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Crans-Montana: Macron kommt nicht nur zum Trauern in die Schweiz

Macron kommt nicht nur zum Trauern in die Schweiz

Der französische Präsident nimmt am Freitag am Trauertag in Martigny teil. Damit sendet er auch ein Signal an die Schweizer Justiz.
09.01.2026, 06:5509.01.2026, 06:55
Stefan Brändle, Paris / ch media

Dass Emmanuel Macron der Brandopfer von Crans-Montana am Freitag persönlich gedenken kommt, zeigt allein schon auf, wie gross der Schmerz in Frankreich ist und bleibt. Neun meist junge Französinnen und Franzosen sind in dem Flammeninferno ums Leben gekommen, 21 wurden zum Teil schwer verletzt.

French President Emmanuel Macron delivers a speech to French ambassadors Thursday, Jan. 8, 2026 at the Elysee Palace in Paris. (AP Photo/Michel Euler, Pool)
France Macron
Wir müssen das hinkriegen: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Donnerstag vor den Botschaftern seines Landes.Bild: keystone

Die Pariser Medien berichten über Eltern, die in fünf Ländern bis nach Deutschland verzweifelt nach ihren Sprösslingen suchen mussten, in zunehmender Angst und Panik vor dem denkbar schlimmsten Bescheid – der manchmal auch eintraf.

Frankreich erfährt täglich mehr über die leicht entzündliche Deckenisolation im «Le Constellation», die enge Kellertreppe und den einzigen, trotzdem unbenützbaren Notausgang. Zwei überlebende Französinnen namens Victoria und Albane erzählten dem TV-Sender BFM, wie die Bar binnen weniger Sekunden völlig in Brand gestanden sei. Es sei «wie im Horrorfilm» gewesen, erinnerte sich Adrien, ein junger Franzose.

Der anfängliche Schock und Schmerz weicht in Frankreich der Bestürzung, ja Wut über die Baufehler in der Bar. Einzelne Orte verharren in tiefer Trauer für die Verstorbenen, Besançon für Noa (14), Angers für Matéo (23), Toulouse für Noémie (26). Aus Versailles waren drei Mittelschüler dabei, Valentin, Artus und Edgar, hoffnungsvolle Vertreter der renommierten Privatschule Saint-Jean Hulst. Sie liegen aber mit schweren und schwersten Brandverletzungen in den Notfallstationen. Zahllose anonyme Bürger der ehemaligen Königsstadt haben schon an einem Gottesdienst für sie gebetet, damit sie am Leben bleiben.

Pariser Strafverfahren

Kein Wunder, reist der Staatschef an die Hommage in Martigny. Wie man aus Bern hört, wird er Opferangehörige begleiten. Gewiss aus persönlicher Betroffenheit und Solidarität mit trauernden Landsleuten, aber auch im Bewusstsein, dass er solche gefühlten Auftritte in TV-Bilder umzusetzen versteht – er, der innenpolitisch selber angeschlagen und isoliert ist.

French President Emmanuel Macron delivers a speech to French ambassadors Thursday, Jan. 8, 2026 at the Elysee Palace in Paris. (AP Photo/Michel Euler, Pool)
France Macron
Auch Macron ist am Freitag in Martigny.Bild: keystone

Macrons Anwesenheit erlaubt aber noch eine weitere Lesart. Die offensichtlichen Verfehlungen der Verantwortlichen haben bereits dazu geführt, dass der Schweizer Ruf solider Zuverlässigkeit einen bösen Kratzer erhalten hat.

Mehrere Westschweizer Anwälte, etwa Romain Jordan aus Genf oder Sébastien Fanti aus Sion, lassen in den Pariser Medien kein gutes Haar an den Gemeindebehörden von Crans. Warum gab es keine Hausdurchsuchung oder Beugehaft zur Beweissicherung?, fragen sie mit Nachdruck, um selber zu antworten: Jetzt sei es dafür zu spät, jetzt seien die Facebook-Bilder der Schaumstoffdecke bereits gelöscht.

Und während der Druck auf die Walliser Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud steigt, wurde in Paris bekannt, dass die französische Staatsanwaltschaft ihrerseits ein Verfahren eingeleitet hat. Eine Desavouierung der Schweizer Justiz? Die französische Staatsanwältin Laure Beccuau verneint: Ein solches Zusatzverfahren in einem Nachbarland sei «sehr klassisch»; es richte sich nicht gegen das Hauptverfahren, sondern solle den französischen Opfern eine Anlaufstelle bieten.

Beccuau versprach weiter, ein Zweitprozess sei in Paris nicht geplant. Die höchste Anklägerin ihres Landes betonte indessen, Frankreich würde «äusserst schnell und effizient Rechtshilfe leisten», wenn die Schweiz darum ersuchen würde. Das sei allerdings noch nicht geschehen, auch nicht in bezug auf den aus Frankreich stammenden Wirt.

Das lässt sich nun fast als Aufforderung an die Schweiz lesen, auf gut Deutsch vorwärts zu machen. Auch Macron dürfte am Freitag darauf pochen. Natürlich nicht frontal – dazu ist der Anlass ungeeignet, und Macron mag es gerne diplomatisch. Aber er könnte zum Beispiel eine Anspielung machen, indem er die traditionell tadellose Kooperation der französischen und Schweizer Justiz lobt.

Und er hätte recht: Nach dieser Tragödie, nach all den bereits bekannten Fehlern, ist jetzt nur noch eine tadellose Arbeit der zuständigen Behörden erlaubt. Und tadellos heisst aus französischer Sicht auch: nicht mit der üblichen Schweizer Bedächtigkeit – s’il vous plaît! (aargauerzeitung.ch)

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