«Je schneller wir diese Gefahrenzone wieder verlassen, desto besser»
Thomas Häusler ist Klimaexperte beim WWF und Teil der Delegation, die ab Montag an der Klimakonferenz COP31 in der Türkei die Schweiz vertreten wird. Häusler reist nicht mit dem Flugzeug nach Antalya, sondern mit dem Zug. Dafür benötigt er vier Tage.
Die 1,5-Grad-Grenze wird global bereits zeitweise überschritten. Nun droht auch langfristig ein sogenannter Overshoot. Was bedeutet das?
Thomas Häusler: Wir können nicht mehr vermeiden, dass wir diese Grenze überschreiten. Die 1,5 Grad sind nicht irgendeine theoretische Grenze. Spätestens der Hitzesommer hat uns gezeigt, was die Erwärmung auch für die Schweiz bedeutet. Wir Menschen und die Natur sind bereits heute mit schweren Folgen, Risiken und Unsicherheiten konfrontiert. Oberhalb von 1,5 Grad gibt es keine ungefährliche Zone. Es drohen auch irreversible Schäden. Die meisten Korallenriffe könnten zum Beispiel absterben, und auch die meisten Gletscher in den Alpen werden verschwinden.
Was müssen wir tun?
Ohne Verzug so stark wie möglich Gegensteuer geben, um möglichst rasch wieder unter diese 1,5 Grad zu kommen. Die Welt hat starkes Fieber und jedes weitere Zehntelgrad erhöht das Risiko überproportional und verschlimmert die Folgen. Je schneller wir diese Gefahrenzone wieder verlassen, desto besser.
Wird an der COP31 über diesen Overshoot gesprochen?
Das wird ein politisch sehr wichtiges Thema sein. An der COP geht es darum, dass alle Länder ihren Ausstoss an Treibhausgasen stärker und schneller senken als bisher. Alle müssen weg von Öl, Gas und Kohle. Dafür gibt es verschiedene Verhandlungsstränge an der Konferenz.
Sind da konkrete Resultate zu erwarten?
Verbindliche Vorschriften darüber wird es leider nicht geben. Weil der Ausstieg viel zu langsam passiert, werden wir in Zukunft CO₂ aus der Atmosphäre entfernen müssen, um wieder auf die 1,5 Grad zu kommen. Diese Technologien sind aber sehr teuer und mit grossen Unsicherheiten behaftet. Es braucht diese Entnahme von CO₂ zusätzlich zum Ausstieg aus den fossilen Energieträgern und nicht als Ersatz.
Was ist sonst dringend?
Wir müssen sämtliche Prozesse umstellen, in denen heute fossile Energieträger eingesetzt werden. Wer beispielsweise noch eine Öl- oder Gasheizung hat, sollte sie möglichst rasch ersetzen, am ehesten durch eine Wärmepumpe. Auch in der Industrie lässt sich mittlerweile mit Wärmepumpen sehr viel erreichen. Und bei der Stromerzeugung werden in vielen Ländern noch Kohle und Gas eingesetzt.
Viel diskutiert wird an Klimakonferenzen über Geld. Was stimmt nicht mit den Finanzflüssen?
Da muss man zwei Bereiche unterscheiden. Erstens benötigen die Länder des globalen Südens grosse Geldsummen, um ihre Emissionen zu reduzieren und sich an die Folgen der Klimaerwärmung anzupassen. Viele dieser Länder haben wenig zum Klimaproblem beigetragen, sind aber besonders stark von den Folgen betroffen. Denken Sie an die Katastrophe in Nepal. Deshalb haben sich alle Länder an der COP vor zwei Jahren auf höhere Zahlungen geeinigt. Von 100 Milliarden auf 300 Milliarden pro Jahr bis 2035. Bisher hat aber kein Geberland wirklich aufgezeigt, wie es seinen Beitrag entsprechend erhöhen will. Im Gegenteil: Viele Länder haben ihre Zahlungen in den vergangenen ein, zwei Jahren gekürzt.
Und der zweite Bereich?
Laut einem UNO-Bericht fliesst etwa 30-mal mehr Geld in Aktivitäten, welche die Natur schädigen, als in solche, die ihr zugutekommen. Die Frage ist deshalb, wie wir diese Geldflüsse schneller umlenken können – und zwar so, dass die Umschichtung gerecht erfolgt. Dabei geht es um Tausende Milliarden Dollar.
Welche Rolle spielt die Schweiz dabei?
Bei der Unterstützung des globalen Südens hat auch die Schweiz nicht aufgezeigt, wie sie ihre Zahlungen erhöhen will. Der Bundesrat will im nächsten Jahr dazu Stellung nehmen. In einem Bereich stehen aktuell sogar Kürzungen zur Diskussion. Und im privaten Bereich gehören Investoren und Vermögensverwalter aus der Schweiz mit Investitionen von fast 127 Milliarden US-Dollar zu den zehn grössten Anlegern in fossile Industrien weltweit.
Heute sind global 23 Prozent der weltweit bereitgestellten Energie für Industrie, Verkehr und Gebäude elektrisch. Da fehlt noch einiges.
Wir müssen unter dem Strich alle Treibhausgas-Emissionen stoppen. Das ist ohne totale Umstellung nicht zu erreichen. Das heisst aber nicht, dass die gesamte Energiemenge, die heute verbraucht wird, durch elektrische Energie geliefert werden muss. Denn mit der Elektrifizierung sparen wir sehr viel Energie. Ein Beispiel ist der Autoverkehr. Beim Elektroauto sind die Energieeffizienz und der Wirkungsgrad wesentlich höher als beim Verbrennerauto. Ähnlich ist es bei Wärmepumpen. Mit einer Kilowattstunde Strom kann eine Wärmepumpe aus der Umgebung ein Mehrfaches an Wärme für ein Gebäude bereitstellen.
Das Ziel ist, dass 2035 global 35 Prozent elektrifiziert sind. Wie realistisch ist das?
Das ist ein Vorschlag der Türkei, die zusammen mit Australien die Präsidentschaft der COP31 teilt. Die Internationale Energieagentur, die nicht gerade als Speerspitze der Umweltbewegung gilt, kommt zum Schluss, dass bereits heute ein Elektrifizierungsgrad von 33 Prozent wirtschaftlich umsetzbar wäre. Das heisst: Die Umstellung würde sich bereits heute in den allermeisten Fällen finanziell lohnen.
Wo steht die Schweiz beim Elektrifizierungsgrad?
Die Schweiz liegt leicht über dem globalen Durchschnitt. Wir waren im Jahr 2024 bei 26,7 Prozent. Bei der Stromproduktion stehen wir mit einem hohen Anteil Wasserkraft und zunehmend auch Solarkraft bereits relativ gut da. Auch beim Heizen läuft die Umstellung von Öl und Gas auf Wärmepumpen – das Tempo müsste jedoch noch zunehmen. Allerdings werden selbst in Neubauten noch Gas- und Ölheizungen eingebaut, die danach 20 bis 25 Jahre in Betrieb bleiben. Jede dieser Heizungen ist eine zu viel. Insbesondere beim Flugverkehr sieht es aber deutlich schlechter aus.
Welchen Einfluss hat das extreme Wachstum von Datencentern auf das Klima?
Das hat global Auswirkungen, weil in einigen Ländern neben Datencentern auch Gaskraftwerke aufgestellt werden, die den Strom liefern. In der Schweiz gibt es viel CO₂‑armen Strom, da sind die Auswirkungen aktuell noch verkraftbar. Aber der Stromverbrauch dieser Datencenter ist gross, deshalb müssen dafür die erneuerbaren Energien ausgebaut werden.
Gibt es Kipppunkte zum Guten? In Norwegen wird fast nur noch elektrisch gefahren.
Dieser Kipppunkt wurde aktiv gefördert. Zum Beispiel gab es zeitweise keine Mehrwertsteuer für E-Autos und Gratis-Parkplätze. Positive Kipppunkte gibt es auch an anderen Orten. Die Preise von Photovoltaikanlagen und Batterien sind in den vergangenen Jahren um rund 90 Prozent gesunken. Dies hat auch in Ländern wie Pakistan und Nigeria zu einem Solarboom geführt. Dank Solartechnik erhalten Menschen Strom, die sonst in 20 Jahren noch keinen Zugang hätten.
Während Corona wurde die Flugscham diskutiert. Ist der Flugverkehr ein Thema an der COP?
Der Flugverkehr ist heute leider sogar noch höher als vor Corona. An der Klimakonferenz ist die Luftfahrt ausgeklammert. Dafür ist die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) der UNO zuständig. Innerhalb der ICAO verhandeln die Mitgliedsländer direkt. Auch sie hat das Ziel herausgegeben, bis 2050 Netto-Null zu erreichen. Aber man ist nicht auf Kurs.
Welchen Einfluss hat der vergangene Hitzesommer auf die COP31?
Der Hitzesommer war vor allem in Europa und den USA ein Thema. Aber Extremereignisse haben schon einen Einfluss auf die Stimmung an der Konferenz. Zum Beispiel verheerte kurz vor der COP 19 im Jahr 2013 der Taifun Haiyan die Philippinen und forderte Tausende Todesopfer. Diese Katastrophe verstärkte die Rufe, dass der globale Süden deutlich mehr Unterstützung im Kampf gegen die Klimaerwärmung und ihre Folgen erhalten muss.
Sie sind Teil der Schweizer Delegation. Welche Erwartungen haben Sie?
Dass alle Länder schneller und stärker zulegen. Die Schweizer Delegation nimmt vom Bundesrat ein ganzes Buch voller ehrgeiziger Verhandlungsziele mit. Wir müssen die Hausaufgaben allerdings selbst auch machen. Zum Beispiel setzt die Schweiz stark darauf, ihre Emissionen im Ausland zu kompensieren. Es wäre aber fürs Klima und die Schweiz viel besser, wenn wir die Emissionen im Inland reduzieren. Das müssen wir später sowieso.
Die Midterms haben einen Erdrutschsieg der Demokraten ergeben. Ist das eine Hoffnung für das Klima?
Die USA ist selbst nicht mehr an der COP dabei und darum ist ihr Einfluss nicht mehr so gross wie früher. Aber auf die Stimmung an der COP hat das sicher eine positive Auswirkung. Was die Demokraten bewirken können, ist noch offen. Trump regiert mit Dekreten am Parlament vorbei und hat gerade wieder Vorschriften im Methanbereich gelockert. Um Kahlschläge Trumps zurückzudrehen, wird es Jahre brauchen.
Was ist Ihr persönliches Ziel an der COP?
Eine Klimakonferenz ist ein riesiges Räderwerk. Ich hoffe, als Teil der Delegation an der einen oder anderen Stelle etwas positiv mitdrehen zu können. An der COP ist man mit verschiedenen Teilnehmern im Gespräch und solche Kontakte können den Klimaschutz manchmal ebenfalls voranbringen.

