So läuft die Umsiedlung vom bergsturzgefährdeten Dorf Brienz GR ab
Die Gemeindeversammlung Albula GR hat am Donnerstagabend einen Bruttokredit von 82,56 Millionen Franken für die Umsiedlung der Brienzerinnen und Brienzer genehmigt. Die acht wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Nein, die Anmeldungen dienten gemäss Albertin dazu, abzuschätzen, wie viele Umsiedlungen es tatsächlich geben wird. «Sollten sich tatsächlich alle Angemeldeten dazu entscheiden, umzuziehen, so gäbe es eine grosse Veränderung im Dorfbild.» Die Gemeinde mache sich deshalb Gedanken dazu, wie das Bergdorf weiter lebenswert bleibe. Denn selbst wenn sich alle Angemeldeten tatsächlich verabschieden: Zu einem Geisterdorf soll Brienz nicht werden.
Was bedeutet das Ja zum Bruttokredit?
Das bedeutet, dass das Umsiedlungsprojekt in Brienz weiter vorangetrieben werden kann. Das ist für alle besonders wichtig, die sich für eine Umsiedlung angemeldet haben. Es sind 42 Gesuche eingegangen, die rund 95 Erst- und Zweitwohnungen betreffen.
Wie geht es nun weiter?
Gegen den Entscheid der Gemeindeversammlung kann noch während 30 Tagen das Referendum ergriffen werden. Das Umsiedlungsprojekt wird dann der Regierung zur Genehmigung eingereicht. Genehmigt der Kanton Graubünden das Projekt, können alle, die wollen, innert fünf Jahren umziehen. Jede einzelne Umsiedlung muss aber noch einmal vom Kanton genehmigt werden. Gibt es grünes Licht, werden die betroffenen Häuser zurückgebaut, der Boden geht an die Gemeinde und die Betroffenen erhalten dann das Geld.
Was beinhaltet der Kredit?
Einen grossen Anteil machen die Kosten für die Umsiedlungsprojekte aus – rund 79,8 Millionen Franken. Gemäss Gemeindepräsident Daniel Albertin (Mitte) ist dieser Betrag aber mit Vorsicht zu geniessen. Er fällt nur an, wenn alle Umsiedlungswilligen tatsächlich wegziehen und sich alle das Geld für den Neuwert ihrer Gebäude auszahlen lassen. 1,4 Millionen Franken betreffen die Projektierungs- und Planungskosten, 87'000 Franken den Landwert der Umsiedlungsprojekte. Die Gemeinde übernimmt nämlich den Boden als Landwirtschaftsland. Dazu kommen noch Reserven von 1,3 Millionen.
Wer bezahlt die Umsiedlung?
Die Gemeinde bleibt nicht auf den Kosten sitzen. Sie rechnet damit, dass maximal rund 360'000 Franken bei ihr hängen bleiben. Den Löwenanteil übernehmen der Kanton Graubünden sowie der Bund. Die Umsiedlungswilligen müssen hingegen einen kleinen Teil selber übernehmen – Bund und Kanton übernehmen nur 90 Prozent der Kosten.
Müssen alle, die sich angemeldet haben, nun auch tatsächlich umziehen?
Nein, die Anmeldungen dienten gemäss Albertin dazu, abzuschätzen, wie viele Umsiedlungen es tatsächlich geben wird. «Sollten sich tatsächlich alle Angemeldeten dazu entscheiden, umzuziehen, so gäbe es eine grosse Veränderung im Dorfbild.» Die Gemeinde mache sich deshalb Gedanken dazu, wie das Bergdorf weiter lebenswert bleibe. Denn selbst wenn sich alle Angemeldeten tatsächlich verabschieden: Zu einem Geisterdorf soll Brienz nicht werden.
Sind die Umsiedlungen umstritten?
Eine lange Debatte gab es nicht. Ein Votant positionierte sich im Nein-Lager. Er habe Verständnis für alle, die wegziehen wollten. Was er aber nicht verstehe, sei, wieso so viel Geld in die Rettung des Bergdorfes investiert werde und die Gebäude danach abgerissen würden.
Ein anderer Votant erwiderte, dass es keinen Sinn mache, wenn jemand aus der Gefahrenzone wegziehe und dieses Haus dann von neuen Bewohnerinnen und Bewohnern übernommen werde. Er thematisierte ausserdem die emotionale Belastung. «Wir müssen den vielen Menschen helfen, die sich in der aktuellen Situation einer hohen mentalen Belastung ausgesetzt sehen.» Am Ende wurde der Bruttokredit mit 41:3 Stimmen bei vier Enthaltungen genehmigt.
Welche Möglichkeiten haben Umsiedlungswillige?
Wer umziehen will, hat drei Möglichkeiten: Betroffene können in ein bestehendes oder neues Haus innerhalb einer rechtsgültigen Bauzone im Kanton ziehen. Es besteht aber auch die Variante, dass sich die Betroffenen für das aufgegebene Land und Gebäude auszahlen lassen. Schliesslich können sich die Brienzerinnen und Brienzer auch dazu entscheiden, sich in vordefinierten Umsiedlungszonen innerhalb der Gemeinde ein neues Zuhause zu suchen.
Wie sieht die Gefahrenlage aktuell aus?
Die Situation hat sich wegen eines Entwässerungsstollens und Drainage-Bohrungen deutlich stabilisiert. Seit fast sechs Monaten leben wieder Menschen im Bergdorf, nachdem sie dieses mehrmals mehrere Monate verlassen mussten. Das Risiko einer weiteren Evakuierung ist gesunken, aber bleibt trotzdem bestehen. (nil/sda)
