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Fortschritt oder Totalausfall? Knatsch um neuen Tarif für Physiotherapie

Fortschritt oder Totalausfall? Knatsch um neuen Tarif für Physiotherapie

Die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten haben nach Jahren des Streits mit Behörden und Krankenkassen einen neuen Tarif durchgeboxt. Jetzt wird der Erfolg intern torpediert.
06.07.2026, 06:3106.07.2026, 06:31
Anna Wanner / ch media
Gleiche Leistung wird gleich finanziert: Für viele Physios bedeutet der neue Tarif ein Fortschritt.
Gleiche Leistung wird gleich finanziert: Für viele Physios bedeutet der neue Tarif ein Fortschritt.Bild: Getty

Noch im April war die Rede von einem «historischen Moment». Nach 30 Jahren Blockade gelang es Physioswiss, dem Verband der Physiotherapeuten, einen neuen Tarif mit den Krankenkassen auszuhandeln. Geschäftsführer Osman Bešić zeigte sich zufrieden. Er konnte durch die erfolgreiche Verhandlung mit den Krankenkassen einen Tarif des Bundesrats abwenden, der die Situation vieler Berufstätiger verschlechtert hätte.

Doch anstatt mit Dank wird der Verband mit Kritik überschüttet. Sogar Anfeindungen müssen sich die Verantwortlichen gefallen lassen.

Was ist da los?

Der wesentliche Unterschied der neuen Tarifstruktur liegt beim Wechsel von einem Pauschal- zu einem Zeittarif. Anstatt zweier Behandlungspauschalen, die nach Schwere des Falls unterscheiden, gibt es nur mehr einen Zeittarif. Früher konnten Physiotherapeuten zwischen 1,20 bis 1.80 Franken pro Minute abrechnen. Künftig sind es für alle 1.50 Franken pro Minute.

Hintergrund der Änderung war der Vorwurf des Missbrauchs: Der höhere Tarif wurde auch dann abgerechnet, wenn er gar nicht angewandt wurde.

Mit dem neuen Tarif ist die Unschärfe weg, Missbrauch nicht mehr möglich. Für Osman Bešić ist das ein Fortschritt. Er sagt: «Die Reform löst eine fast 30-jährige Struktur ab und ist sachgerecht, datenbasiert und als Zeittarif konzipiert.» Neu würden gleiche Leistungen gleich entschädigt. Zudem bilde der neue Tarif sämtliche Leistungen ab. Das sei aktuell bei 15 Prozent der Leistungen nicht möglich.

Aus Sicht der Berufstätigen ist die Arbeit unterfinanziert.
Bild: Getty

Von den fast 13'000 Verbandsmitgliedern würden die meisten profitieren, ist Bešić überzeugt. «Nur eine kleine Minderheit ist stark betroffen und führt nun den Widerstand an.»

Ist der neue Tarif so gut, wie der Verband verspricht?

Innerhalb der Branche herrscht grosser Unmut. Der Verein Physio140 will unter dem Titel «Versorgung darf nicht am Tarif scheitern» die Einführung der neuen Tarifstruktur verhindern. Alexandra Helbling, CEO von Physiozentrum, erklärt: «Die neue Tarifstruktur hält den Prinzipien einer modernen Physiotherapie nicht stand. Ein Zeittarif setzt die falschen Anreize.» Neu könne ein Patient bis zu 50 Minuten lang behandelt werden – obwohl dies in den allermeisten Fällen gar nicht nötig ist. «Wir vertreten eine evidenzbasierte und wirkungsorientierte Physiotherapie. Wir wissen, dass die optimale Dauer einzig von der Diagnose und den Therapiezielen abhängt», so Helbling. Oder anders formuliert: «Länger behandeln ist nicht unbedingt besser.»

Die Folge davon: Die Verfügbarkeit von Physiotherapie nehme weiter ab, der Zugang für Patientinnen und Patienten werde dadurch weiter erschwert. Weiter warnt Helbling, dass der Tarif die Innovation hemme. «Es gibt keinen Anreiz, die Qualität der Arbeit zu verbessern.» Der Verein Physio140 verlangt, der Tarif müsse die betriebswirtschaftliche Realität abbilden. Das heisst: 140 Franken Bruttoumsatz pro Stunde als Untergrenze. Sonst kollabiere das System.

Osman Bešić hat ein gewisses Verständnis für den Widerstand: «Wir führen eine radikale Änderung in einer stark unterfinanzierten Branche ein.» Das führe zu Verunsicherung. «Wir alle wünschen uns eine bessere Abgeltung für die Physiotherapie.» Nur sei die Vorgabe des Bundesrats klar: Die Einführung der neuen Tarifstruktur muss kostenneutral sein. Das Gefüge Physiotherapie darf ab 2027 nicht mehr kosten als im Jahr zuvor.

Bundesrat vor Entscheid: Was ist der Plan der Gegner?

Wie bei der Ärzteschaft und ihrem neuen Tarif gibt es darum auch unter den Physiotherapeutinnen und -therapeuten Verlierer: Wenn eine Mehrheit profitiert, bedeutet dies, dass eine Minderheit Einbussen verkraften muss.

Besonders betroffen sind arbeitgebende Physiotherapiepraxen (OdPs), die rund die Hälfte der Therapien in der Schweiz leisten. Diese investieren laut Helbling viel in Aus- und Weiterbildung, in Infrastruktur, in moderne Geräte und zentrale Standorte. Das sei wichtig. «Dank moderner Technologie lassen sich Fortschritte in der Physiotherapie messen und Qualität sicherstellen», ist Helbling überzeugt. Das schlechte Verhandlungsergebnis sei inakzeptabel. «Der Verband versucht nun die Verschlechterung der neuen Tarifstruktur über die Erhöhung der Taxpunktwerte zu heilen.»

Bei den Patientinnen und Patienten ist die Physiotherapie äusserst populär.
Bei den Patientinnen und Patienten ist die Physiotherapie äusserst populär.Bild: Christian Beutler/Keystone

Tatsächlich engagiert sich der Verband Physioswiss für eine bessere Abgeltung, die laut Bešić unabhängig von der neuen Tarifstruktur erfolgen müsse. Der Verband hat darum 26 kantonale Petitionen lanciert mit dem Titel «100 Prozent geben, 70 Prozent bekommen. Finden Sie das gerecht?» Die höheren Taxpunktwerte sollen die Kantone festlegen müssen, weil sich Krankenkassen und Physioverband nicht einig werden. Ob das gelingt, ist zweifelhaft.

Helbling und ihre Mitstreiter wollen derweil auf die Mängel des neuen Tarifs aufmerksam machen und sie wollen einen Platz am Verhandlungstisch. Auch der Erfolg dieses Unterfangens ist offen. Sollte der Bundesrat die neue Tarifstruktur in Bälde genehmigen, gilt diese ab 1. Januar 2027.

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