Rätsel um kranke Kühe gelöst: Neues Virus bei Schweizer Rindern nachgewiesen
Das Rätsel um kranke Kühe in der Schweiz ist gelöst: Das Institut für Virologie und Immunologie hat in Proben von erkrankten Rindern ein neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe entdeckt, wie es am Montag der Nachrichtenagentur Keystone-SDA bestätigte.
Die Krankheit ist laut dem Institut für Virologie und Immunologie (IVI) keine über die Tierseuchenverordnung geregelte Tierseuche. «Es handelt sich nicht um eine hochansteckende Krankheit», heisst es am Montag vom Bundesinstitut auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Übertragen wird das Virus durch Gnitzen, eine Familie kleiner, meist blutsaugender Mücken. Ob die aktuelle Hitzewelle die Anfälligkeit der Tiere für die Erkrankung erhöhte, war zunächst unklar.
Mit dem Schmallenberg-Virus verwandt
Diese Befunde in der Schweiz decken sich mit Erkenntnissen aus Deutschland und Frankreich. So wurde das neue Virus etwa auch bei Kühen in Süddeutschland nachgewiesen. Das Virus gehört zu einer Gruppe, zu der auch das Schmallenberg-Virus gehört. Dieses war 2012 bereits in der Schweiz nachgewiesen worden. Es verursachte Missbildungen bei Kälbern, Lämmern und Ziegen.
Das Schmallenberg-Virus ist nicht auf den Menschen übertragbar. Das neue Virus stellt laut dem deutschen Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), auf dessen Angaben das IVI verweist, «nach bisherigem Kenntnisstand kein relevantes Infektionsrisiko für den Menschen dar». Das müsse nun aber genauer untersucht werden.
Mehrere Wochen krank
In den betroffenen Rinderbetrieben in der Schweiz dauerte das Krankheitsgeschehen nach IVI-Angaben jeweils rund 14 bis 21 Tage. Zu den häufigsten Symptomen zählten Fieber von über 40 Grad Celsius, ein massiver Rückgang der Milchproduktion, Fressunlust und Durchfall.
Ob zusätzlich ein Zusammenhang zwischen der aktuellen Hitzewelle und dem gemeldeten Krankheitsgeschehen besteht, ist derzeit nicht klar. Hohe Temperaturen stellen jedoch insbesondere für Hochleistungsmilchkühe eine erhebliche Belastung dar und können die Tiere anfälliger für Erkrankungen machen.
Weitere Ausbreitung wird erwartet
Laut FLI führen Infektionen mit Viren der Gruppe bei erwachsenen Tieren in der Regel lediglich zu milden bis moderaten klinischen Erscheinungen. «Von besonderer Bedeutung ist jedoch die mögliche Übertragung auf den Fetus während der Trächtigkeit. Abhängig vom Zeitpunkt der Infektion können Aborte, Totgeburten und schwere angeborene Fehlbildungen auftreten.»
Inwiefern derartige Probleme infolge des nun nachgewiesenen Virus auftreten, müsse noch untersucht werden, erklärte das Institut. Da die entsprechenden Mücken noch bis November aktiv sind, müsse mit einer weiteren und möglicherweise schnellen Ausbreitung des Virus gerechnet werden.
Potenzial bislang nicht genau bekannt
«Wir wissen noch nicht genau, welches Potenzial das Virus in sich trägt», sagte eine FLI-Sprecherin. Möglicherweise ginge es darum, jetzt möglichst schnell einen Impfstoff zu entwickeln.
Aufgefallen waren laut FLI erkrankte Rinder in der Schweiz, Frankreich und im Juli auch Rinder in zahlreichen Beständen in Süddeutschland, insbesondere in Baden-Württemberg. Die Symptome entsprachen demnach zunächst dem Schmallenberg-Virus. Untersuchungen auf diesen oder andere bekannte Erreger verliefen demnach jedoch negativ.
Das FLI konnte nach eigenen Angaben schliesslich eine grosse genetische Übereinstimmung mit Shamonda-Viren nachweisen. In der FLI-Mitteilung wird das nun nachgewiesene Virus daher auch als «Shamonda-like» (englisch für «Shamonda-ähnlich») bezeichnet.
«Die Untersuchungen der kommenden Wochen werden zeigen, wie rasch es sich ausbreitet, welche Tierarten besonders betroffen sind und mit welchen klinischen Folgen zu rechnen ist», stellte Martin Beer, Vizepräsident des FLI fest.
Lage für Milchproduzenten kritisch
Der Branchenverband Schweizer Milchproduzenten (SMP) beurteilte die Lage zuletzt als gravierend. «Die Lage ist kritisch», hatte der Verband am Freitag auf Anfrage von Keystone-SDA mitgeteilt.
«Tiefe Milchpreise, Trockenheit, Hitzestress, kranke Tiere und fehlendes Futter treffen zusammen. Diese Kumulation bringt zahlreiche Betriebe an ihre Grenzen und gefährdet wirtschaftliche Existenzen», so der SMP. (hkl/sda)
