Den Speicherseen gehe es gut, sagt Rösti – ein Gletscherforscher schlägt Alarm
Kürzlich lud Energieminister Albert Rösti zu einem Spaziergang in Luzern. An seinem traditionellen Sommer-Mediengespräch redete er über Atomkraftwerke, die Biodiversität – und über den Füllungsgrad der Schweizer Speicherseen. Vielleicht lag es daran, dass sich in jenem Moment gerade eine Gewitterzelle über Luzern entlud, aber Rösti sagte sinngemäss: Um die Schweizer Energiespeicher sei es derzeit ziemlich gut bestellt.
Die Zahlen seines eigenen Bundesamts zeichnen ein anderes Bild. Die Schweizer Stauseen sind derzeit lediglich zu 43 Prozent gefüllt. Das sind rund 15 Prozentpunkte weniger als im langjährigen Durchschnitt – und auch deutlich weniger als zum gleichen Zeitpunkt im Krisenjahr 2022. Damals traten Wirtschaftsminister Guy Parmelin und Röstis Vorgängerin Simonetta Sommaruga Ende Juni eigens vor die Medien, um in ernstem Ton vor einer angespannten Versorgungslage zu warnen.
Von einer vergleichbaren Alarmstimmung ist heute wenig zu spüren. Aus Röstis Generalsekretariat heisst es bloss: Der Energieminister liege mit seiner Einschätzung richtig. Bei den verfügbaren Daten zum Füllungsgrad handle es sich um Prognosen für den nächsten Winter, wobei der Höhepunkt des Wasserstands erst im Herbst erreicht werde. Bis dahin könne man durchaus mit einer grossen Menge Niederschlag rechnen.
Klöntaler Stauwerk drosselt Produktion
Tatsächlich erreichen die Seen ihren Höchststand meist Anfang Oktober, bevor die Stromfirmen mit Beginn der Heizperiode wieder die Produktion hochfahren.
Ganz unbesorgt klingt es allerdings auch in der Strombranche nicht. Ein Sprecher der Axpo redet zwar ebenfalls von einer «Momentaufnahme», die sich im Verlauf des Sommers noch deutlich verbessern könne. Gleichzeitig räumt er ein, dass sich die Speicher in diesem Jahr langsamer füllen als üblich. «Um dies auszugleichen, gibt es zwei Szenarien», sagt er. «Entweder es gibt mehr Niederschläge, oder die Stromproduktion wird eingeschränkt.»
Letzteres geschieht bereits am Klöntalersee im Kanton Glarus. Der See wird nicht direkt von einem Gletscher gespeist, sondern aus einem 83 Quadratkilometer grossen Einzugsgebiet in den Glarner Alpen – einer Region, für die der Bund derzeit «extreme Trockenheit» ausweist. Um Wasser zu sparen, hat die Axpo die Turbinen ihres Wasserkraftwerks gedrosselt. «Im Juni wurde entsprechend sehr wenig turbiniert.»
ElCom-Chef: «Es bestehen grosse Unsicherheiten»
Noch deutlicher äussert sich Urs Meister, Geschäftsführer der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom): «Noch ist die Situation nicht prekär, aber wir beobachten die Lage sehr genau. Es bestehen grosse Unsicherheiten.»
Der Grund: Gut gefüllte Wasserspeicher könnten im kommenden Winter wichtiger werden als in den vergangenen Jahren. Wegen des Kriegs zwischen den USA und Iran haben sich die Rahmenbedingungen auf dem europäischen Gasmarkt verschlechtert. Gleichzeitig bewegen sich auch die Schweizer Nettoimporte von Strom unter dem langjährigen Mittel.
Hinzu kommt, dass nicht nur der Frühling aussergewöhnlich trocken verlief, sondern bereits der Winter wenig Schnee brachte. Das Bundesamt für Wirtschaftliche Landesversorgung schreibt in seiner aktuellen Lagebeurteilung: «Die Schneereserven sind unterdurchschnittlich im Vergleich zu den Vorjahren und nehmen derzeit stark ab.»
Das spüren auch die Schweizer Gletscher. «Ihnen geht es schlecht», sagt ETH-Glaziologe Matthias Huss. Bereits Ende Juni hatten sie ihre Reserven aus dem vergangenen Winter aufgebraucht – der zweitfrüheste Zeitpunkt seit Messbeginn. Seither schmelzen sie in rasantem Tempo. «Zwischenzeitlich hätte man mit dem Schmelzwasser alle sechs Sekunden ein olympisches Schwimmbecken füllen können», sagt Huss.
Für die Speicherseen ist das zumindest mittelfristig eine gute Nachricht. Bis dahin bleibt nicht viel anderes übrig, als auf Niederschläge zu hoffen – auch wenn in den nächsten Tagen damit kaum zu rechnen ist. Sicher ist: Um die Speicherseen zu füllen, bedarf es deutlich mehr als nur eines Gewitters. (schweizheute.ch)
