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Doris Leuthard: «Strombedarf ist viel grösser als damals berechnet»

«Ich finde Kernenergie bis heute eine wichtige Energie»: Doris Leuthard im Talk mit Stephan Klapproth.
«Ich finde Kernenergie bis heute eine wichtige Energie»: Doris Leuthard im Talk mit Stephan Klapproth.Bild: screenshot youtube

Doris Leuthard: «Strombedarf ist viel grösser als damals berechnet»

Doris Leuthard war als CVP-Bundesrätin die treibende Kraft beim AKW-Ausstieg. Jetzt blickt sie selbstkritisch zurück – und äussert sich auch offen zu Begegnungen mit Barack Obama, Angela Merkel und Wladimir Putin.
28.10.2026, 06:3728.10.2026, 06:37
Patrik Müller
Patrik Müller

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 leitete Doris Leuthard als damalige Energieministerin die Wende ein: Die Schweiz sollte auf neue Atomkraftwerke verzichten. 15 Jahre später räumt die ehemalige CVP-Bundesrätin ein, dass die Prognosen in einem entscheidenden Punkt falsch lagen.

«Mit unseren Berechnungen zum Strombedarf ab 2035 sind wir viel zu bescheiden gewesen», sagt Leuthard in der Sendung «Weiss der Teufel» des früheren SRF-Moderators Stephan Klapproth. Dieser hat ein neues Interviewformat lanciert, bei dem Leuthard erster Gast war. Die Aargauerin sagt, damals habe man die Entwicklung der grossen Rechenzentren nicht vorausgesehen. «Hier ist der Bedarf viel grösser als das, was wir gerechnet haben.»

Doris Leuthard beim Gespräch mit Ex-10vor10-Moderator Stephan Klapproth im Kulturlokal «From Heaven» in Bad Ragaz.
Doris Leuthard beim Gespräch mit Ex-10vor10-Moderator Stephan Klapproth im Kulturlokal «From Heaven» in Bad Ragaz.bild: Screenshot YouTube

Die 63-Jährige spricht von einer veränderten Ausgangslage. Doch sie verteidigt den Entscheid, nach Fukushima auf den Bau neuer Atomkraftwerke zu verzichten. Sie betont, es sei kein Technologieverbot. Von diesem spricht allerdings der aktuelle Energieminister Albert Rösti (SVP). Er will dieses Verbot wieder kippen und neue AKW erlauben – in einem Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative. Die Abstimmung findet Ende Februar 2027 statt.

«Kernenergie ist bis heute eine wichtige Energie»

Sie sei nie gegen die Atomkraft gewesen, betont Leuthard. «Ich finde Kernenergie bis heute eine wichtige Energie.» Anders als Deutschland habe die Schweiz ihre bestehenden Kraftwerke nicht abgeschaltet und auch kein fixes Enddatum für deren Betrieb festgelegt.

Der damalige Entscheid sei vor allem wirtschaftlich und sicherheitstechnisch begründet gewesen. Zwei neue Atomkraftwerke waren in Planung. Nach Fukushima hätten die Abklärungen mit Experten jedoch gezeigt, dass Neubauten deutlich teurer würden und grössere Risiken mit sich brächten. Zudem habe sich die Frage gestellt, wer solche Anlagen überhaupt bauen und betreiben wolle.

Leuthard plädiert dafür, neue Technologien weiterzuverfolgen. Sie habe Energieminister Rösti auf Entwicklungen in Kanada aufmerksam gemacht, wo an Möglichkeiten zur Wiederaufbereitung von nuklearen Abfällen gearbeitet werde. Sollte sich der Atommüll dereinst wiederverwerten lassen, wäre das ein grosser Fortschritt.

Merkel beeindruckte sie – doch deren Flüchtlingspolitik verstand sie nicht

Im Gespräch mit Klapproth blickt Leuthard auch auf ihre Begegnungen mit den Mächtigen der Welt zurück. Besonders verbunden fühlte sie sich der früheren deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. «Ich hatte sie gerne», sagt Leuthard. Merkel sei menschlich überzeugend und «supergescheit» gewesen. Ihre Aussenpolitik beurteilt sie ausgesprochen positiv.

Bildnummer: 53989068 Datum: 28.04.2010 Copyright: imago/Sven Simon
Bundeskanzlerin Angela Merkel (re., CDU) empf�ngt die Bundespr�sidentin der Schweizerischen Eidgenossenschaft Doris Leuthard im Bund ...
Christdemokratinnen, die sich verstehen: Doris Leuthard (links) mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel 2010 in Berlin.bild: imago

Deutlich kritischer fällt Leuthards Urteil über Merkels Flüchtlingspolitik aus. Auf die Frage, ob sie 2015 ebenfalls die Grenzen für Flüchtlinge geöffnet hätte, antwortet sie: «Nein. Da habe ich sie nicht ganz verstanden.» Das Ausmass der Migration bereite ihr Sorgen. Auch die Integration sieht Leuthard kritisch. Unterschiedliche kulturelle Vorstellungen, insbesondere beim Umgang mit Frauen und gesellschaftlichen Werten, erschwerten das Zusammenleben.

Weitere Begegnungen mit Staatschefs sind Leuthard ebenfalls in Erinnerung geblieben. Barack Obama beschreibt sie als charismatischen, aber auch fachlich interessierten Präsidenten.

Weniger positiv sind die Erinnerungen an den früheren russischen Präsidenten Dmitri Medwedew. Bei Verhandlungen über einen Steuerstreit habe sie erlebt, dass vertrauliche Abmachungen nicht eingehalten worden seien. Daraus habe sie gelernt, dass man «den Russen nicht vertrauen» könne. Auch Wladimir Putin begegnete sie damals. Besonders dessen kühle blaue Augen seien ihr geblieben. Sein Blick habe eine geradezu körperlich spürbare Kälte ausgestrahlt.

Früher gegen Sterbehilfe – heute denkt Leuthard anders

Gegen Ende des rund einstündigen Gesprächs wird die ehemalige CVP-Präsidentin persönlich. Klapproth fragt sie nach dem Älterwerden und der Angst vor dem Tod. Leuthard erzählt von ihrer Mutter, die nach einem Hirnschlag gelähmt gewesen war und ihre letzten Lebensjahre im Pflegeheim verbringen musste.

Die Vorstellung, selbst einmal vollständig auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, beschäftigt sie. «Ich war immer gegen Sterbehilfe und Exit», sagt die frühere CVP-Politikerin. Inzwischen habe sich ihre Haltung jedoch verändert. Die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebensendes werde ihr zunehmend sympathischer.

Der Gedanke, anderen zur Last zu fallen und gleichzeitig weiterleben zu müssen, lasse sie nicht los. «Das ist etwas, woran man mit 30 nicht denkt. Aber in meinem Alter denkt man daran.» Wie sie selber damit umgehen werde, wisse sie noch nicht. Aber sie denke darüber nach. Es ist die persönlichste Aussage in dem Gespräch, in dem Leuthard auch ausführlich auf ihre Regierungszeit zurückblickt. Auf einer Glücksskala von eins bis zehn bewertete sie ihre Zeit im Bundesrat mit 8,5 bis 9 Punkten. «Ich habe es gerne gemacht», bilanziert Leuthard.

Den Talk «Weiss der Teufel» von Stephan Klapproth mit Doris Leuthard gibt es hier auf Youtube zum Nachschauen (Dauer 1 Stunde). (schweizheute.ch)

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