Schweiz
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Reportage Coronavirus watson am 10. April 2020

Das Volk hält sich an die Massnahmen: Auch am sonnigen Karfreitag blieben die Plätze und Quais leer. bild: petar marjanović

Leere Züge, vernünftiger Obwaldner und viel Sonne: So war der Corona-Karfreitag

Die Schweiz bleib am Karfreitag grösstenteils zuhause – trotz sonnigem Wetter. Ein Erfahrungsbericht auf der beliebten Tagesausflug-Strecke zwischen der Nordschweiz und dem Tessin.



Wie hält sich die Schweiz an die Regeln, um die Ausbreitung des Coronavirus weiter einzudämmen? Die Antwort auf diese Frage ist mitentscheidend, ob und wie der Bundesrat den derzeitigen «Lockdown» etappenweise lockern wird. Der Blick richtet sich deshalb auf das laufende Osternwochenende.

Zumindest die Eindrücke vom Karfreitag dürften ein gutes Zeichen sein. watson verfolgte das Geschehen draussen an vier Stationen. Es ist ein heikler Reportage-Einsatz: Von grösseren Reisen, insbesondere ins Tessin, wird nach wie vor abgeraten. Um die Entscheidungen des Bundesrates einordnen zu können, sind für Medien auch eigene Beobachtungen notwendig.

Fast leere Züge und Busse

Reportage Coronavirus watson am 10. April 2020

Das perfekte Wanderwetter verführte nur wenige Ausflügler. Viele Züge und Busse blieben leer. bild: petar marjanović

Ein Eindruck, der sich wie ein roter Faden durch den ganzen Karfreitag zieht: Im öffentlichen Verkehr ist es sehr still. Grösstenteils. Der erste Teil der Tour durch die Schweiz führt von Zürich nach Göschenen. Am Hauptbahnhof findet sich kaum eine Menschenseele, niemand, der noch die Zigarette vor der Zugsabfahrt rauchen will.

Der erste Blick im Zug bestätigt sich: Nach Arth-Goldau und dann weiter ins Tessin wollen nur wenige. Der Kondukteur ärgert sich aber beim kurzen Smalltalk: «Die paar Ausflügler haben fast alle ein Velo dabei!» Wenn man ihn «genau so» anonym zitiere, dürfe der watson-Journalist mit dem Velo einsteigen, auch wenn im Doppelkompositions-InterCity kein Veloplatz mehr frei ist.

Video: watson/petar marjanović

Das Bild des fast ausgestorbenen öffentlichen Verkehrs bestätigt sich auf den regionalen Strecken: Der RegioExpress, der um 13.09 Uhr bei Göschenen ins Gotthard-Nordportal einfährt, fährt bis Faido TI gar komplett leer. Im über 100 Tonnen schweren Tilo-Zug sitzt neben dem Reporter nur noch der Lokführer – und das trotz deutlich ausgedünntem Fahrplan.

Das Bild bestätigt sich auch auf der Strasse. Der AAGU-Buschauffeur, der am Mittag von Erstfeld nach Göschenen fuhr, erzählt von einer «handvoll Passagieren», die er heute schon befördert habe. Am Karfreitagmorgen sei er ein paar wenigen «Töfffahrern» begegnet, die er während seiner Kaffeepause als «unvernünftige Pläuschler» bezeichnet.

Polizei muss nur wenige Tessin-Reisende mahnen

Reportage Coronavirus watson am 10. April 2020

Vor dem Gotthard-Nordportal versuchte die Polizei einige Tessin-Reisende zur Umkehr zu überzeugen. bild: petar marjanović

Der Buschauffeur in Göschenen lacht aber, als er von einem «vernünftigen Obwaldner» hört, der von der Urner Kantonspolizei auf dem Autobahn-Rastplatz vor dem Gotthard-Strassentunel zum Umkehren überzeugt wurde. «So sind wir eben! Immerhin musste er nicht weit zurückfahren», sagt er.

Die Überzeugungsarbeit war wohl nicht schwierig. Vom Hügel neben dem Rastplatz sieht man, wie zwei Polizisten einen Autofahrer nach dem anderen auf die Ausfahrt lenkt. Zeitweise passiert das im zwei, drei Minutentakt. Einer von ihnen ruft jeweils per Funk, ob das Auto «en Tessiner», «vo Italie» oder von sonst wo ist.

Auf dem Rastplatz dann skurrile Szenen: Die Autofahrer werden zum Parkieren aufgefordert, wo sie von einer Polizistin freundlich begrüsst werden, bevor sie zu den kritischen Fragen ausholt: «Wohin fahren Sie? Warum fahren Sie ins Tessin?» Gesetzt wird auf den Effekt des schlechten Gewissens, unterstützt durch mehrere Kamera-Teams, die für ihre Fernsehsender den Einsatz filmen.

Wirken tut's ein bisschen: Neben dem erwähnten Obwaldner, konnte die Polizei eine «Handvoll ‹Besserwisser›» zur Umkehr überreden, schreibt später der «Blick».

Keine Deutschschweizer im Tessin, dafür viele Masken

Reportage Coronavirus watson am 10. April 2020

Wären am Mittag normalerweise voll: die Restaurants auf den Piazze in Lugano. bild: petar marjanović

Standort-Wechsel am Nachmittag. In Lugano brennt die Frühlingssonne fleissig die Plätze und Quais rund um den Lago di Lugano heiss. Das Thermometer zeigt im Schatten warme 25 Grad an. Dort, wo an normalen Tagen ganze Menschenscharen flanieren und ihren Coupe essen würden, hört man kein Schweizerdeutsch, kein Italienisch.

Bisschen mehr Leben herrscht auf der Piazza Alighieri Dante, wo sich der Eingang zum Manor befindet. Obwohl Karfreitag ist, haben Teile des Geschäfts offen. Die Sicherheitsleute koordinieren strikt das Tröpfli-System, weshalb sich eine fast 20 Meter lange Warteschlage bildet. Nicht, weil so viele Leute rein wollen, sondern weil man brav den Sicherheitsabstand einhalten will.

Reportage Coronavirus watson am 10. April 2020

Vor dem Manor: Ein paar Tessiner, die noch letzte Einkäufe im offenen Manor erledigen wollen. bild: petar marjanović

Das Anstehen nutzen viele Luganesen für einen kurzen Schwatz: «Ciao, wie geht es dir? Wie geht's der Mama?» Für Deutschschweizer ein ungewöhnlicher Anblick: Viele von ihnen tragen eine Maske. Sogar eine Zweier-Patrouille der Kantonspolizei marschiert mit Atemschutz durch die Gassen.

«Corona-Scham» macht sich breit

Reportage Coronavirus watson am 10. April 2020

Keine Pedalos, keine Boote, keine Schiffe: Am Hafen in Lugano blieb es ruhig. bild: petar marjanović

Was den ganzen Tag auffällt: Die wenigen Ausflügler und Tessin-Besucherinnen, die sich auf ein Gespräch einlassen, verlangen Anonymität. Ein schönes Portrait, für den Artikel und als Erinnerung? «Nein, sonst kassiere ich noch einen Zusammenschiss von meinen Arbeitskollegen!», sagt ein Mann, der rucksackbeladen mit seiner Frau am Bahnhof Lugano auf den EuroCity in Richtung Zürich wartet.

Sie stimmt ihm zu und lacht. «Das ist ja mittlerweile so lächerlich wie das mit dem Klima. Jeder will in die Ferien, aber niemand gibt zu, dass man den Flieger nimmt», sagt sie. Eine Art «Corona-Scham» also? Sie will nicht darauf eingehen und rechtfertigt sich: «Ja, nein. Irgendwann muss man einfach rausgehen, sonst dreht man im Home Office durch!»

Sars-Cov-2, Covid-19, Coronavirus – die wichtigsten Begriffe
Coronaviren sind eine Virusfamilie, die bei verschiedenen Wirbeltieren wie Säugetieren, Vögeln und Fischen sehr unterschiedliche Erkrankungen verursachen.

Sars-Cov-2 ist ein neues Coronavirus, das im Januar 2020 in der chinesischen Stadt Wuhan identifiziert wurde. Zu Beginn trug es auch die Namen 2019-nCoV, neuartiges Coronavirus 2019 sowie Wuhan-Coronavirus.

Covid-19 ist die Atemwegserkrankung, die durch eine Infektion mit Sars-Cov-2 verursacht werden kann. Die Zahl 19 bezieht sich auf den Dezember 2019, in dem die Krankheit erstmals diagnostiziert wurde.

News zum Coronavirus in der Schweiz und International. Die wichtigsten Fakten zum Coronavirus: Symptome, Übertragung, Schutz.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Woodi61 12.04.2020 00:20
    Highlight Highlight Karfreitag ist kein katholischer Feiertag, also bitte keine Überraschung, dass im Tessin die Läden offen haben könnten.
  • Garp 11.04.2020 22:26
    Highlight Highlight Ich weiss nicht wer die Kommentare hier freischaltet. Dass ich es für den Kropf finde, extra ins Tessin zu reisen, um zu sehen, wie die Vorgaben einhalten werden, sollte doch noch gesagt werden dürfen und das dann quasi als Qualitätjournalismus darstellen zu wollen.
    • Suchlicht 12.04.2020 09:29
      Highlight Highlight Ich wurde diesbezüglich auch zensiert.
    • flying kid 12.04.2020 10:04
      Highlight Highlight Ich wurde ebenfalls dafür zensiert und auf meine Nachfrage warum und mit mir per e-Mail Kontakt aufzunehmen (wie in den Regeln erwünscht) wurde auch nicht eingegangen.
      Leider wird watson immer mehr zu Blick- / 20min Sensations- / Boulevard- Journalismus.
      Sehr schade.
  • Eidi 11.04.2020 21:29
    Highlight Highlight Vor dem lokalen Bronco Vereinshäuschen standen gestern so um die 30 Harleys. Tolle Menschen.
    • AllknowingP 11.04.2020 23:06
      Highlight Highlight Ja guet Broncos :-)
  • Franz v.A. 11.04.2020 20:59
    Highlight Highlight Wohne an einer Hauptstrasse. Heute war hier die Hölle los! Mehr Verkehr als under der Woche. Zig Velo und Töff-fahrer, Etliche Autos. Jogger die keinen Milimeter ausweichen. Hunderte von Spaziergänger. Leute wollt ihrs einfach nicht begreiffen, dass wir Notsituation haben und das ganze alles andere als Spass ist? Bleibt verd.... nochmal einfach zu Hause! Egoismus ist nun wirklich fehl am Platz. Vor Corona habe ich noch nie soviele Jogger gesehen wie nun. Ist joggen eure Ausrede zum Rausgehen? Verwundert euch nicht, wenn nach Ostern die Kranken zunehmen. Ausgangsperre. JA!
    • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 11.04.2020 22:05
      Highlight Highlight Ausgangssperre: NEIN! Stattdessen is nur noch Auslauf für Alleingänger gestattet. So kann jeder mal raus, muss dies aber ganz alleine tun. Das wiederum dürfte aber vielen stinken, was mir dann auch wieder recht ist. Dann hat's ganz einfach mehr Platz für mich. 😛
  • Flunkie 11.04.2020 19:18
    Highlight Highlight Was genau ist eigentlich die Strategie dahinter, uns hier schon seit zwei Tagen damit vollzudröhnen, wie leer die Autobahn ist und wie brav die Obwaldner sind?

    Die Realität sehe ich, wenn ich das Fenster aufmache. Im Kleinbasel hocken die Jugendlichen zu zehnt vor den Take-aways, an der Wiese wuselts, und rausgehen kann man offenbar auch nur in Gruppen. Aargauer Dröhnkarren mit entsprechenden Jungstieren drumrum produzieren sich wie gehabt. Social distancing? Ahahaha! Aber darüber kein Wort - ist ja auch nur das mindere Basel, das interessiert keinen.
    • Kruk 11.04.2020 19:48
      Highlight Highlight Nicht nur in Basel. Ist wohl eine Strategie aus der Kinder erziehung, wenn sagt sie hätten etwas gut gemacht wollen sie es noch besser machen - oder so.
  • sansibar 11.04.2020 18:45
    Highlight Highlight Welcher Obwaldner? Gibt ja nicht so viele 😂😂
    • Aglaya 11.04.2020 19:46
      Highlight Highlight Ich arbeite in Obwalden, ich frage am Dienstag mal nach, wer das war 😉
  • ManOnTheMoon 11.04.2020 18:08
    Highlight Highlight «Das ist ja mittlerweile so lächerlich wie das mit dem Klima. Jeder will in die Ferien, aber niemand gibt zu, dass man den Flieger nimmt»

    Oder man geht einfach nicht mit dem Flieger in die Ferien! Ist imfall ganz easy!

    Was mir viel mehr auf die Nerven geht sind Leute die solche Ausreden benutzen. Steh dazu was du machst du hast die Flugreise ja selbst gebucht nicht deine Kollegen haben das für dich getan und jetzt musst du halt.
  • Octavius 11.04.2020 17:51
    Highlight Highlight Es gibt halt Leute ,denen muss man zu ihrem Glück und Gesundheit nachhelfen.Leider wird es noch so kommen,das wir alle dafür bestraft werden. Bin dann auf ihr Gejammer gespannt, denn diese Leute werden am lautesten jammern. An allen anderen,sage ich danke für eure Rücksichtnahme. Ein grosser Lob ,an Ärzte,Pfleger usw. die uns in dieser Schwieriger Zeit nicht in Stich lassen und unsere Politiker die ihre Arbeit gut machen. Schöne Ostern euch allen und haltet durch.
  • Serge Künzli 11.04.2020 17:18
    Highlight Highlight Ein Tipp an die Redaktion: Geht morgen mal in die Gegend der Werdinsel und Fischerweg. Die Leute, die sich dort aufhalten, haben meiner Einschätzung nach seit 2 Monaten keine Nachrichten mehr gelesen oder gehört. Hunderte von Joggern, Bikern aller Arten, Elektrotöffs. Ansammlungen von Menschengruppen. Abstand? Was soll das sein? Jogger hecheln schneuzend mit nacktem verschwitzten Oberkörper 20 cm an einem vorbei. Die ganze Welt steht still, die Wirtschfaft geht bachab und diesen – sorry der Ausdruck – Idioten geht es nur um den eigenen Egoismus. Ich bin echt fassungslos.
    • Lichtblau550 11.04.2020 20:38
      Highlight Highlight Die überbordende Zahl der Jogger nervt wirklich. Warum so viele? Weil: Muckibude zu.
    • DeSade 12.04.2020 00:24
      Highlight Highlight kaum zu ertragen! ich erlebe es jeden tag
    • Calpino 12.04.2020 09:28
      Highlight Highlight Hier in Winterthur Sennhof auf dem Rundweg genau das selbe. Oft staut sich die Menge auf dem nicht mal zwei Meter breiten Wanderweg, weil all die Spaziergänger, Wanderer, Radfahrer und Jogger gar nicht mehr aneinander vorbeikommen... die Welt ist verrückt geworden!
  • ghawdex 11.04.2020 17:04
    Highlight Highlight «Irgendwann muss man einfach rausgehen, sonst dreht man im Home Office durch!»

    Zum rausgehen muss man natürlich ins Tessin :-/
    • Scaros_2 11.04.2020 18:01
      Highlight Highlight Als Gamer - nein, man dreht nicht durch.
    • Garp 11.04.2020 18:24
      Highlight Highlight Auch einem Gamer tut frische Luft und Bewegung gut, als Ausgleich, gesundes Essen nicht vergessen und zwischendurch etwas ganz anders machen.
    • esmereldat 11.04.2020 20:02
      Highlight Highlight Ich bin auch Gamer, brauche den Ausgleich draussen aber auch. Menschen sind unterschiedlich 😉
  • flying kid 11.04.2020 16:54
    Highlight Highlight Dieser Beitrag wurde gelöscht. Bitte beachte die Kommentarregeln.

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