Nationalrätin Bally spricht über persönlich erlebte Gewalt: «Müssen Tabu brechen»
Die Aargauer Mitte-Nationalrätin Maya Bally hat in einem Interview von ihrer eigenen Erfahrung mit häuslicher Gewalt erzählt. Als sie 20 Jahre alt war, hatte ihr damaliger Freund sie geschlagen, wie die 65-Jährige der «SonntagsZeitung» sagt.
«Er traf mich mit der Ohrfeige so blöd, dass mein Trommelfell platzte», sagt die Aargauerin in dem am Sonntag veröffentlichten Interview. Die Tat habe sie gerechtfertigt: «So etwas kann ja mal passieren», habe sie sich gesagt.
Die Schuld habe sie auch bei sich selbst gesucht: «Es macht etwas mit einem, wenn man einen Menschen liebt, der an einem Tag seine Liebe beteuert und am nächsten Tag zuschlägt.» Ihren damaligen Freund habe sie lange als Opfer seiner schlimmen Jugend und nicht als Täter betrachtet. «Mein Ex-Partner war ja ein unglaublich guter Verkäufer, der alle für sich einnehmen konnte und allseits beliebt war», sagt sie.
Dem Umfeld ein Märchen erzählt
Mit dem Mann sei sie schliesslich zusammengezogen. «Er machte das sehr geschickt, weil er mir erzählte, dass er seine Wohnung verloren habe und eben nicht wisse, wo er hinsolle.» Im Nachhinein stellte sich das als Lüge heraus. Er sei hoch verschuldet gewesen und habe Bally betrogen.
«Als wir uns einmal zu diesem Thema stritten, schlug er mich so heftig, dass ich in die Badewanne fiel», erinnert sich die Nationalrätin. Sie habe erzählt, dass sie über die Katze gestolpert sei. Geglaubt habe das niemand. «Aber was wollten meine Familie und Freunde schon tun, denn ich beharrte auf diesem Märchen.»
Aus Angst vor der Reaktion ihres damaligen Freundes habe sie sogar einen von ihm verschuldeten Autounfall gegenüber der Polizei auf die eigene Kappe genommen. «Sein Leben und somit auch meines war eine einzige Lüge», sagt sie.
Nachdem Bally schliesslich auszog, habe ihr Ex begonnen, sie zu stalken. Sogar als er ins Gefängnis kam, habe er sie nicht in Ruhe gelassen. «Ich brauchte Jahre, um das alles zu verarbeiten», sagt sie. Die Erschütterungen seien über die Jahre schwächer geworden und heute überwunden.
«Das Tabu brechen»
Den Schritt an die Öffentlichkeit begründet die Mitte-Politikerin mit der Wichtigkeit des Themas. Sie wolle Betroffenen und Personen in deren Umfeld Mut machen. «Wir müssen alle hinsehen und das Tabu brechen», sagt Bally.
Unter der Bundeshauskuppel setzt sich die Nationalrätin für Massnahmen ein - beispielsweise für einen eigenen Straftatbestand gegen Stalking. Parteiübergreifend gebe es «einen Konsens, dass es griffigere Gesetze braucht, um die häusliche Gewalt besser in den Griff zu bekommen», sagt sie im aktuellen Interview. (sda)
