«Das grösste ‹Risiko› geht momentan aber von (verängstigten) Personen – mit oder ohne Reisetätigkeit – aus, die das Gefühl haben, angesteckt zu sein und bei einer Ärztin oder Arzt, resp. im Spital vorstellig werden. Der Umgang mit solchen Verdachtsfällen kann rasch zur Bindung von Ressourcen und zu einer weiteren Verunsicherung in der Bevölkerung führen.»

Das BAG blieb aber nicht untätig, folgende Massnahmen seien umgesetzt (alles Zitate):

  • Information auf den BAG-Internetseiten
  • Etablierung einer spezifischen Labordiagnostik
  • Voraktivierung von Hotlines (Bevölkerung, PAX und Ärzteschaft)
  • Anpassung des MERS-Konzepts für den Umgang mit Verdachtsfällen und bestätigten Erkrankten
  • Sensibilisierung der Flughäfen Genf und Zürich, damit rasch Massnahmen im Reiseverkehr ergriffen werden könnten
  • Empfehlungen für Reisende

Quelle: Das Dokument findest du hier.

2. Dokument: 28. Januar

Das zweite Dokument stammt aus der Feder von Gesundheitsminister Berset und ist an den Bundesrat gerichtet.

Nach Schilderung des Hintergrunds wird auf die aktuelle Lage eingegangen. Berset weist darauf hin, dass sich die Lage im Stundentakt ändere. Damals waren über 4500 Menschen in China am Virus erkrankt, 106 davon verstarben. Tage zuvor wurden die ersten Fälle in Frankreich bestätigt. Berset weist ausserdem darauf hin, dass China zu drastischen Massnahmen zur Eindämmung gegriffen habe.

Zum Risiko in der Schweiz heisst es in dem Bericht:

«Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt aktuell das Risiko einer weiteren Einschleppung als moderat bis hoch ein. Gleiches gilt für die Schweiz. Es ist daher davon auszugehen, dass es auch in der Schweiz zu bestätigten Fällen kommen kann.»

Einreisemassnahmen seien für die Schweiz derzeit nicht angezeigt. Dies wird unter anderem damit begründet, dass die WHO keine diesbezügliche Empfehlung ausgesprochen habe, ausserdem müsse eine solche Massnahme zudem mit Europa koordiniert werden, damit sich eine gewisse Wirksamkeit zeige.

Zwar gab es zu diesem Zeitpunkt erste Verdachtsfälle, die sich aber noch nicht bestätigt hatten. Bezüglich der Anzahl Verdachtsfälle zeigte man sich auf nationaler Ebene bewusst bedeckt.

«Das BAG informiert auf nationaler Ebene nicht über die Zahl der Verdachtsmeldungen, da dies unnötigerweise zu unbegründeten Ängsten in der Bevölkerung führen könnte. Sollte sich jedoch ein Verdachtsfall bestätigen, wird das BAG in Koordination mit dem betroffenen Kanton zeitnah darüber informieren.»

Berset klärt über die getroffenen Massnahmen auf (alles Zitate):

  • Einsetzung einer Taskforce im BAG
  • Laufende Information der Bevölkerung und der Medien über die aktuelle Situation und die getroffenen Massnahmen
  • Regelmässiger Kontakt zu den Kantonsärztinnen und Kantonsärzten (Telefonkonferenzen)
  • Information der gesamten Ärzteschaft zum Umgang mit Verdachtsfällen via FMH
  • Vorbereitung des Gesundheitssystems zum Umgang mit Verdachtsfallen und bestätigten Erkrankungen. (basierend auf dem seit 2012 etablierten und gut funktionierenden Konzeptes für MERS)
  • Information des Bundesstabes Bevölkerungsschutz über die aktuelle Lage und mögliche weiteren Massnahmen
  • Empfehlungen für Reisende
  • Offizielle Anfrage für einen befristeten Zugang zu den EU Frühwarn- und Koordinationssystemen

Quelle: Das Dokument findest du unter diesem Link.

3. Dokument: 10. Februar

Das dritte veröffentlichte Dokument richtet sich erneut an den Gesamtbundesrat, Verfasser wie beim vorherigen Dokument ist Berset.

Zur aktuellen Lage schildert Berset, dass mittlerweile 40'000 Menschen am Coronavirus erkrankt und 908 Patienten daran verstorben sind. Noch sei unklar, wie sich das Virus von Mensch zu Mensch übertrage – international wird die Lage so beschrieben: «Obwohl es auch ausserhalb von China lokal zu einzelnen Mensch-zu-Mensch Übertragungen gekommen ist, konnten bis anhin keine anhaltenden Infektionsketten und Ausbrüche beobachtet werden.»

Zum Risiko für die Schweiz heisst es:

«Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt aktuell das Risiko von weiteren Einschleppungen nach Europa als hoch ein. Die Wahrscheinlichkeit von anhaltenden Übertragungen in Europa ist jedoch nach wie vor gering. Das BAG erachtet die Situation in der Schweiz als vergleichbar mit dem übrigen Europa. Es ist daher davon auszugehen, dass es auch in der Schweiz in nächster Zeit zu einem oder mehreren bestätigten Fällen kommen kann.»

Die vorher getroffenen Massnahmen wurden noch verstärkt, besonders auch die Information der Bevölkerung soll durch wöchentliche Points-de-presse sichergestellt werden.

Neu dazu gekommen ist auch ein Punkt «Herausforderungen». Hier geht Berset auf Distanz mit der WHO:

«Die WHO hält mit einem aktuellen Schreiben des Generaldirektors daran fest, dass auf Restriktionen im Reise- und Warenverkehr weiterhin verzichtet werden soll. Dies ist aus Sicht des BAG aufgrund der aktuellen epidemiologischen Situation kaum mehr nachvollziehbar.»

Zum Thema wurden auch kommende Grossveranstaltungen mit internationaler Teilnahme wie etwa die Uhren- und Schmuckmesse in Basel. Dazu heisst es: «Entsprechende Empfehlungen und Vorgehensweisen werden zusammen mit den Kantonen erarbeitet.»

Und: Die Problematik mit dem Schutzmasken-Engpass war bereits bekannt:

«Die Verfügbarkeit von Hygiene- und Atemschutzmasken in der Schweiz sind beschränkt. Ein Konzept zum Umgang und Einsatz von Masken wird gegenwärtig erstellt.»

Quelle: Hier findest du den Link zum Dokument.

Gut zwei Wochen nach diesem Bericht an den Bundesrat, am 25. Februar, war es dann soweit: Der erste Coronafall bestätigte sich auch in der Schweiz. Drei Tage später kam das Eventverbot für Grossveranstaltungen mit über 1000 Personen.

So berichteten wir über die ersten zwei Monate:

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So kam das Coronavirus in die Schweiz – eine Chronologie

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38 Kommentare
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Bacchus75
13.01.2021 07:53registriert Oktober 2014
Diese Informationen zeigen eigentlich genau das Gegenteil. Es scheint, dass Bundesrat Berset die Lage sehr viel besser eingeschätzt hat als die WHO und den Bundesrat auch vorausschauend informiert hat.

Auch auf die Maskenproblematik wurde früh eingegangen. Ich bin nach dieser Veröffentlichung eher der Meinung dass Bundesrat Berset sehr gute Arbeit abgeliefert hat.
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PeteZahad
13.01.2021 07:01registriert Februar 2014
Sehr reisserischer Titel. Im Nachinein ist es immer einfach zu (ver)urteilen. Wo genau soll der Bundesrat das Coronavirus gemäss der Informationslage (ECDC, WHO) unterschätzt haben? Im Gegenteil:
«Die WHO hält mit einem aktuellen Schreiben des Generaldirektors daran fest, dass auf Restriktionen im Reise- und Warenverkehr weiterhin verzichtet werden soll. Dies ist aus Sicht des BAG aufgrund der aktuellen epidemiologischen Situation kaum mehr nachvollziehbar.»
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Ulli1958
13.01.2021 08:53registriert März 2020
PeteZahad und Bacchus75 möchte ich mich bei der Beurteilung der Arbeit von Herrn Berset anschliessen. Er hat gut informiert und frühzeitig gemäss seinen Möglichkeiten gehandelt.
Was über Alles analysiert und optimiert werden muss, ist das Verhalten aller beteiligten Institutionen im Krisenfall. So ein Rumgeeiere wie diesmal bitte nicht noch mal. Vorallem nicht, wenn es wirklich dick kommt. Aber auch Taiwan hat es nicht beim ersten Mal geschafft.
https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Taiwans-Digitalministerin-Sehen-die-Demokratie-selbst-als-eine-Technologie-id58833006.html
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