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Ein neues AKW? BKW-Produktionschefin sagt: «Nicht realistisch»

Ein neues AKW? «Nicht realistisch»

Die neue BKW-Produktionschefin Margarita Aleksieva warnt vor zu grossen Hoffnungen in neue Kernkraftwerke. Sie setzt auf bestehende AKW, Wind- und Wasserkraft – und fordert deutlich schnellere Bewilligungsverfahren.
18.10.2026, 17:0218.10.2026, 17:02
Benjamin Rosch
Benjamin Rosch
BKW-Produktionschefin Margarita Aleksieva kämpft für den EU-Stromdeal: «Abschottung führt zu höheren Systemkosten.»
Margarita Aleksieva kämpft für den EU-Stromdeal: «Abschottung führt zu höheren Systemkosten.»Bild: Valentin Hehli/CH media

In die Schweiz kam Margarita Aleksieva wegen eines Jobs beim damaligen Energieversorger Atel, der heute zum Alpiq-Konzern gehört. Zwei Jahre wollte die gebürtige Bulgarin bleiben. Daraus sind inzwischen 20 geworden. Aleksieva hat den Schweizer Pass, stimmt ab und engagiert sich in Vereinen an ihrem Wohnort in der Nähe von Baden AG. Und sie hat hier Karriere gemacht: Seit sechs Monaten sitzt sie in der Konzernleitung der BKW und ist dort für die Energieproduktion verantwortlich. Eine besondere Leidenschaft hat sie für die Windenergie. Schon in ihren ersten Jahren bei Atel schlug sie der Geschäftsleitung ein Windprojekt vor – und blitzte ab. Die Windkraft galt damals als zu exotisch, heute ist sie weltweit etabliert, aber in der Schweiz äusserst unbeliebt.

Geht der Schweiz in diesem Winter der Strom aus?
Margarita Aleksieva: Ich würde sagen: keine Panik. Die Schweiz verfügt über ein sehr zuverlässiges Stromsystem.

Dann übertreiben die Warner?
Ich will die Risiken nicht kleinreden. Gerade im Winter sind wir strukturell auf Stromimporte angewiesen. Wenn mehrere ungünstige Faktoren gleichzeitig zusammenkommen – tiefe Füllstände der Speicherseen, geringe Produktion im Ausland, Ausfälle französischer Kernkraftwerke, eine Dunkelflaute in Deutschland oder eingeschränkte Importmöglichkeiten –, kann sich die Lage deutlich anspannen.

Die Speicherseen liegen derzeit tief. Wie problematisch ist das?
Eigentlich müssten wir zu diesem Zeitpunkt ungefähr bei 85 Prozent liegen, tatsächlich sind es gut 70 Prozent. Wie problematisch das wird, hängt vor allem vom Verbrauch und den Temperaturen zwischen Oktober und März ab. Kritisch wird es, falls wir zwischen Dezember und Februar die üblichen Importe nicht mehr hereinbekämen und gleichzeitig eine sehr kalte Periode mit wenig Solarproduktion hätten.

Hat die BKW Krisenpläne in der Schublade?
Wir haben immer Krisenpläne. Wir planen unseren Bedarf rollend. Dabei hilft unser diversifiziertes Portfolio. Zudem sichern wir unsere Positionen im Voraus ab – sowohl über die eigene Produktion als auch am Markt.

Zur Person
Die Betriebswirtin Margarita Aleksieva, 44, ist seit April 2026 Mitglied der Konzernleitung der BKW mit Sitz in Bern und verantwortlich für die Energieproduktion. Zuvor leitete sie während sechs Jahren den Geschäftsbereich Wind und Solar und trieb insbesondere den Ausbau der Windenergie in Europa voran. Vor ihrem Wechsel zur BKW war Aleksieva unter anderem beim Energiekonzern Alpiq sowie im Management eines Infrastrukturfonds tätig. Sie sitzt in mehreren Verwaltungsräten, darunter bei den Kraftwerken Oberhasli und beim Entwicklungsfinanzierungsfonds des Bundes Sifem. Aleksieva besitzt die schweizerische und die bulgarische Staatsbürgerschaft und lebt mit ihrer Familie im Kanton Aargau, in der Nähe von Baden.

Könnte die Schweiz im Notfall nicht einfach mehr Strom importieren?
Es gibt physische Grenzen. Die Schweiz verfügt über 41 Höchstspannungsverbindungen zu ihren Nachbarländern, und diese Leitungen haben begrenzte Kapazitäten. Entscheidend ist zudem, ob die Nachbarländer im jeweiligen Moment genügend Überschuss produzieren. Es kann freie Grenzkapazität zu Frankreich geben, aber nicht genügend Energie. Oder Kapazität nach Deutschland, während Deutschland wegen einer Dunkelflaute seinen Strom selbst benötigt. Unsere Importmöglichkeiten sind nicht unbegrenzt.

Anders als 2022 sieht es derzeit aber nicht danach aus, als könnten die französischen AKW zu wenig liefern.
Die wichtigsten Reaktoren sind derzeit in Betrieb. Die Schweiz importiert ungefähr 10 bis 15 Terawattstunden Kernenergie aus Frankreich pro Jahr. Gemessen an einem Schweizer Jahresverbrauch von rund 60 Terawattstunden ist das erheblich. Wenn das System stabil bleibt und es keine grösseren Ausfälle gibt, sollten unsere Nachbarländer uns weiterhin unterstützen können. Aber wir können nicht alles planen. Das Hauptrisiko sind ungeplante Ereignisse.

Auch die BKW verfügte einmal über ein AKW. Bedauern Sie heute die Abschaltung von Mühleberg?
Der Entscheid wurde 2013 aus rein wirtschaftlichen Gründen gefällt. Für den sicheren Weiterbetrieb wären Investitionen nötig gewesen, die sich unter den damaligen Marktbedingungen nicht rechneten. Ich würde diesen Entscheid nicht mit der heutigen markt- und geopolitischen Lage beurteilen. Heute ist entscheidend, die noch bestehenden Kernkraftwerke so lange wie möglich zu nutzen – solange sie wirtschaftlich betrieben werden können und die Sicherheit gewährleistet ist.

Und wie sieht es mit neuen AKW aus?
Unter den heutigen Bedingungen sind neue Kernkraftwerke in der Schweiz nicht realistisch. Selbst wenn man das Neubauverbot aufheben würde, bleiben die gesellschaftliche Akzeptanz, die Risiken beim Bau und Betrieb, die politische Unsicherheit und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die BKW hat deshalb keine entsprechenden Projekte. Was wir hingegen unterstützen, ist der Langzeitbetrieb bestehender Kernkraftwerke. Wir bauen die Stromproduktion in der Schweiz viel zu langsam aus. Für die kommenden 15 bis 20 Jahre kann der Langzeitbetrieb der bestehenden AKW deshalb einen wichtigen Beitrag leisten.

Für neue AKW kursieren Kostenschätzungen zwischen 10 und 40 Milliarden Franken. Wie hoch ist der Preis wirklich?
Ich würde davon ausgehen, dass sie eher am oberen als am unteren Ende dieser Bandbreite liegen. Die jüngsten europäischen Beispiele zeigen massive Verzögerungen und Kostenüberschreitungen. Die Sicherheitsanforderungen steigen, die Lieferketten sind komplex, und die regulatorischen Anforderungen sind enorm. Ich sehe keinen Grund, weshalb ein Kernkraftwerk ausgerechnet in der Schweiz günstiger gebaut werden sollte.

Und kleine modulare Reaktoren, sogenannte SMR?
Darüber wird viel gesprochen. Technologisch sind die kleinen Reaktoren nicht grundsätzlich etwas anderes als das abgeschaltete Mühleberg. Neu sind vor allem die kleinere Bauweise und der modulare Ansatz.

Das ist jetzt hart. Mühleberg ging 1972 in Betrieb.
Ja, aber es ist so. Zudem fehlt in Europa ein etablierter regulatorischer und rechtlicher Rahmen. Dieser müsste zuerst geschaffen werden. Ich sehe deshalb nicht, wie diese Technologie unser Versorgungsproblem in den nächsten Jahren lösen sollte.

Wenn Importe allein die Lösung nicht sind, und neue AKW sich nicht rechnen: Was löst das Problem?
Es gibt nicht die eine Technologie, die alles löst. Wir müssen verschiedene Technologien gleichzeitig ausbauen. Wind und Solar gehören zu den günstigsten neuen Stromproduktionsformen. Windkraft passt besonders gut zum Schweizer Profil, weil rund zwei Drittel der Jahresproduktion im Winterhalbjahr anfallen. Dazu kommt die Wasserkraft, und wir werden Reservekapazitäten brauchen. Wir müssen also erstens die erneuerbaren Energien und die Flexibilitätskapazitäten ausbauen und gleichzeitig unsere Stromnetze verstärken. Zweitens müssen die Grenzen offenbleiben. Drittens müssen wir das Tempo beim Ausbau massiv erhöhen. Wenn ein Infrastrukturprojekt 20 Jahre braucht, ist das viel zu lang.

In der Schweiz gibt es riesigen Widerstand gegen Windkraft. Wie wollen Sie ihn überwinden?
Ja, wir erleben eine grundsätzlich ideologische Opposition kleiner, aber gut organisierter Gruppen. Gleichzeitig sprechen die heutige Effizienz, die Stromgestehungskosten und vor allem das saisonale Produktionsprofil klar für Windkraft in der Schweiz. Wir müssen die Bevölkerung und relevante Anspruchsgruppen früh einbeziehen. Sinnvoll wären zudem national festgelegte Prioritätsgebiete. Windparks mit mehreren Anlagen lassen sich besser planen und mit Landwirtschaft, Tourismus und lokalen Interessen verbinden als einzelne verstreute Turbinen.

Beim BKW-Windpark im jurassischen Tramelan dauert es trotzdem seit Jahren.
Tramelan ist ein Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte. Die Bevölkerung sprach sich 2015 dafür aus, 2016 wurde die Baubewilligung erteilt. Danach wurde das Projekt über sämtliche Gerichtsinstanzen bekämpft, bis das Bundesgericht Ende 2023 zugunsten unseres Windparks entschied.

Aber mit dem Bau haben Sie ja nicht begonnen.
Nicht, weil wir nicht wollen, sondern weil wir noch nicht dürfen! Einzelne Einsprachen verzögern das Projekt weiterhin. Das Problem ist, dass selbst kleinere Anpassungen an einer bereits erteilten Baubewilligung erneut angefochten werden können. Das führt zu weiteren Verzögerungen und erschwert die Umsetzung dringend benötigter Energieinfrastruktur erheblich. Irgendwann muss aber ein rechtskräftiger demokratischer und rechtlicher Entscheid auch respektiert werden.

Mal ehrlich: Wie gross ist das realistische Potenzial der Windkraft in der Schweiz?
Ein realistisches Ausbauszenario liegt bei zusätzlichen rund 2 bis 4 Terawattstunden Stromproduktion pro Jahr. Das tatsächliche Potenzial ist jedoch deutlich grösser. Mit heutiger Technik entspräche das ungefähr 200 bis 300 Windturbinen. Wenn man bedenkt, wie wenige Anlagen die Schweiz in den vergangenen zwei Jahrzehnten gebaut hat, stellt sich die Frage, ob wir das schaffen. Solange kleine Gruppen Projekte selbst in einem sehr späten Stadium blockieren können, fehlt Investitionssicherheit.

Müssen sich die Energiekonzerne nicht auch selbstkritisch fragen, ob sie Fehler gemacht haben?
Natürlich reflektieren wir unsere Projekte und ziehen Lehren. Aber solange jede kleine Abweichung neue Verfahren von Monaten oder Jahren auslösen kann, wird Infrastruktur kaum noch realisierbar.

Und deshalb investieren Sie in Windkraftanlagen in Deutschland?
Es hilft natürlich. Ein geografisch und technologisch diversifiziertes Portfolio erhöht zudem unsere Widerstandsfähigkeit. Unterschiedliche Länder bedeuten unterschiedliche regulatorische Systeme, Marktbedingungen, Windverhältnisse und Vermarktungsrisiken. Damit können wir politische, regulatorische und marktbedingte Schocks besser abfedern.

BKW-Produktionschefin Margarita Aleksieva kämpft für den EU-Stromdeal: «Abschottung führt zu höheren Systemkosten.»
Margarita Aleksieva erkennt in der Windkraft grosses Potenzial.Bild: oliver oettliCH media

Nach der Energiekrise 2022 entstand plötzlich der Wunsch nach mehr Schweizer Produktion. Nun investieren Firmen wieder stärker im Ausland – auch die BKW.
Ja, wir investieren auch im Ausland, weil wir dort Projekte oft schneller und mit grösserer Planungssicherheit realisieren können. Der Ausbau in der Schweiz bleibt für uns wichtig. Doch die Dringlichkeit, die wir während der Energiekrise gespürt haben, muss sich auch in konkreten Taten und verlässlichen Rahmenbedingungen widerspiegeln. Energieversorgung braucht langfristiges Denken statt kurzfristiger Hauruck-Übungen. Man darf nicht vergessen: Der Bundesrat musste damals Notrecht einsetzen, Reservekraftwerke wurden zu sehr hohen Kosten gebaut und Vorgaben teilweise ausser Kraft gesetzt. Sinnvoller wäre, gute Infrastrukturprojekte kontinuierlich zu ermöglichen. Die Projekte, Technologien und auch das Kapital wären grundsätzlich vorhanden.

Beim Solar-Express entstand aber auch der Eindruck: Als es plötzlich schnell gehen durfte, waren die Unternehmen gar nicht bereit.
Infrastrukturprojekte sind komplex. Wenn ein Projekt mehrere Jahre blockiert ist, ändern sich Regulierung, Marktbedingungen, Lieferverträge und technische Lösungen. Man kann es nicht nach Jahren einfach aus der Schublade ziehen und am nächsten Tag bauen. Lieferketten, Tiefbau, Elektroarbeiten, Anlagen und Fachkräfte müssen verfügbar sein.

Kommen wir zur Wasserkraft. Bundesrat Albert Rösti hat die Erwartungen an die 16 Wasserkraftprojekte des Stromgesetzes bereits gedämpft. Ist das nicht enttäuschend?
Ich kann nur für uns sprechen: Wir bauen unsere Projekte.

Aber insgesamt werden wohl nur zwei Drittel der Strommenge resultieren, zu welchem das Volk mit rund 70 Prozent Ja gesagt hat. Das schadet doch der Glaubwürdigkeit der Stromkonzerne.
Man muss zwischen einer Projektidee und einem tatsächlich entwickelten Projekt unterscheiden. Ein konkretes Projekt setzt voraus, dass eine Machbarkeitsstudie vorliegt, der Netzanschluss geklärt ist und wesentliche technische oder ökologische Ausschlussgründe beseitigt wurden. Ich sehe Verbesserungspotenzial bei der Frage, welche Vorhaben in solche Listen aufgenommen werden und wie umfassend ihre Machbarkeit zuvor geprüft wird.

Wollen Sie die Trift- und Grimsel-Projekte bauen?
Ja. Das Pump­speicher­werk Grimsel 4 ist bereits im Bau. Bei weiteren Grimsel-Ausbauvorhaben wurden wichtige politische Meilensteine erreicht. Beim Trift-Projekt laufen rechtliche Verfahren, gleichzeitig treiben wir die Detailplanung voran. Insgesamt investieren wir hier rund 1 Milliarde Franken. Bei einzelnen Projekten ist der definitive Investitionsentscheid noch nicht gefällt, weil Bewilligungen und Zeitplan fehlen. Aber unsere grundsätzliche Bereitschaft ist da.

Sie sagen, die Schweiz brauche offene Grenzen und damit das Stromabkommen mit der EU. Was verändert dieses Abkommen für die Bevölkerung?
Abschottung führt zu höheren Systemkosten. Beim Stromabkommen geht es nicht darum, unsere Abhängigkeit zu erhöhen – im Gegenteil. Schotten wir uns stärker ab, müssten wir im Inland sehr viel mehr Kapazität vorhalten, nur um seltene Verbrauchsspitzen abzudecken. Als Teil eines grösseren Energiesystems können Produktions- und Verbrauchsschwankungen effizienter ausgeglichen werden.

Mit einem Nein zum Stromabkommen werden die Grenzen aber nicht physisch geschlossen.
Richtig. Aber es geht vor allem um die Systemintegration. Wir wollen gleichberechtigt an den europäischen Märkten teilnehmen können. Die physischen Stromflüsse werden weiter stattfinden, solange Leitungen und Kapazitäten vorhanden sind. Der Unterschied liegt in den gemeinsamen Regeln und im Marktzugang. Wenn wir beispielsweise in flexible Wasserkraft investieren, können wir diese Flexibilität in einem integrierten System besser vermarkten. Das erhöht die Investitionssicherheit und senkt die Systemkosten.

Das Stromabkommen scheint politisch bislang wenig Begeisterung auszulösen.
Die Befürworter formulieren ihre Botschaften häufig zurückhaltender, während die Gegner sehr laut auftreten. Wir müssen offensiver erklären, weshalb das Stromabkommen aus unserer Sicht eine Win-win-Situation ist: Es ist zentral für die Schweizer Versorgungssicherheit und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft.

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