Warum sich Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gerade tierisch aufregt
Wie man warme Luft zu Geld macht, bewies in jüngster Zeit der österreichische Finanzakrobat René Benko. Seine bald 80-jährige Landsfrau Elfriede Jelinek beweist mindestens so virtuos, dass man aus Kapitalismuskritik wiederum warme Luft machen kann.
In «Unter Tieren» empört sie sich über Benko, Banken und alle Niederungen der Geldwirtschaft. Neben dem Pleitier Benko nennt sie zu Beginn ganz kurz noch einen anderen Österreicher, der wie ein leuchtendes Gegenbeispiel erscheint: den Philosophen Ludwig Wittgenstein, Spross einer der zu Beginn des 20. Jahrhunderts reichsten Familien. Er verschenkte all sein Geld, weil er nur so frei und unabhängig nachdenken konnte.
Vom Kapitalistenschwein zum Sparschwein
Die Literaturnobelpreisträgerin wählt den satirischen Kunstgriff, aus der Sicht von Tieren zu erzählen. George Orwell hat dieses Verfahren in «Animal Farm» perfektioniert. Eine Pointe ist, dass man dann vom Schwein zum Menschen und vom Menschen zum Schwein blickt und bald nicht mehr unterscheiden kann, wer wer ist.
Das Schwein, bekannt auch als Kapitalistenschwein oder als Sparschwein, lässt die Autorin natürlich prominent auftreten. Sie vertraut besonders auf Tiere, die man schon als Kind zum Kuscheln liebt, wie Hase, Bär, Äffchen, Ente oder eben Schweinchen. Sie alle steigern sich in Empörungsmonologe hinein. Das Buch ist denn auch kein Roman, eher ein Theaterstück in Prosaform, das an den kommenden Salzburger Festspielen uraufgeführt wird.
Jelinek pickt Kritisches von Thomas Piketty auf
Den Anfang machen pickende Tauben, die Jelinek zum ersten Wortspiel verhelfen: «picketty, picketty» – eine Anspielung auf den französischen Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, Autor des Bestsellers «Das Kapital im 21. Jahrhundert». Manches, was er kritisch über Kapitalismus und Geldwirtschaft sagt, pickt sie auch in «Unter Tieren» auf: Die einen schaffen es, immer reicher zu werden, die anderen werden ärmer.
Banken und Investoren vertrauen Pleitiers wie Benko blind, während die gleichen Banken bei den kleinen Leuten, die einen Kredit wünschen, ganz genau hinschauen. All das ist bis zum Abwinken bekannt, und doch schleudern es uns Jelineks Viecher nochmals entgegen, um uns aufzurütteln. Und so wettern die Tauben über Benko, der «gar nichts hat und den Rest gut versteckt».
Erschöpft von den überraschungsarmen Suaden, stellt man sich bei diesem Buch irgendwann die urkapitalistische Frage: «Was bringt’s?» Immerhin, die Tiere reflektieren auch, wie abgründig die Kapitalisten sie verwursten und verschlingen. Das ist erhellender als die Literaturblasen, mit denen Elfriede Jelinek einer Blase von Einverstandenen von den Finanzblasen erzählt. (schweizheute.ch)

