Hausärzte schlagen Alarm: Der neue Tarif verschärft das Ungleichgewicht
Hausarztmedizin ist vergleichsweise günstig und effizient. Sie erfährt in Bevölkerung und Politik eine breite Unterstützung. Trotzdem bröckelt die Versorgung weg. Bis 2030 geht ein Viertel aller Hausärzte in Pension und muss ersetzt werden. Derweil nimmt Teilzeitarbeit zu, und der administrative Aufwand genauso. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das: Es wird immer schwieriger, einen Termin bei einer Hausärztin zu finden.
Und ja: Das Thema ist nicht neu. Bereits vor 16 Jahren lancierten die Hausärzte aus der Not heraus eine Initiative. 2012 entstand der Masterplan Grundversorgung, der einen Lehrstuhl an der Universität in Aussicht stellte sowie Ausbildungsplätze für interessierte Studenten und eine finanzielle Aufwertung des Berufs versprach.
Damals erklärte der zuständige Bundesrat Alain Berset die Hausarztmedizin zum «tragenden Pfeiler der Grundversorgung». Nicht nur die Bevölkerung unterstrich die Bedeutung, indem sie die Hausarztmedizin an der Urne mit 88 Prozent Ja-Stimmen unterstützte und deren Sicherung in die Verfassung schrieb. Auch Bersets Nachfolgerin Elisabeth Baume-Schneider erklärte bei ihrem ersten Auftritt vor der Gesundheitsbranche: Die Stärkung der Grundversorgung habe höchste Priorität.
Und nun das: Der 2026 neu eingeführte Ärztetarif Tardoc, der mit einem eigens kreierten Kapitel für Hausarztmedizin das Fach aufwerten sollte, kann das Versprechen offenbar nicht halten. Der Verband der Kinder- und Hausärzte Schweiz teilt mit: Die längst überfällige Verbesserung sei nicht gelungen – entgegen allen politischen Absichten und Beteuerungen.
Die provisorischen Zahlen der ersten fünf Monate, in denen der Tardoc zum Einsatz kam, zeigen: Die Kosten für ambulante Medizin steigen insgesamt im hohen einstelligen Bereich. Derweil verzeichnet die Hausarztmedizin kein Wachstum, in einzelnen Kantonen zeichnet sich sogar ein Minus ab, wie der Verband schreibt. Für die Haus- und Kinderärzte ist das ein Grund zur Sorge. Das bestehende Ungleichgewicht in den Tarifen werde so zu Ungunsten der Grundversorgung weiter verschärft.
Andere Ärztinnen verdienen das Dreifache
Nach den starken Lippenbekenntnissen sind die Hausärztinnen und Hausärzte ernüchtert. Zwar wurden Lehrstühle geschaffen und die Ausbildung aufgewertet. «Doch was bringt uns das, wenn sich viele junge Ärztinnen und Ärzte nach Abschluss doch gegen die Hausarztmedizin entscheiden?», fragt Monika Reber, Co-Präsidentin der Kinder- und Hausärzte Schweiz.
Der Beruf sei zwar für viele erstrebenswert, die Verdienstmöglichkeiten hingegen weniger erfreulich. «Geld ist für viele nicht das erste Kriterium für den Entscheid», weiss Hausärztin Reber. Doch der Wunsch nach einer besseren Grundversorgung scheitere eben doch an den finanziellen Realitäten. «Ein junger Arzt kann mit der gleichen Ausbildung je nach Fachrichtung das Doppelte oder Dreifache verdienen wie ein Hausarzt.»
Warum also gelingt es nicht, die Grundversorgung in diesem entscheidenden Punkt zu stärken? Der gute Wille sei vorhanden gewesen, sagt Reber. Doch verschiedene (technische) Faktoren hätten die Aufwertung wieder zunichtegemacht. Dazu zählt das Streichen des Hausarzt-Zuschlags oder die generelle Abwertung der Tarifpositionen um 17 Prozent im Rahmen der kostenneutralen Einführung des neuen Tarifs.
Was der Hausärztin aber noch mehr Sorgen macht: In anderen Fachbereichen sind weiterhin falsche sogenannte Minutagen hinterlegt. Sprich: Einige Tarife sind zu hoch angesetzt. Das zeige nebst dem hohen Kostenwachstum auch die Debatte über den Lohndeckel für Ärzte. Dieser sei nur dann ein Problem, wenn der Tarif nicht der tatsächlich aufgewendeten Zeit entspreche, erklärt Reber.
Ab 2028 könnte die Übertarifierung in anderen Bereichen für die Hausärzte zum Problem werden. Der Bundesrat verlangte nämlich eine kostenneutrale Einführung des neuen Tarifwerks. Das Volumen und damit die Kosten sind nun dennoch stark gewachsen – und müssen wieder zurückgestutzt werden.
Wenn aber alle gleichermassen sparen müssen, stehen die Hausärztinnen ab 2028 noch schlechter da als zuvor. Sie hätten am Ende gleich doppelt verloren. «Darum wenden wir uns nun an die Öffentlichkeit und die Politik», sagt Monika Reber. «Die Aufwertung der Haus- und Kinderarztmedizin muss messbar im Tarif ankommen.» (schweizheute.ch)
