Schweiz
Gesellschaft & Politik

Gen-Z-Proteste in Zürich: Darum war Alina im Kreis 4 mit dabei

Am Samstagabend folgten mehrere hundert Personen einem Aufruf, sich auf der Langstrasse zu besammeln.
Am Samstagabend folgten mehrere hundert Personen einem Aufruf, sich auf der Langstrasse zu besammeln. Bild: keystone/watson

Alina* war an der Krawall-Demo: «Für meine Generation gibt es keine Perspektive»

In der Nacht auf Sonntag kam es im Zürcher Kreis 4 zu Krawallen. watson hat mit einer Demonstrantin und einem Kriminologen über die Ausschreitungen gesprochen.
03.11.2026, 05:2903.11.2026, 13:51

Als Samstagnacht im Zürcher Langstrassenquartier die Barrikaden brannten, war Alina* dabei. Der Aufruf habe sie angesprochen, sagt die 24-Jährige aus Zürich gegenüber watson. «Es ging darum, wie Kapitalismus und die Klimakrise unsere Welt verwüsten.» Das beschäftigt Alina. Sie sagt:

«Für die Jugend und für meine Generation gibt es keine Perspektive.»
Alina*

watson erzählt sie, wie sie die Ereignisse vom Wochenende erlebt hat.

Feierliche Stimmung zu Beginn

Als sie am Samstagabend zur Langstrasse gekommen sei, habe sie die Stimmung zunächst als friedlich wahrgenommen. «Die Leute haben getanzt.» Es seien auch viele Jugendliche dabei gewesen, sagt Alina. «Es war schön, sich die Strasse zu nehmen und gemeinsam im öffentlichen Raum zu feiern.» Einige hätten sich auch spontan angeschlossen. Fast alle seien verkleidet oder vermummt gewesen. Aus Eigenschutz, wie Alina sagt.

Protest 'On en a marre - en Suisse aussi' - All uf Zueri, all in K4, fotografiert am Samstag, 24. Oktober 2025 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Viele Protestierende erschienen verkleidet oder vermummt. Bild: keystone

Später hätten die Demonstrierenden versucht, sich in Richtung Europaallee zu bewegen. «Dabei kam es zu Konfrontationen mit der Polizei.» Brennende Barrikaden, Tränengas, Gummischrot, Angriffe auf die Sicherheitskräfte. Alina habe sich am Rand der Demonstration aufgehalten, sagt sie. Sie habe damit gerechnet, dass es zu Ausschreitungen kommen würde.

Dass die Aktion für Aussenstehende nicht als Protest erkennbar gewesen sei, bestreitet Alina. «Wenn man den Aufruf gelesen und sich mit den Gründen der Proteste im Ausland befasst hat, dann konnte man es schon verorten», sagt sie.

Von der Politik enttäuscht

Der Aufruf, der auf den sozialen Medien kursierte, bezog sich unter anderem auf die Jugendproteste in Frankreich. Für Alina gibt es auch in der Schweiz genügend Gründe, auf die Strasse zu gehen.

«Man meint immer, dass es den Menschen in der Schweiz so gut geht. Aber auch hier öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter.»
Alina*

Alina engagiert sich in der linksautonomen Szene. Von der institutionellen Politik sei sie enttäuscht. Weil sie zu wenig für den Klimaschutz unternehme, weil sie Migrantinnen und Migranten abschiebe und weil sie Rüstungsgüter exportiere.

Linke Stadtzürcher Parteien wie die SP und die Grünen haben die Ausschreitungen scharf verurteilt. Auch sie holen Alina nicht ab. Für Alina sind sie Teil des «bürgerlichen Staats».

Ein Wasserwerfer und Polizei bekaempft den Protest 'On en a marre - en Suisse aussi' - All uf Zueri, all in K4, fotografiert am Samstag, 24. Oktober 2025 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Beut ...
Polizeikräfte stehen neben einem Wasserwerfer beim Helvetiaplatz im Kreis 4.Bild: keystone

Krawall als Protest?

Für Alina waren die Ereignisse der Samstagnacht – inklusive der gewaltsamen Ausschreitungen – ein politischer Protest einer «revolutionären Bewegung, die sich von Grund auf gegen den Kapitalismus stellt und die Rolle des Schweizer Staates kritisiert».

Die Kritik der Parteien, dass die Ausschreitungen keinen politischen Inhalt gehabt hätten, bestreitet sie. Sie sagt:

«Was heisst das schon, nur auf Krawall aus sein? Krawall ist doch auch Ausdruck von Unzufriedenheit.»
Alina*

Der Schaden der Samstagnacht ist noch nicht beziffert. Klar ist: Es kam zu zahlreichen Sachbeschädigungen, gemäss Informationen der Polizei wurden Sicherheitskräfte angegriffen, ein Polizist musste mit Verdacht auf Rauchvergiftung zwischenzeitlich ins Spital.

Container brennen auf der Strasse beim Helvetiaplatz anlaesslich des Protest 'On en a marre - en Suisse aussi' - All uf Zueri, all in K4, fotografiert am Samstag, 24. Oktober 2025 in Zuerich ...
Brennende Container waren in dieser Nacht an mehreren Orten im Langstrassenquartier zu sehen. Bild: keystone

Konfrontiert damit sagt Alina: «Ich finde es falsch, dass nur friedlicher Protest als legitim gilt. Es gibt viele verschiedene Arten von Gewalt.» Dazu gehörten ihrer Meinung nach auch die Zerstörung der Natur durch Rohstoffunternehmen, die Hitzetoten aufgrund des Klimawandels oder Geflüchtete, die auf dem Mittelmeer sterben. «Das ist systemische Gewalt, die Menschenleben kostet.»

Alina spricht im Gespräch ausführlich über gesellschaftliche Missstände und strukturelle Gewalt. Von der Gewalt der Demonstrierenden will sie sich hingegen auch auf mehrmaliges Nachfragen nicht distanzieren.

Im Gegenteil: Ihr Fazit der Samstagnacht ist ein positives. «Es war ein starker Abend. Die Menschen waren sehr mutig und sehr hässig.» Die Krawalle der Samstagnacht sind nun Gegenstand laufender Ermittlungen.

Extremismusexperte: Aufmerksamkeit als Ziel

Dass Protestierende wie Alina Sachbeschädigungen und Gewalt als legitimes Mittel betrachten, sieht Extremismusexperte Dirk Baier einer «linksextremen Optik» geschuldet. «Wenn man sagt, man schädigt einen Menschen, hätte man davor wohl eine gewisse Zurückhaltung», sagt Baier.

«Wenn man jemanden aber als Feindbild und Teil eines Systems ansieht, entmenschlicht man diese Person.»
Dirk Baier, Kriminologe

Der Gedanke, gegen ein System zu handeln, entlaste von der Verantwortung, sagt Baier. Etwa, wenn Protestierende Polizeikräfte angreifen würden. «Aber es entschuldigt nichts», sagt Baier.

Zur Person
Dirk Baier ist Soziologe und Kriminologe an der Universität Zürich; zudem leitet er das Institut für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er forscht zu Jugendkriminalität, Gewalt und Extremismus.
infobox image
Bild: andrea zahler/chmedia

Die Anliegen des Protests an sich zu delegitimieren, halte er für falsch. «Es ging um Themen, die die jungen Menschen umtreiben.» Ein grosser Teil der Teilnehmenden sei friedlich geblieben. «Aber der Protest wurde gekapert von Leuten, die ihn nutzten, um den Schritt in die Gewalt zu gehen.»

Spuren der Krawallnacht am Kollerhof, fotografiert am Sonntag, 1. November 2026 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Spuren der Krawallnacht am Kollerhof, aufgenommen am 1. November 2026.Bild: keystone

Ausschreitungen wie jene in der Samstagnacht sollten seiner Meinung nach vor allem Aufmerksamkeit für politische Anliegen erregen. Und dadurch neue Menschen für die Bewegung gewinnen. «Es geht gar nicht darum, dass man mit solchen Aktivitäten bei konkreten Themen wie Wohnungsnot oder Klimaschutz einen Schritt weiterkommt», so Baier.

«Die Protestierenden wollen zeigen, dass sie unbequem sind und sich mit dem Staat und der Polizei messen können.»
Dirk Baier, Kriminologe

Keine vorschnellen Reaktionen

Der Extremismusforscher mahnt dennoch zur Vorsicht, wenn Politikerinnen und Politiker nun mit politischen Forderungen nach strengeren Gesetzen reagieren. Laut Baier sollten die Ereignisse von den Strafverfolgungsbehörden aufgearbeitet werden. «Es braucht keine neuen Gesetze, die solche Ausschreitungen sowieso nicht verhindern können. Und es braucht keine angedrohte Härte, die möglicherweise noch mehr Öl ins Feuer giesst», so Baier. Er sagt:

«Lasst den Rechtsstaat seine Arbeit machen.»
Dirk Baier, Kriminologe

Während die angesprochenen Probleme der Jugendproteste nicht von einem Tag auf den anderen gelöst werden könnten, sollte die Politik mehr Möglichkeiten für politische Mitbestimmung schaffen, findet Baier. «Grundsätzlich ist es eine gute Idee, wenn Politik signalisiert, dass ihr junge Menschen und ihre Anliegen wichtig sind.» Allerdings müsse dies immer mit der Verurteilung von Gewalt einhergehen.

(*Name geändert)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Halloween: Ausschreitungen in Zürich
1 / 17
Halloween: Ausschreitungen in Zürich
quelle: christian beutler
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Ausschreitungen in Zürich: Unbewilligte Demo im Kreis 4 eskaliert
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Lukas Reimann will das Söldnerverbot verschärfen
• Schweizer Jihadisten kämpfen im syrischen Bürgerkrieg mit. Sicherheitspolitiker wollen jetzt das Söldnerverbot verschärfen.
Zur Story