«Weil unsere Weiden verdorrt sind, müssen wir unsere Kühe notschlachten»
Vor einigen Tagen ist Anna-Maria Tschannen über ihr Land gelaufen: «Es ist alles dürr. Da blüht kein Grashalm mehr, nichts», sagt die Bio-Bäuerin, die mit ihrem Partner den Hof Rütimatt im bernischen Gerzensee betreibt. «Da kann man nur noch heulen.»
Tschannen gehört zu den fast 700 Menschen, die einen offenen Brief an den Schweizerischen Bauernverband unterzeichnet haben. Die Initianten gehen davon aus, dass mehrere Hundert von ihnen aus der Landwirtschaft kommen.
Im Brief kritisieren sie den Verband, der von dem Nationalrat Markus Ritter präsidiert wird, scharf. «Von sich aus macht der Bauernverband gar nichts in Sachen Klimaschutz», sagt Finn Suter, der den Brief zusammen mit fünf anderen Bauern und Bäuerinnen initiiert hat. «Im Gegenteil bekämpft er sogar jegliche Klimaschutzmassnahmen im Parlament.»
Etwas, das Suter und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern sauer aufstösst:
Dabei hätte der Bauernverband einen grossen Hebel, um sich politisch für den Klimaschutz einzubringen, ist Suter überzeugt. Das ist es auch, was die Unterzeichnenden des Briefes von Markus Ritter fordern: «Der Bauernverband sollte das Thema Klimaschutz aktiv bespielen, statt immer nur abzublocken.»
Es sei eine verpasste Chance, wenn der Branchenverband der Landwirte sich nicht überlege, wie er Klimaschutz für seine Mitglieder effektiv und gleichzeitig praktisch umsetzbar gestalten könne.
Wintervorräte schon jetzt angezapft
Auch Tschannen fühlt sich vom Bauernverband nicht mehr vertreten. Zwar ist sie noch Mitglied. «Aber nur weil ich als Bäuerin, die Lernende ausbildet, Mitglied sein muss», sagt sie.
Vor dreieinhalb Jahren haben sie und ihr Partner den Rütimatt-Hof, auf dem auch Gäste übernachten können, übernommen. Es ist der heisseste und trockenste Sommer, den sie beide als Bauern erleben. Alles Grünland ist verdorrt.
Tschannen hat damit begonnen, ihre Kühe notzuschlachten. Nicht weil diese krank wären. Sondern weil ihr das Futter ausgeht.
«Wir müssen schon jetzt auf den Wintervorrat zurückgreifen. Diesen wollten wir eigentlich erst ab November anbrauchen», sagt Tschannen. Als Bio-Bäuerin kann sie zudem nicht einfach so Futtermittel dazukaufen. Sie versucht jetzt, die Tiere, die sie nicht abstossen kann – trächtige Kühe und Kälbchen zum Beispiel – über die Runden zu bringen und irgendwie Futter aufzutreiben.
Die Tiere von Tschannen leiden in der Hitze. Für sie hat die Biobäuerin nun eine Sprühnebelanlage angeschafft. «Die Kühe lieben die Abkühlung. Es ist eine grosse Erleichterung für sie», sagt Tschannen.
Was für die Tiere gar keine Erleichterung ist, ist die Hitze auf den Feldern, die kaum Schatten bieten. Als Biobetrieb verpflichtet sich Tschannen eigentlich dazu, ihre Kühe möglichst oft im Freien weiden zu lassen. In der aktuellen Hitze, in der die Kühe ohnehin kein Gras mehr finden, sei das für die Tiere aber eher eine Qual.
Tschannen berichtet, dass Bio Suisse ihre Mitglieder in einem Rundschreiben darüber informiert habe, dass wegen der extremen Wetterlage diese und andere Regelungen etwas gelockert würden.
Das habe ihr geholfen, sagt Tschannen. «Vom Bauernverband habe ich seit Beginn der Hitze nichts gehört.»
Tschannen würde sich wünschen, dass der Bauernverband die Probleme, die die Klimakrise der Landwirtschaft bereitet, klar benennen würde. «Stattdessen blockiert er die Themen, die den Klimawandel verlangsamen könnten.»
Tschannen nennt als Beispiel die Trinkwasser-Initiative. Diese forderte, dass nur noch Direktzahlungen erhält, wer keine Pestizide einsetzt. Markus Ritter und der Bauernverband waren dagegen. Genauso wie die thematisch eng verwandte Pestizid-Initiative, die ein gänzliches Verbot von Pflanzenschutzmitteln forderte.
Tschannen hätte auch andere Beispiele nennen können: die Biodiversitätsinitiative, die den Schweizer Artenschutz stärken wollte: Markus Ritters Bauernverband war dagegen.
Die Klimafonds-Initiative, über die die Schweizer Stimmbevölkerung im März abstimmte und die verlangte, dass die Schweiz bis zu einem Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts für den Klimaschutz reserviert: Der Bauernverband lehnte sie ab, weil sie in seinen Augen den finanziellen Druck auf die Bauern erhöht hätte.
Alles Anliegen, die sich für eine grünere, nachhaltigere, klimafreundlichere Schweiz einsetzten. Markus Ritter bekämpfte sie mit seinem Bauernverband allesamt und war also mitverantwortlich dafür, dass sie an der Urne ausnahmslos gescheitert sind.
Markus Ritter verteidigt sich: Es könne nicht die Rede davon sein, dass der Bauernverband sich nicht für den Klimaschutz engagiere, lässt er über die Mediensprecherin des Bauernverbands, Sandra Helfenstein, ausrichten.
«So haben wir zum Beispiel die Ja-Parole bei der Abstimmung über das CO2-Gesetz beschlossen, bei der es um die Reduktion der Treibhausgasemissionen zur Erfüllung des Pariser Klimaabkommens ging», heisst es in der Stellungnahme gegenüber watson.
Der Brief habe ihn etwas stutzig gemacht, sagt Ritter. Von den Namen, die darunter stehen würden, kennt er niemanden, sagt Ritter. Es könne schon sein, dass es unter den Unterzeichnenden Leute aus der Schweizer Landwirtschaft gebe.
Tatsächlich kommt das Schreiben ohne klaren Absender und Kontaktdaten daher, was für einen offenen Brief schon ungewöhnlich ist.
Mitinitiant Finn Suter gibt auch unumwunden zu, dass nicht alle der mittlerweile über 700 Unterzeichnenden aus der Landwirtschaft stammen.
Er und seine fünf Mitstreiter und Mitstreiterinnen hätten den Brief in ihrem Umfeld gestreut. Dieses bestehe vor allem aus Klein- und Biobauern.
Der Bauernverband hat wenig Verständnis für das gewählte Mittel des offenen Briefs: «Die Landwirte, Landwirtinnen, die bei uns Mitglieder sind, können sich zudem direkt und demokratisch bei uns einbringen und müssen keine offenen Briefe schreiben», sagt Sprecherin Helfenstein.
Der Bauernverband wird den offenen Brief dennoch in den nächsten Tagen beantworten.
