Lucas Uldry ist erster autistischer Fussball-Schiri der Romandie
C-Junioren-Spiele wie jenes zwischen Pully und Echandens vom Samstag, 12. September 2026, gibt es jedes Wochenende zu Hunderten in der Romandie. Und trotzdem wird diese Partie in der Geschichte des Westschweizer Fussballs einen besonderen Platz einnehmen. Der Grund: Zum ersten Mal wurde ein solches Spiel von einem Schiedsrichter mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) geleitet. «Ich kenne kein anderes Beispiel aus der Romandie», sagt Jean-Marie Perret. Der Sonderpädagoge und Vorreiter des inklusiven Fussballs bezeichnete die Premiere in einem LinkedIn-Post als «magischen Moment».
Der Pionier heisst Lucas Uldry, ist 18 Jahre alt und lebt in Grandvaux im Kanton Waadt. Sein Handicap hat ihn nicht davon abgehalten, seinen Traum zu verwirklichen: Gerade erst hat er beim Waadtländischen Fussballverband (ACVF) seine Schiedsrichterausbildung erfolgreich abgeschlossen. «Als ich nach bestandener Prüfung meine offizielle Ausrüstung, meine Karten und meine Pfeife bekommen habe, war das eine riesige Freude und ein grosser Moment des Stolzes», erzählt Lucas mit ruhiger Stimme am Telefon. Und wie war nun dieses erste Spiel?
Sein Mentor Jean-Marie Perret war bei dieser Premiere natürlich ebenfalls dabei. Er zieht ein positives Fazit: «Ich fand Lucas besonders souverän und sicher, auch im Vergleich mit einem ‹normalen› Schiedsrichter – wobei ich dieses Wort überhaupt nicht mag.» Der 51-jährige Waadtländer Sonderpädagoge sieht in Lucas' Einschränkung sogar einen möglichen Vorteil für seine Arbeit als Schiedsrichter:
Natürlich wird ein Fussballer nicht bei seinem ersten Spiel zu Kylian Mbappé, genauso wenig ist ein Schiedsrichter sofort ein Pierluigi Collina. Lucas Uldry hat noch Entwicklungspotenzial, das womöglich ebenfalls mit seiner ASS zusammenhängt. «Die Regeln strikt durchzusetzen, ist eine gute Sache, aber Lucas könnte in gewissen Situationen etwas mehr Fingerspitzengefühl zeigen», analysiert Jean-Marie Perret. Der Experte nennt ein Beispiel:
Doch Jean-Marie Perret ist überzeugt: «Lucas wird es schaffen, dieses Fingerspitzengefühl nach und nach zu entwickeln. Er könnte sich zum Beispiel sagen: ‹Statt dem Spieler gleich eine echte Karte zu zeigen, zeige ich sie ihm zuerst in Gedanken.›»
Das Camp Nou und das Schweizer Idol
An Ausdauer mangelt es Lucas Uldry definitiv nicht. Für sein Schiedsrichter-Diplom musste er anspruchsvolle Prüfungen bestehen. Darunter natürlich auch die Auseinandersetzung mit einem komplexen Regelwerk. «Er hat zudem die körperlichen Tests bestanden, darunter den berüchtigten Zwölf-Minuten-Lauf – und das trotz einer motorischen Beeinträchtigung, die mit seiner ASS zusammenhängt und seinen Gang beeinflusst», sagt Jean-Marie Perret anerkennend.
Und dann war da natürlich noch dieses erste Spiel. Damit es gut über die Bühne ging, musste Lucas unbedingt den richtigen Draht zu den 13- und 14-jährigen Spielern finden. Das gelang ihm – obwohl eine ASS, selbst in einer vergleichsweise leichten Ausprägung wie bei Lucas, den flüssigen verbalen und nonverbalen Austausch erschweren kann.
Doch mit einer Motivation wie der von Lucas sind solche Hürden zu meistern. Während viele fussballbegeisterte Jugendliche in seinem Alter davon träumen, der nächste Messi oder Ronaldo zu werden, hat Lucas einen anderen Traum: «Ich möchte eines Tages den FC Barcelona im Camp Nou pfeifen.» Seine Vorbilder? «Adrien Jaccottet (der bis 2022 in der Super League pfiff, Anm. d. Red.). Er war immer sehr gut und fair in seiner Kommunikation.» Weiter nennt er Sandro Schärer, aktuell der international prominenteste Schweizer Schiedsrichter. Bei der Frage nach seinem Berufswunsch kommt Lucas' Antwort wie aus der Pistole geschossen: «Profi-Schiedsrichter!» Wenn man ihm zuhört, wird schnell klar: Die Pfeife ist für ihn nicht nur ein Hobby, sondern eine Berufung:
Und es gibt noch einen weiteren Grund:
Keine Sonderbehandlung
Dass Lucas Uldry sein Ziel erreicht hat, verdankt er auch den Menschen, die ihn auf seinem Weg unterstützt haben. Allen voran seiner Familie. «Wir waren am Samstag in Pully alle bei seinem ersten Spiel dabei, um ihn anzufeuern! Seine Eltern, sein 90-jähriger Grossvater, der ebenfalls Fussball gespielt hat, seine Grossmutter, seine Cousins und Cousinen. Auch für uns war es ein riesiger Moment, Lucas als Schiedsrichter zu sehen und zu erleben, wie er einer Tätigkeit wie alle anderen nachgehen kann. Wir haben uns riesig für ihn gefreut», erzählt sein Vater Nicolas Uldry mit noch immer hörbarer Rührung in der Stimme. Und er fährt fort:
Nicolas hat Lucas die Leidenschaft für den Fussball mitgegeben. Vater und Sohn besuchen regelmässig gemeinsam die Spiele von Lausanne-Sport, ihrem Herzensklub.
Lucas feuert den Waadtländer Traditionsklub aber nicht nur an, er spielt auch selbst für ihn – in der Behindertenmannschaft LS4ALL («Lausanne für alle»). Dort lernte er auch Jean-Marie Perret kennen, den Trainer des Teams. «Vor ein paar Monaten kam sein Vater zu mir und sagte, dass Lucas Schiedsrichter werden wolle», erzählt der Sonderpädagoge. Ein Glück: Jean-Marie Perret ist auch Gründer von «On s'en foot», einem Inklusionsprojekt rund um den Fussball, das mit dem Schweizerischen Fussballverband (SFV) verbunden ist und unter dem Dach des FC Epalinges läuft. Perret ist dort Präsident.
Er hat Lucas Uldry während seiner gesamten Ausbildung begleitet und dabei unter anderem den Kontakt zum Waadtländischen Fussballverband hergestellt. «Der Waadtländer Verband war für das Anliegen sehr offen und äusserst wohlwollend», sagen Jean-Marie Perret und Nicolas Uldry unisono. Einen Freipass bekam Lucas als Bewohner des Lavaux trotzdem nicht. Und genau das will Jean-Marie Perret für seinen Schützling auch nicht.
Ein konkretes Beispiel? «Ich finde nicht, dass man die Spieler vor dem Spiel auf sein Handicap hinweisen muss. Ich sehe es eher so: Ein Schiedsrichter ist ein Schiedsrichter. Punkt.»
Bei Juniorenspielen fürchtet der Mentor vielmehr die Reaktionen von übermotivierten Eltern am Spielfeldrand. Solche hitzigen Momente sind für jeden Schiedsrichter schwierig zu meistern.
Aber Lucas Uldry kann beruhigt sein: Im Camp Nou in Barcelona werden die Spieler ihre Eltern nicht mehr brauchen, um mit dem Schiedsrichter zu diskutieren.
