Der Ausbau der Wasserkraft stockt – und Macher Rösti wirkt plötzlich unentschlossen
Staudämme galten als perfekte Lösung für die Energiewende. Das Stromgesetz mit 16 Projekten des Runden Tisches Wasserkraft wurde im Juni 2024 mit fast 70 Prozent Ja-Stimmen gutgeheissen. Doch jetzt zeigt der interne Bericht einer «technischen Begleitgruppe», die Bundesrat Albert Rösti eingesetzt hat: Die Energiebranche hat bei der Selbstdeklaration ihrer Projekte massiv übertrieben – und seine Mitarbeitenden haben Angaben unkritisch übernommen. Über ein Drittel der Staudämme und der Erweiterungen kann nicht gebaut werden.
Im Detail ist die Kritik vernichtend. «Keine Voruntersuchung vorhanden», heisst es im Bericht der «technischen Begleitgruppe» bei 5 von 16 Wasserkraftprojekten, die bereits in 14 Jahren den begehrten Winterstrom liefern sollten. «Verdreifachung Kosten» und «Planung verzögert wegen Konzessionserneuerung», heisst es bei weiteren Vorhaben, «hohe Komplexität wegen Strassenverlegung» oder auch «neuer Speicher nicht sinnvoll nutzbar».
Nur noch 1248 statt 2031 GWh Winterstrom
Laut der internen Analyse, die dieser Zeitung vorliegt, müssen neun Energieprojekte stark redimensioniert werden oder sie verzögern sich, bei weiteren gibt es kleinere Einbussen. Zwei Projekte – Gougra am Lac de Moiry und Oberaletsch – fallen unter den minimalen Schwellenwert von 50 Gigawattstunden (GWh) Winterstrom, den der Runde Tisch vor fünf Jahren definiert hatte. Sie sollen trotzdem realisiert werden. Nur gerade eines der Projekte, der bestehende Stausee am Lago del Sambuco, soll nach einer Erhöhung der Staumauer mit einem Plus von 12 GWh etwas mehr Strom liefern als ursprünglich geplant.
Die Angaben stammen aus einer Umfrage des Bundesamtes für Energie bei Stromerzeugern und galten bisher als geheim. Verschiedene Medien hatten vor einem Jahr vergeblich versucht, unter Berufung aufs Öffentlichkeitsprinzip an die Informationen zu gelangen. Wer die Analyse liest, versteht, dass die Behörden kein Interesse an einer Offenlegung haben – bis sie neue Lösungsansätze vorweisen können.
Insgesamt rechnen die Experten des Bundes derzeit mit einem zusätzlichen «Potenzial» von 1248 statt wie geplant 2031 GWh (s. Tabelle). Sie gehen dabei optimistisch vor und rechnen damit, dass die Erhöhung der Staumauer am Marmorerasee bis 2040 möglich ist, obwohl sich die Kantone Zürich und Graubünden noch immer nicht über eine Konzessionserneuerung einigen konnten und vor dem Bau eine Verlegung der Julierpassstrasse erforderlich ist.
Das mit Abstand umstrittenste und grösste Projekt am Gornergletscher bei Zermatt hat die «technische Begleitgruppe» dagegen nach unten korrigiert: Schon letztes Jahr hatte der Energiekonzern Alpiq mitgeteilt, das Projekt werde 70 Prozent teurer und liefere künftig 100 GWh weniger als geplant. Jetzt heisst es im Bericht, dass neu statt 650 lediglich noch ein «Potenzial» von 419 GWh ab dem Jahr 2040 bereitstehen könne. Der Grund: In früheren Berechnungen seien zwei andere Kraftwerke fälschlicherweise mitgerechnet worden.
Rösti sucht Ersatz – und findet neue Konflikte
Wegen der grossen Umsetzungsprobleme ging Energieminister Rösti letztes Jahr in die Offensive und liess das Bundesamt für Energie ermitteln, welche Ersatzprojekte nachrücken könnten. In einem Interview mit dieser Zeitung kündigte er an, die neuen Staudammprojekte im ersten Quartal 2026 vorzustellen. Doch dann war Funkstille. Zwar liegt eine neue Liste mit 23 konkreten Vorhaben seit Monaten vor und wurde von der «technischen Begleitgruppe» bezüglich Stromproduktion und Umwelteingriff bewertet. Sie gilt aber auch als vertraulich.
Zuoberst figuriert darauf der grosse Staudamm im Unesco-Welterbegebiet des Aletschgletschers, an zweiter Stelle ein Projekt im unberührten Val Curciusa, das bereits in den 1990er-Jahren nach mehreren Bundesgerichtsentscheiden versenkt worden war. Ähnlich umstritten dürften Projekte am Fieschergletscher und am Zevreilasee sein.
Röstis Begleitgruppe möchte ausgerechnet diese umstrittensten Kraftwerksbauten weiterverfolgen und schlägt stattdessen vor, neun andere Projekte von der Liste zu streichen. Begründung: weil der Staumauerstandort bis 2040 nicht gletscherfrei sei, wegen fehlender technischer Machbarkeit oder weil sich wie an der Grande-Dixence zu viele Projekte gegenseitig konkurrenzieren. Offenbar hat man im Bundesamt für Energie realisiert, dass man die Angaben der Energiekonzerne nicht ungeprüft übernehmen kann.
Neue Staudämme in geschützten Landschaften
Konkret liegen im Bericht nun vier Optionen mit diversen Subvarianten vor, die auf Widerstand stossen und auch intern umstritten sind – zwischen Röstis Mitarbeitenden in den Bundesämtern für Energie respektive für Umwelt. Die erste Option nimmt keinerlei Rücksicht auf Naturschutzgebiete und inventarisierte Landschaften und favorisiert oben genannte Projekte wie Aletsch- und Fieschergletscher, weil sie netto am meisten Strom liefern sollen; eine zweite verzichtet auf Projekte in Biotopen von nationaler Bedeutung, die schon am ersten Runden Tisch ausdrücklich ausgeschlossen worden waren, wie zum Beispiel Curciusa; eine dritte verzichtet auf neue Staumauern im Bereich von Unesco-Welterbestätten, eine vierte kombiniert alle Einschränkungen. Je nach Variante soll laut der Analyse auf längere Sicht ab etwa 2050 zusätzlicher Strom im Umfang von 488 bis 810 GWh generiert werden – für Kosten von bis zu 3,5 Milliarden Franken.
Fünf führende Umweltorganisationen haben in einer ersten Stellungnahme zuhanden des Umweltdepartement die in ihren Augen einseitigen Ausbauvorschläge mit Eingriffen in Schutzgebiete kritisiert: Sie würden den gesetzlichen und verfassungsrechtlichen Grundlagen und dem guten Geist des Runden Tisches widersprechen. Während allen voran der WWF sowie Pro Natura und der Fischereiverband beim ersten Runden Tisch unter Leitung von Bundesrätin Simonetta Sommaruga zu weitgehenden Kompromissen bereit waren, ist jetzt die Stimmung gekippt.
Umweltverbände gehen auf Distanz
Zusammen mit der Stiftung Landschaftsschutz und der Gewässerschutzorganisation AquaViva warnen die drei Schutzverbände davor, am Runden Tisch beschlossene Projekte vorschnell aus der Liste zu streichen und durch solche mit massiveren Umweltschäden zu ersetzen. Die Analyse des Bundes habe nur wenige Projekte selektioniert, die weder rascher noch günstiger noch umweltverträglicher seien. Sie verlangen die Erweiterung von Stauseen an ohnehin vorbelasteten Standorten und mit geringen Eingriffen in Biodiversität und Landschaft, beispielsweise bei der Grande-Dixence, in Veytaux und am Lac de l’Hongrin.
Seit dieser Rückmeldung ruht das Dossier Wasserkraft. Im Bundeshaus heisst es, Albert Rösti sei überrascht über die vielen offenen Probleme in seinen Ämtern. Nicht nur der Ausbau der Stauwerke, auch die ökologische Sanierung der Wasserkraft ist nicht auf Kurs, wie die Eidgenössische Finanzkontrolle in einem Bericht monierte. Diese müsste bis 2030 fertiggestellt werden, doch inzwischen sind die Subventionen ausgegangen, weshalb die Energiebranche zusätzliche Mittel fordert. Auch beim Restwasser ist im Hitzesommer 2026 das Problembewusstsein gestiegen.
Albert Rösti will sich Zeit nehmen
Laut Verwaltungsinsidern wollte Energieminister Albert Rösti zunächst ein grosses Wasserkraftpäckli schnüren, um die diversen Probleme zu lösen. Doch das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Der SVP-Magistrat fürchtet sich vor einem neuen Referendum und hat das Dossier mehrfach vertagt. Intern wird der Macher für einmal als unentschlossen wahrgenommen.
Mitarbeitende vermuten, dass der Departementschef die Volksabstimmung zur «Blackout»-Initiative vom Frühling 2027 über Atomenergie abwarten möchte, um die Meinungsbildung der Bevölkerung in Energiefragen besser zu spüren. Seine Sprecherin Franziska Ingold hält den Ball flach: «Wir haben vieles aufgegleist.» Nach zwei Sitzungen am Runden Tisch habe sich gezeigt, dass «die Ergänzung der Liste unter anderem aufgrund von Schutzanliegen höchst herausfordernd» sei. Sie lässt durchblicken, dass sich die Departementsspitze «genügend Zeit nehmen und vorerst auf die Projekte des Runden Tisches konzentrieren will».

