Schweiz
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epa08788100 People wearing protective face masks wait in line at a coronavirus testing site during nationwide testing in Bratislava, Slovakia, 31 October 2020.  EPA/JAKUB GAVLAK

In der Slowakei kam es im ganzen Land zu langen Schlangen vor den 5000 errichteten Testzentren. Bild: keystone

Was, wenn die Schweiz all ihre Einwohner auf Corona testen lassen würde?

Die Slowakei hat (fast) alle ihre Einwohner auf Corona testen lassen. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz kündigte bereits an, selbiges tun zu wollen. Eine Idee, die durchaus auch in der Schweiz umsetzbar wäre, wie Didier Trono von der Taskforce meint.



Es war «die grösste Herausforderung in der Geschichte der Slowakischen Republik», wie Staatspräsidentin Zuzana Caputova sagte. Die Slowakei hat praktisch ihre ganze Bevölkerung auf das Coronavirus testen lassen. Und das an einem Wochenende.

In Österreich will man es den Nachbarn nun gleichtun. Doch was bringt das überhaupt? Wäre so etwas auch in der Schweiz möglich? Und wer soll das organisieren und bezahlen? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Wie lief das ab in der Slowakei?

epa08788585 People wait in line at a coronavirus testing site during a nationwide testing in Bratislava, Slovakia, 31 October 2020. Slovakia has begun a massive operation to test its entire adult population for SARS-CoV-2 in a bid to halt what its government has said is an alarming acceleration of the spread of the virus in the country.  EPA/JAKUB GAVLAK

5000 Testzentren und 45'000 medizinische Fachkräfte, Soldaten und Polizisten waren für den Massentest im Einsatz. Bild: keystone

An den vergangenen beiden Wochenenden führte die Slowakei Corona-Massentests durch. Von den 5,5 Millionen Einwohnern wurden 4,5 Millionen dazu aufgefordert, sich testen zu lassen. Das sind alle Einwohner zwischen 10 und 65 Jahren. Gekommen sind am ersten Wochenende 3,6 Millionen Menschen, am zweiten Wochenende noch rund zwei Millionen. Bezirke mit einem besonders niedrigen Anteil an Infizierten mussten beim zweiten Mal nicht mehr teilnehmen.

«Wir haben die grosse Chance, Europa und der Welt zu zeigen, dass es auch anders geht, ohne Schliessung der Wirtschaft und Millionen Arbeitsloser.»

Igor Matovic, Premierminister der Slowakei

Die Herkulesübung des konservativ-populistischen Premierministers Igor Matovic wurde vom Ausland mit Argusaugen beobachtet. Denn auch in der Slowakei selbst war die Idee nicht unumstritten. Kritiker warfen Matovic übertriebenen Aktionismus vor und missbilligten gleichzeitig die propagierte Freiwilligkeit des Unterfangens. Matovic selbst sprach derweil von «unserer eigenen, slowakischen Atombombe».

Alle Einwohnerinnen und Einwohner im Alter zwischen 10 und 65 Jahren wurden aufgefordert, sich testen zu lassen. Machte man den Test nicht, so durfte man für zwei Wochen nicht mehr zur Arbeit oder generell nach draussen, ausser für dringende Einkäufe oder Arztbesuche.

Die Hauptmotivation hinter den Massentests war folgende: Die Slowakei wollte einen Lockdown verhindern. Die Massentests könnten eine Alternative zum Lockdown sein: «Wir haben die grosse Chance, Europa und der Welt zu zeigen, dass es auch anders geht, ohne Schliessung der Wirtschaft und Millionen Arbeitsloser», sagte Premierminister Matovic. Lässt sich die ganze Bevölkerung testen, so der Hintergedanke, erhält man einen genauen Überblick der Infektionsherde im Land. Positiv Getestete könnten isoliert werden, wodurch das Infektionsgeschehen drastisch verlangsamt würde.

Und, hat es funktioniert?

Das kommt darauf an, wen man fragt. Die Regierung in Bratislava zeigte sich zufrieden mit der Aktion. Die Infektionszahlen zeigen eindrücklich, wie hoch die Dunkelziffer sein kann, über die in den letzten Monaten viel spekuliert wurde. Beim ersten Testgang wurden 38'359 Menschen positiv getestet, das entspricht einer Positivitätsrate von 1,06 Prozent. Zum Vergleich: Vorher meldete das Land rund 2500 Fälle pro Tag, die Positivitätsrate lag bei rund 20 Prozent.

Wie viele wären es in der Schweiz?

Kleine Zahlenspielerei am Rande: Die Schweiz hat über die letzten Wochen eine ähnliche, sogar ein bisschen höhere Positivitätsrate als die Slowakei aufgewiesen. Übernimmt man die gleichen Parameter wie in der Slowakei (rund 15 Mal mehr Fälle bei flächendeckender Testung), so müsste man, gerechnet mit den durchschnittlichen täglichen Neuansteckungen der letzten Woche, rund 110'000 Fälle in der Schweiz entdecken. Geht man von einer einfacheren Rechnung aus, nämlich nur der Positivitätsrate von 1,06 Prozent, so kommt man auf rund 91'000 Fälle.

Beim zweiten Testgang in der Folgewoche fielen nur noch 0,66 Prozent der Tests positiv aus. Die Ausgangssperre für jene, die sich nicht testen lassen wollten, sowie die zehntägige Quarantäne für die positiv Getesteten hätten also direkt dazu beigetragen, die Infektionskurve abzuflachen, glaubt die Regierung.

In allzu grossen Optimismus sollte man jedoch nicht verfallen. Die Zuverlässigkeit der Antigen-Schnelltests ist nach wie vor fragwürdig. Viele Fälle könnten also nicht entdeckt worden sein. Ausserdem könnte der Rückgang auch mit den Mitte Oktober eingeführten Massnahmen zu tun haben. Trotzdem: Der Trend des exponentiellen Wachstums scheint gebrochen worden zu sein. Seit Montag sind im Land Kinos, Theater, Sportstätten und Kirchen wieder geöffnet.

Zieht Österreich nun nach?

Ja. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz zeigte sich begeistert von der Aktion in der Slowakei: «Das hat wahnsinnig gut funktioniert», sagte Kurz und kündete im gleichen Atemzug an, Massentests auch in Österreich durchführen zu wollen.

«Ein Massentest mit Antigen-Schnelltests ist wie ein Schnappschuss eines vorbeifahrenden Zuges.»

Didier Trono, EPFL

Noch vor Weihnachten sollen so möglichst viele Einwohner getestet werden. Zielgruppe seien zunächst etwa Lehrerinnen und Lehrer, um eine rasche Wiedereröffnung der Schulen zu gewährleisten.

Könnte man auch die ganze Schweiz einmal testen lassen?

Theoretisch schon. Dabei gibt es jedoch viele Dinge zu beachten, wie Didier Trono, Leiter der Expertengruppe «Diagnostics and testing» bei der Corona-Taskforce des Bundes, erklärt: «Zuerst muss man bedenken, dass man für eine solche Aktion Antigen-Schnelltests einsetzen muss.» Diese seien zwar präzis, jedoch nur bei jenen Menschen, die bereits infektiös sind. Heisst: Personen, die sich bereits angesteckt haben, aber noch keine ausreichende Viruslast in sich tragen, werden von den Schnelltests als negativ bewertet. Dementsprechend würden auch bei Massentests nicht alle Infektionen entdeckt werden können.

«Ein Massentest mit Antigen-Schnelltests ist wie ein Schnappschuss eines vorbeifahrenden Zuges», erklärt Trono. Für einen Moment erhalte man zwar ein genaues Bild, der Zug fährt deswegen aber trotzdem weiter.

«Was wäre, wenn wir einzelne, stark betroffene Regionen testen würden?»

Didier Trono, EPFL

Letztlich ist es also eine Frage von Aufwand und Ertrag. Und der Aufwand für einen Massentest ist immens. In der Slowakei mussten über 45'000 Hilfskräfte zusammengekratzt werden. Gesundheitspersonal, Militär und Polizisten mussten mithelfen. Vor allem das Gesundheitspersonal ist aber in der Schweiz nicht im Überfluss vorhanden. Auch müssten tausende mobile Testzentren errichtet werden. Ein logistischer Albtraum.

Didier Trono findet die Idee trotzdem interessant, würde sie jedoch etwas anders umsetzen: «Was wäre, wenn wir einzelne, stark betroffene Regionen testen würden?» Für den Virologen wäre dies eine Möglichkeit, die Schwächen der Antigen-Tests auszutricksen. «Man nehme eine Region, zum Beispiel Genf, und teste die rund 500'000 Einwohner innerhalb von zehn Tagen dreimal hintereinander.» So könne man die überwiegende Mehrheit der infizierten Personen identifizieren.

So kompliziert, wie sich das liest, ist es auch. Und deswegen bleibt es fragwürdig, auf welche Seite das Pendel der Aufwands-Ertrag-Waage schwingen würde. Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim BAG, zeigte sich am Dienstag beim Point de Presse eher ablehnend gegenüber Massentests:

«Schnelltests sind nicht dafür da, grossflächig asymptomatische Menschen zu testen. Die Ergebnisse der Nachbarländer werden wir aber in unsere Überlegungen einfliessen lassen.»

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