Nicht KI, nicht Trumps Zölle – diese Sorge belastet Schweizer KMU am stärksten
Die Weltwirtschaft wackelt, die Kosten steigen, Personal bleibt knapp – und trotzdem blicken Schweizer KMU erstaunlich gelassen nach vorne. Laut der neuen KMU-Arbeitsmarktstudie der AXA, die vom Forschungsinstitut Sotomo durchgeführt wurde, halten es 86 Prozent der befragten kleinen und mittleren Unternehmen für wahrscheinlich, dass ihr Betrieb auch in zehn Jahren noch existiert.
Das ist bemerkenswert, denn gleichzeitig beurteilen 43 Prozent der KMU die wirtschaftliche Lage in ihrer Branche als unsicher. Die Studie basiert auf einer Onlinebefragung von 336 Schweizer KMU mit mindestens fünf Beschäftigten aus der Deutsch- und Westschweiz. Sie wurde im März 2026 durchgeführt und das sind die acht wichtigsten Erkenntnisse:
Steigende Kosten die grösste Sorge
Der wichtigste Belastungsfaktor ist nicht KI, nicht China, nicht Trump – sondern der Alltag in der Buchhaltung. 65 Prozent der KMU sagen, steigende Kosten hätten ihnen in den letzten zwei Jahren zunehmend Sorgen bereitet. Damit liegt der Kostendruck deutlich vor dem Konkurrenzdruck in der Schweiz (29 Prozent) und der abnehmenden Kundenloyalität (26 Prozent).
Bei international vernetzten Firmen kommen weitere Sorgen hinzu: 33 Prozent klagen über zunehmenden Konkurrenzdruck aus dem Ausland, 28 Prozent über Abhängigkeiten von anderen Ländern und 27 Prozent über Wechselkursrisiken.
Viele Betriebe reagieren bereits: Drei Viertel der KMU haben laut Studie Massnahmen getroffen, um besser mit wirtschaftlichen Unsicherheiten umgehen zu können. International vernetzte Unternehmen diversifizieren häufiger ihr Angebot, ihre Absatzmärkte und ihre Lieferketten.
Schweizer KMU verlieren Vertrauen in die USA
Besonders auffällig ist der Blick auf die globalen Wirtschaftsstandorte. Aus Sicht der KMU gewinnen in den nächsten fünf Jahren vor allem zwei Standorte an Bedeutung: die Schweiz und China. Je 44 Prozent der befragten Unternehmen erwarten, dass diese wirtschaftlich wichtiger werden. Bei den USA sieht es anders aus: Nur 19 Prozent rechnen mit einem Bedeutungsgewinn, fast ein Drittel erwartet einen Bedeutungsverlust.
Noch deutlicher ist der Befund bei der Innovationskraft. Die Schweiz wird von 63 Prozent der KMU als innovationsstark für die eigene Branche bewertet. China kommt auf 45 Prozent. Die USA dagegen nur auf 31 Prozent – ein erstaunlich tiefer Wert für ein Land, das lange als technologischer Taktgeber galt.
Sotomo-Geschäftsführer Michael Hermann deutet dies in der Medienmitteilung unter anderem damit, dass Schweizer KMU oft in Nischen tätig seien, in denen die USA weniger innovationstreibend wirkten. Möglich sei aber auch, dass die politischen Turbulenzen der letzten Jahre das Vertrauen in die US-Innovationskraft beschädigt hätten.
IT-Abhängigkeit von den USA gibt zu denken
Die Skepsis gegenüber den USA zeigt sich auch digital. 57 Prozent der KMU machen sich Sorgen über ihre Abhängigkeit von IT-Lösungen aus den USA – etwa bei Cloud-Diensten.
Konkrete Konsequenzen ziehen aber erst wenige: 13 Prozent sind bereits auf europäische Alternativen umgestiegen, 15 Prozent planen eine Umstellung. Die grösste Gruppe – 29 Prozent – hat zwar Bedenken, aber noch keine konkreten Massnahmen ergriffen.
Die Studie zeigt damit ein typisches KMU-Dilemma: Das Problem ist erkannt, der Ausstieg aber schwierig.
Arbeitskräftemangel besonders in der Produktion
Der Arbeitskräftemangel bleibt eine der grössten Herausforderungen. 41 Prozent der KMU nennen ihn als zentrales Problem. Zwar liegt der Wert leicht unter dem Vorjahr, doch von Entspannung kann kaum die Rede sein.
Besonders angespannt ist die Lage im produzierenden Gewerbe. Dort ist der Anteil der Betriebe mit Rekrutierungsproblemen seit 2022 von 45 auf 65 Prozent gestiegen. Im Dienstleistungssektor blieb der Wert dagegen relativ stabil.
Der Unterschied liegt in der Art des Mangels: In der Produktion fehlt es oft schlicht an Bewerbungen. 49 Prozent der produzierenden KMU sagen, sie erhielten zu wenige oder gar keine Bewerbungen. Bei den Dienstleistern sind es 26 Prozent. Dort ist häufiger das Problem, dass Bewerberinnen und Bewerber nicht die passenden Fachkenntnisse mitbringen.
Oder anders gesagt: Die Dienstleister haben vor allem ein Fachkräfteproblem. Die Produktion hat zunehmend ein allgemeines Arbeitskräfteproblem.
Mehr Arbeitslose lösen das Problem nicht automatisch
Das ist umso bemerkenswerter, als die Arbeitslosenquote in der Schweiz wieder gestiegen ist – laut Studie von 1,9 Prozent im Juni 2023 auf 3,1 Prozent im März 2026.
Bei den KMU kommt diese Entspannung aber kaum an. Zwar sagen 20 Prozent, die Suche nach Arbeitskräften sei einfacher geworden. Gleichzeitig empfindet rund ein Drittel den Rekrutierungsprozess als schwieriger, und 42 Prozent sehen gar keine Veränderung.
Die Studie deutet damit auf eine wachsende Diskrepanz hin: Es gibt mehr Stellensuchende, aber sie passen offenbar oft nicht zu den Anforderungen der Betriebe.
Lieber Lehre als Studium
Besonders deutlich wird diese Spannung beim Thema Ausbildung. Ein Drittel der KMU erwartet, in den nächsten fünf Jahren eher weniger Akademikerinnen und Akademiker einzustellen. Nur 15 Prozent planen, mehr Hochschulabsolventen zu rekrutieren. 42 Prozent rechnen mit einer stabilen Entwicklung.
Noch klarer ist die Empfehlung an Jugendliche: 63 Prozent der KMU würden Schulabgängerinnen und Schulabgängern heute eher zu einer Berufslehre raten als zu einem Hochschulabschluss. Im produzierenden Gewerbe sind es sogar 70 Prozent.
Auch für Führungspositionen ist ein Studium in vielen KMU kein Muss. Für gut zwei Drittel der Betriebe ist ein Hochschulabschluss keine wichtige Voraussetzung für eine Führungsrolle. In der Produktion sagen das sogar 79 Prozent.
Das ist ein starkes Signal in einem Land, in dem die Zahl der Hochschulabschlüsse seit Jahren steigt: Aus Sicht vieler KMU zählt praktische Erfahrung mehr als ein akademischer Titel.
KI ist angekommen – aber sie ersetzt kaum Jobs
Künstliche Intelligenz ist in den KMU kein Zukunftsthema mehr. 74 Prozent der Betriebe nutzen oder erproben KI bewusst. Der grosse Sprung fand bereits im Vorjahr statt; nun stabilisiert sich die Nutzung auf hohem Niveau.
Am häufigsten setzen KMU KI für Übersetzungen (47 Prozent), Korrespondenz (42 Prozent) und Werbetexte (35 Prozent) ein. Zulegen konnten vor allem Prozessoptimierung und Datenanalysen. An der Kundenschnittstelle stagniert der Einsatz dagegen – womöglich, weil Unternehmen Reputationsrisiken fürchten.
Trotzdem erwarten die KMU keinen grossen Stellenabbau. Nur 12 Prozent der KI-nutzenden Betriebe rechnen damit, durch KI Personal reduzieren zu können. Viel häufiger sehen sie Zeitersparnis ohne Veränderung des Personalbedarfs.
Das Fazit der Studie: KI wird von den KMU vor allem als Effizienzwerkzeug verstanden – nicht als disruptive Kraft, die Geschäftsmodelle oder Belegschaften grundlegend umpflügt.
Fehlzeiten werden teurer – und psychische Belastungen nehmen zu
Neben Personalmangel und Kosten rückt ein weiteres Thema stärker in den Fokus: Fehlzeiten. 42 Prozent der KMU berichten, dass die Kosten von Personalausfällen in den letzten fünf Jahren gestiegen sind. Bei grossen KMU sind es sogar 62 Prozent. Zugenommen haben laut Studie auch Ausfälle wegen psychischer Belastungen. Gut ein Drittel der KMU ist mittelmässig oder stark davon betroffen – zehn Prozentpunkte mehr als 2023.
Interessant ist der Zusammenhang mit der Führungskultur: Betriebe, die auf Freiheit und Eigenverantwortung setzen, berichten deutlich seltener von psychisch bedingten Ausfällen (27 Prozent) als Unternehmen ohne dieses Leitprinzip (43 Prozent). Gleichzeitig klafft eine Lücke zwischen Problembewusstsein und Massnahmen. Zwei Drittel der KMU sehen die mentale Gesundheit als Führungsaufgabe. Doch 25 Prozent ergreifen gar keine spezifischen Massnahmen gegen psychisch bedingte Fehlzeiten.
