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NDB: Sicherheitslage der Schweiz wird jedes Jahr schlechter

Sicherheitslage der Schweiz wird jedes Jahr schlechter – NDB informiert

Der unberechenbare US-Präsident wirkt global destabilisierend, russische und chinesische Spionen sind in der Schweiz äusserst aktiv und die grösste Terrorgefahr geht von online radikalisierten Jugendlichen aus: Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem neusten Lagebericht des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB).
02.07.2025, 14:0702.07.2025, 18:08
christoph bernet / chmedia
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Terrorgefahr: Mehr Jugendliche radikalisieren sich online

Die Terrorbedrohung in der Schweiz ist gemäss dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) weiterhin erhöht. Am realistischsten seien mit einfachen Mitteln verübte Gewalttaten von Einzelpersonen oder Kleingruppen, schreibt der NDB in seinem am Mittwoch veröffentlichten Lagebericht 2025.

Die Terrorbedrohung sei weiter geprägt vom Phänomen der dschihadistische Online-Radikalisierung. «Besonders beunruhigend ist die Zunahme von Fällen mit sehr jungen Menschen», sagte NDB-Direktor Christian Dussey bei der Präsentation des Berichts. Jugendliche seien ideologisch oft flexibel. Die Faszination für Gewalt spiele in der Regel eine grössere Rolle als Ideologie.

Die Radikalisierung beginne oftmals mit der Nutzung sozialer Medien, wo Jugendliche auf offenen Plattformen erstmals mit dschihadistischen Inhalten in Berührung kommen, bevor sie sich in abgeschirmten und radikaleren Online-Kreisen fortsetze. Diese Prozesse erfolgten oft innert kurzer Zeit und seien schwierig zu erkennen.

Im letztjährigen Lagebericht wurde die Terrorbedrohung noch als «erhöht und akzentuiert» beurteilt. Auf Rückfrage erläutert NDB-Direktor Dussey, man habe im vergangenen Jahr viele erfolgreiche Operationen gegen radikalisierte Jugendliche durchgeführt, darunter mehrere Verhaftungen.

Das zeigt sich auch in den Zahlen: Der NDB führte 2024 55 genehmigungspflichtige Massnahmen im Bereich Terrorismus durch. 2023 waren es null, 2022 drei.

Ohne Details zu nennen, sagte Dussey, der NDB habe in den vergangenen zwei Jahren mehrere Terroranschläge aus dem islamistischen Spektrum in der Schweiz und im Ausland verhindert.

Die Schweiz im Fokus von Spionen

Auch die Spionagebedrohung in der Schweiz bleibt gemäss NDB hoch. Das Land bleibe ein bevorzugter Operationsraum für Spionage in Europa.

Die grösste Bedrohung geht laut NDB weiterhin von Russland und China aus. Die beiden Staaten unterhalten an ihren diplomatischen Vertretungen eine starke Präsenz von Geheimdienstmitarbeitenden. China und Russland hätten die Mittel, Ziele innerhalb der Bundesbehörden, Polizeikorps, Firmen, internationalen Organisationen oder Hochschulen «nachrichtendienstlich zu bearbeiten», wie es im Jargon heisst.

FILE - Flagpoles line in rows in front of a building of the United Nations in Geneva, Switzerland, June 14, 2021. (AP Photo/Markus Schreiber, File)
UN 80th Anniversary
Das internationale Genf ist ein Tummelplatz für Spione.Bild: keystone

Cyber: Gefahr für den Technologiestandort Schweiz

«Neben der traditionellen Spionage intensiviert sich auch die Cyberspionage erheblich», erläuterte NDB-Direktor Dussey. Interessante Ziele seien Firmen und Forschungseinrichtungen in den Bereichen Rüstung und neue Technologien.

Für Betreiber kritischer Infrastrukturen sind Cyberangriffe durch russische und andere staatliche Akteure eine «bedeutende Bedrohung». Im Rahmen der hybriden Konfliktführung könnten diese «gezielte, kinetisch oder mit Cybermitteln durchgeführte Sabotageangriffe auf kritische Infrastrukturen in der Schweiz» durchführen.

Links- und Rechtsextremismus verändert sich kaum

Die Bedrohung aus der gewalttätigen Szene der Links- und Rechtsextremen bleibt gemäss NDB «auf erhöhtem Niveau und stabil». Das Gewaltpotenzial der gewalttätigen linksextremen Szene sei hoch, richte sich aber wohl auch zukünftig in erster Linie gegen Sachen.

Die gewaltbereite rechtsextreme Szene treffe sich vornehmlich im Geheimen und versuche mit Videos gewaltfreier Aktionen Publizität zu erhalten. Allerdings sei im rechtsextremen Spektrum mit mehr Fällen von jungen Menschen zu rechnen, die sich online radikalisieren und terroristische Absichten entwickeln.

Globale Konfrontation zwischen China und den USA

Die internationale Ordnung befindet sich im Umbruch. «Die Rivalität zwischen den USA und China wird die globale Sicherheitspolitik in den nächsten Jahren tiefgehend prägen», sagte NDB-Chef Dussey. Die Sicherheitslage im Umfeld der Schweiz verschlechtere sich von Jahr zu Jahr.

Die turbulenten ersten sechs Monate der neuen US-Regierung unter Donald Trump haben den NDB die globale Lage neu einschätzen lassen. Bislang ging er von der Herausbildung zweier Sphären aus: Auf der einen Seite freiheitlich-demokratische Staaten unter Führung der USA, auf der anderen Seite die «eurasischen Autokratien» China, Russland, Nordkorea und Iran.

Mit Trumps Rückkehr ins Weisse Haus sei die US-Politik unvorhersehbarer geworden. Das wirke global destabilisierend. Trumps Aussen- und Sicherheitspolitik lasse sich als «nationalistisch» beschreiben. Es sei ungewiss, in welchem Ausmass die USA künftig als globale Ordnungsmacht agieren. Trump lehne die von den USA geprägte liberale internationale Ordnung ab. Dies mache das bisher skizzierte Bild zweier konkurrenzierender Sphären zwar «nicht obsolet, aber komplexer».

epa12206544 An undated photo released by Xinhua on 30 June 2025 shows a fighter jet landing on an aircraft carrier at an undisclosed location at sea. China's naval formations of two aircraft carr ...
Ein chinesischer Kampfjet landet auf einem Flugzeugträger.Bild: keystone

Die Sicherheit Europas infrage gestellt

Trump hat zumindest rhetorisch die transatlantische Verteidigungsallianz infrage gestellt, was Europa stark verunsichert hat. Seine Administration habe Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Artikel 5 des Nato-Vertrags (Beistandsklausel) aufkommen lassen, schreibt der NDB.

Trotz deutlich höheren Verteidigungsausgaben blieben die europäischen Staaten sicherheitspolitisch «auf Jahre hinaus von den USA abhängig». Sollte Trump die US-Militärpräsenz in Europa signifikant reduzieren und die Beistandsklausel beerdigen, gebe es in Europa bis mindestens 2030 eine Sicherheitslücke. Ein solches «Albtraumszenario für Europa» bedeute auch für die Schweiz weniger Schutz.

Ukraine-Krieg und Konfrontation mit Russland

Russlands Präsident Wladimir Putin sitze innenpolitisch fest im Sattel und räume dem Krieg gegen die Ukraine weiterhin höchste Priorität ein, hält der NDB fest. Russland sei militärisch nicht unter Druck, um sich auf von den USA forcierte Friedensverhandlungen einzulassen.

Russian President Vladimir Putin, front left, and Kyrgyz President Sadyr Japarov, right, shake hands during their meeting at the Grand Kremlin Palace at the Kremlin in Moscow, Russia, Wednesday, July  ...
Putin bei einem Treffen mit dem kirgisischen Präsidenten.Bild: keystone

Eine fragile Waffenruhe würde Russland Zeit verschaffen, sein militärisches Potenzial weiter auszubauen. Putins Ziel sei die Wiedererlangung von Russlands Status als imperiale Grossmacht.

Bedroht dadurch seien über die Ukraine hinaus vor allem Moldawien und die baltischen Staaten. Solange der Krieg in der Ukraine mit hoher Intensität weitergehe, könne Russland nicht parallel auch die Nato direkt konventionell herausfordern.

Denkbar sei jedoch, dass Putin mit hybriden Operationen im Baltikum zunächst austestet, wie gut die Beistandsklausel der Nato funktioniert und dann bei günstiger Gelegenheit militärisch zuschlagen könnte.

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101 Kommentare
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Glungge-Bur
02.07.2025 14:35registriert November 2022
Es wäre bald an der Zeit dass der Bundesrat die Zeichen der Zeit erkennt, die notwendigen Konsequenzen zieht, handelt und die Botschaften Russland und China in der Schweiz geschlossen werden und die Botschafter und inkl. Personal (Spione etc.??!!) als unerwünschte Personen erklärt werden und sofort ausgewiesen werden das heisst auf "Nimmerwiedersehen"!!
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Massalia
02.07.2025 15:18registriert Juni 2021
Und das, obwohl man dem NDB mit den neuen NDG und BüPF nahezu sämtliche Befugnisse zur Überwachung gegeben hat? Wie kann das sein?

Das Argument des NDB war doch, dass es uns im Gegenzug zur Beschränkung unserer Freiheitsrechte Sicherheit bringen würden.

Und nun haben wir weder das eine noch das andere.

Genau das Szenario, vor dem die Linken, Juristen und Menschenrechtsorganisationen gewarnt haben.
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bitzliz'alt
02.07.2025 14:37registriert Dezember 2020
... was all wissen, aber niemand thematisiert: Genf ist eine grosse Belastung für die Schweiz! Politische Morde, die nicht aufgeklärt werden, Büros von Terrororganisationen (legal), UN-Büros die man nur über Nebeneingänge besuchen kann .... Ob jeder 2. Genfer mit Spionage oder Gegenspionage beschäftigt ist....?
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